Pablo Heras-Casado zähmt das Rheingold

Richard Wagner, Das Rheingold Pablo Heras-Casado  Wiener Staatsoper, 19. Mai 2026

Foto: Pablo Heras-Casado © Fernando Sancho

Überraschend kontrolliert nähert sich Pablo Heras-Casado dem „Ring“ an der Wiener Staatsoper. Der Spanier setzt auf Klangbalance und entrückte Atmosphäre. Kraftmeierei lässt er in seinen Tempi kaum zu. Der Cast fügt sich dem an.

Richard Wagner, Das Rheingold
Wiener Staatsoper,
19. Mai 2026

von Jürgen Pathy

„Yes, endlich vorbei“. Die Erleichterung der fünf jungen Mädels war deutlich zu spüren. Auf 2 Stunden 30 Minuten hatte Dirigent Pablo Heras-Casado sich sein Konzept für „Das Rheingold“ zurechtgelegt. Ohne Pause, Richard Wagner in einem durch. Das kann schon zur Herausforderung werden. Das ausgedehnte Tempo spürte man enorm im Vorspiel, dann intensiv bei Erdas Mahnung in Richtung Wotan. Dabei war das Wiener Staatsopernorchester ein hervorragender Begleiter.

Volle, Nigl & Co setzen auf Schöngesang

Auf der Bühne fasst ein Wort am besten zusammen, wie dieser Start in Wagners „Ring“ begonnen hat: kultiviert. Bislang war man an der Wiener Staatsoper mehr Drama, Haudegen, List und Schweiß gewohnt. Tomasz Konieczny hat als Wotan hier energische Maßstäbe gesetzt. Michael Volle agiert nun komplett konträr. Diszipliniert, mit der Noblesse eines Shakespeare-Königs. Diesen Vergleich hatte man mal in einem Feuilleton gezogen.

Auch der Rest der Sippe geht mit Schöngesang an die Geschichte ran. Matthäus Schmidlechner als Loge packt weniger Hinterlist aus als gewohnt. Georg Nigl als Alberich sitzt der Schalk tief in den Knochen. Generell spielt er groteske Partien, die er dem Alberich auch einflößt. Sein Fluch wirkt weniger boshaft, eher wie der Ausbruch eines Irren aus der Nervenheilanstalt.

Mime, Gerhard Siegel, wandelt in den Spuren gewohnter Darstellungen am Haus: minimal keifend, mit viel Textverständlichkeit und ebenfalls einer Portion Schöngesang. In gewohnter Manier präsentiert sich Szilvia Vörös als Fricka. Ihr Mezzo hat eine atemberaubende Strahlkraft, eine Dominanz und Kraft, die sie kultiviert zu tragen bringt, gepaart mit einer Stimmfarbe, die mir jedes Mal das Herz höherschlagen lässt.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf sagt alles ohne große Gesten. Minimalistisch, reduziert, in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten, mit viel Zweideutigkeit und Raum für die Charaktere, sich zu entfalten. 2028 soll sie von einer Neuproduktion abgelöst werden. Regisseur Ersan Mondtag möchte die Gerüchte nicht bestätigen, dass er dafür den Zuschlag erhalten habe.

Bayreuther Atmosphäre in Wien

Das Dirigat gibt zum Nachdenken. Dieser Zugang hat schon etwas Einzigartiges. Bereits bei Mozarts „Titus“ hatte Pablo Heras-Casado gezeigt, er packt die Sachen anders an. Diese Abweichung von der Norm hat viele interessante Aspekte.

Es wirkt, als wolle er Bayreuth nach Wien bringen. Dort hatte Heras-Casado den „Parsifal“ dirigiert. Genauso wirkt dieses „Rheingold“-Dirigat. Viel darauf bedacht, die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben zu wahren. Niedergebügelt wird bei Heras-Casado kein einziger Sänger. Dynamische Ausbrüche bis aufs Äußerste lässt er nur bei den Zwischenspielen zu.

Die Atmosphäre gleicht ebenfalls einer sakralen, entrückten Welt. So als würde der heilige Gral an der Decke schweben. Das Publikum steht lautstark hinter diesem Zugang. Dieser war sicherlich Konzept. In dieser Ausgeprägtheit möglicherweise jedoch ein Herantasten an den Wiener-Wagner-Sound, der durchaus mehr Zug nach vorne vertragen würde.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 20. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bayreuther Festspielorchester, Pablo Heras-Casado Wolkenturm, Grafenegg, 29. August 2024

Orchester der Bayreuther Festspiele, Pablo Heras-Casado, Dirigent, Walküre Wolkenturm, Grafenegg, 29. August 2024

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