Jonas Kaufmann © Gregor Hohenberg – Sony Music
Jaj, Jaj, Jaj!
Magische Töne
Klassischer Konzertabend
Jonas Kaufmann, Tenor
Malin Byström, Sopran
Philharmonie Baden-Baden
Jochen Rieder, Leitung
Konzerthaus, Rolf Böhme Saal, Freiburg, 30. April 2026
von Kathrin Beyer
Schon im Vorfeld platzierte ich drei Wünsche beim Universum.
Der Erste galt der Deutschen Bahn, ich muss ihn wohl nicht näher benennen.
Im Zweiten bat ich darum, dass Jonas Kaufmann gut bei Stimme sei.
Der dritte Wunsch bezog sich auf den heutigen Tag und meine momentane Tätigkeit des Schreibens. Möge ich die richtigen Worte finden, wünschte ich mir, um von einem Konzertabend zu erzählen, der hier schon von meinen Vorgängern, aus anderen Städten, besprochen wurde.
Jetzt gilt’s.
Mit der Ouvertüre aus Gräfin Mariza eröffnet die Philharmonie Baden-Baden, unter der Leitung von Jochen Rieder, temperamentvoll und beschwingt den Abend. Auch ich lasse mich mitreißen auf eine Musikform, die ich bisher nicht sehr gepflegt habe.
Jonas Kaufmann hat seinen ersten Auftritt mit dem Lied des Tassilo, aus Gräfin Mariza.
Er wird mit freundlichem Beifall empfangen. Keine Spur von Überschwänglichkeit seitens des Publikums.
Oh, denke ich, hier gibt es keine Vorschusslorbeeren, hier muss er liefern. Das macht es interessant.
Vollprofi, der Herr Kaufmann nun einmal ist, wickelt er das Freiburger Publikum recht schnell um den Finger. Nicht nur durch seinen Gesang, sondern auch mit seiner charmanten Plauderei.
Schon die erste Arie, die in ungarisch gesungen und zauberhaft gelungen ist, lässt die Zurückhaltung des Publikums schwinden, im Laufe des Abends verliert sich alle anfängliche Distanz.
Auf das danach folgende Wolgalied aus Der Zarewitsch bin ich persönlich sehr gespannt.
Lassen Sie mich kurz abschweifen …
Ich habe mir im Vorfeld dieses Konzertes schon die CD angehört. Als ich auf oben genanntes Lied stieß, fiel mir mein Großvater wieder ein, der Operetten liebte. Der Zarewitsch zählte offenbar zu seinen Favoriten. Ich habe das Wolgalied fünf Jahrzehnte nicht mehr gehört und es vollkommen vergessen.
Als es mir jetzt wieder begegnete, saß ich völlig fasziniert da, konnte mich an den Text erinnern und auch daran, dass es mich schon als Kind zu Tränen rührte.
Nennen Sie es Nostalgie, aber es rührt mich noch heute.
Kaufmanns Interpretation ist sehr bewegend.
Stimmlich gelingen ihm die leisen und hohen Töne dieses Liedes (und die aller anderen) wunderbar und sehr emotional.
Ohne Zweifel hat das Universum meinen zweiten Wunsch sehr wohlwollend bearbeitet.
Jonas Kaufmann ist herrlich in Form. Der warme baritonale Klang und die Reife seiner Stimme, verbunden mit der Lebenserfahrung eines Mittfünfzigers, schaffen es, den Arien eine nachdenkliche, bisweilen auch melancholische Tiefe zu verleihen.
So geschehen bei Immer nur Lächeln. Das ist so großartig gesungen, dass die Traurigkeit und Resignation greifbar ist.
So geschehen auch bei Komm, Zigány , Tief wie der Bergsee … und O Mädchen, mein Mädchen.
Ein wirklich zauberhafter Moment ist die Opernarie Magische Töne …, aus Die Königin von Saba.
Kaufmann gelingt sie großartig, im Publikum herrscht atemlose Stille
(sieht man von einer heruntergefallenen Flasche im Publikum ab), und im Anschluss gibt es tatsächlich den kurzen, von mir schon so lange schmerzlich vermissten Moment der Stille, bevor der Beifall aufbrandet.
Wunderbar, danke Freiburg!
Malin Byström hat ihren ersten Auftritt mit Hör’ ich Cymbalklänge aus Zigeunerliebe.
Auch wenn sie aus dem dramatischeren Opernfach kommt, scheint sie mit der Operette nicht zu fremdeln. Gesanglich steht sie ihrem Bühnenpartner in nichts nach.

Sie hat einen kraftvollen, klangschönen Sopran und beinahe mühelos singt sie das Lied der Ilona. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie singt alle Lieder scheinbar mühelos und sehr ausdrucksstark.
Witzig und ungarisch spritzig zeigt sie sich im Auftrittslied der Sylva aus Die Csárdásfürstin.
Ihr kleines Tänzchen sorgt für einen heiter-koketten Moment und versprüht Lebensfreude.
Das Publikum liebt sie und das freut mich ganz besonders.
Die Duette der beiden genießen das Publikum ganz besonders, nimmt man den Applaus als Maßstab.
Sie sind oft spritzig und ungarisch temperamentvoll. Da fällt es schwer, ruhig sitzen zu bleiben …
Apropos Ruhe – das Freiburger Publikum ist außergewöhnlich diszipliniert. Kaum Huster, kein Handyklingeln, keine Niesanfälle, nur ein Flaschensturz an exponierter Stelle.
Es gibt an diesem Abend durchaus Momente, in denen dieser kleine Zwischenfall fast unbemerkt geblieben wäre, denn die Philharmonie Baden-Baden spielt so manches Mal forsch- keck auf. Aber sie können auch piano, das haben sie bei Magische Töne eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Das letzte Lied des offiziellen Programmes ist sehr geschickt gewählt.
Es ist das schwungvolle Duett Tanzen möcht’ ich, jauchzen möcht’ ich … inklusive einer kleinen Walzereinlage. Danach brandet im (nicht ausverkauften) Saal stürmischer Beifall auf.
Das Publikum hält es nicht mehr auf den Sitzen und nötigt den Künstlern im weiteren Verlauf sieben Zugaben ab, die alle (keine Übertreibung!) gefeiert werden.
Möglicherweise sind Operettenmelodien nicht mehr sehr populär, an diesem Abend jedoch haben sie viele Menschen zusammengeführt und sehr glücklich gemacht.
Ich halte es mit meinem Kollegen Dr. Rudi Frühwirth, der aus Wien schrieb: „Wenn Operette soooo präsentiert wird, dann schwinden auch beim ernsten Opernfreund alle Bedenken gegen diese Kunstform.“
Ich füge noch hinzu: Wenn man dafür offen und vorurteilsfrei ist.
Kathrin Beyer, 1. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
“Magische Töne”, Jonas Kaufmann und Malin Byström Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 22. April 2026
Jonas Kaufmann, Tenor, Malin Byström, Sopran Laeiszhalle, Hamburg, Großer Saal, 11. April 2026
Liederabend Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch Wiener Konzerthaus, 12. Januar 2026
CD/Blu-ray Besprechung: Jonas Kaufmann, Magische Töne klassik-begeistert.de, 17. April 2026