Dank Social Media kann die Welt heute am Bühnen- und Privatleben etlicher Künstler direkt teilhaben. Ob am heimischen Herd, in der Maske oder voller Emotionen nach einer Vorstellung, überall sind die Fans über Fotos oder Filmchen gefühlt direkt dabei, wenig bleibt verborgen. Dabei dürfte das Interesse an den Stars in früheren Zeiten nicht geringer gewesen sein, wenngleich die Infos deutlich spärlicher ausfielen und die Verehrten eher eine Aura der Unnahbarkeit umgab. Einer, der ihnen sehr nahekam bzw. -kommt, ist der Künstleragent Germinal Hilbert, dessen Lebenserinnerungen jetzt erschienen sind.
Germinal Hilbert, Mein Leben mit den Stars der Oper.
Von großen Stimmen und magischen Momenten.
Aufgezeichnet von Thomas Voigt.
Westend-Verlag, Neu-Isenburg 2026, 249 S., zahlreiche s-w Abb., € 26,00, ISBN: 978-3-98791-304-4.
von Dr. Regina Ströbl
Er ist ein Gentleman alter Schule und damit Angehöriger einer nahezu ausgestorbenen Spezies, der in angenehmem, amüsant zu lesendem Plauderton teilweise sehr private Erlebnisse von und mit seinen Klienten erzählt. Er tut das in einem im allerbesten Sinne altmodischen Duktus, nämlich gänzlich ohne Lust an der Enthüllung, sondern voll von liebenswürdigem Respekt, einer leider immer seltener werdenden Umgangsweise.
Aufgewachsen in einem musikaffinen Haushalt in Bayreuth, kam der 1943 geborene Hilbert dort früh in Kontakt mit klassischer Musik und auch mit den damaligen Hügel-Stars. Seine erste Begegnung mit Birgit Nilsson war 1957 in der Nähe des Festspielhauses. Als er sie nicht nur mit Astrid Varnay verwechselte, sondern auch ihr vor Aufregung noch eine überaus umständliche Wegbeschreibung gab, konnte er nicht ahnen, dass er sie eines Tages als Agent weltweit vertreten würde.
Der Jurastudent verkehrte alsbald in Künstlerkreisen und fand später während seiner Zeit in Paris seine Berufung als Agent, mit einem weiteren, erfolgreichen Büro in München. Im Gegensatz zu manch anderem seiner Sparte lag sein Fokus nicht auf dem schnellen Geld und dem Pushen von Karrieren, sondern im behutsamen Aufbau der Laufbahn, in der Begleitung und Entwicklung von möglichst langen Sängerleben. Dabei war die Betreuung intensiv, geprägt durch ständige Erreichbarkeit und rastloses Reisen um die Welt. Und so liest sich die imposante Liste der von ihm vertretenen Künstler wie das „Who is Who“ der letzten 60 Jahre, von Martha Mödl bis Elisabeth Teige, von Thomas Stewart bis Samuel Hasselhorn.
Viele Geschichten hat Hilbert mit ihnen erlebt, amüsante wie traurige, enttäuschende wie entlarvende, immer sehr persönlich gefärbt. Neid, Missgunst, auch Arroganz kommen dabei ebenso vor, wie ausgesprochene Liebenswürdigkeit und Höflichkeit; lebenslange Freundschaften entstanden, manche Zusammenarbeit musste abgebrochen werden.
Gegliedert ist das Buch statt in Kapitel in ein Vorspiel und acht Szenen mit sechs Intermezzi dazwischen. Die Szenen beinhalten Hilberts Erlebnisse mit seinen Klienten, wobei seine Arbeit mit Birgit Nilsson, Leonie Rysanek und Karl Böhm einen größeren Raum einnimmt. Auch schwierige Charaktere wie Jessye Norman oder Margaret Price werden nicht ausgespart. Andere Begegnungen erscheinen in kurzen Spots wie plötzlich einschießende Gedanken, die nicht vergessen werden sollen. Das liest sich alles ganz wunderbar und komplett unvoyeuristisch. Weltstar, Bühnengöttin oder Taktstockmagier – am Ende schließt man sich den Worten von Gurnemanz im 3. Akt von Wagners „Parsifal“ bezüglich seines verstorbenen Herren Titurel an: „ein Mensch wie alle“.
Die meisten Sängerinnen und Sänger, um die es hier geht, sind nicht mehr aktiv oder bereits verstorben; Germinal Hilbert hat mit Ende 20 seine Agentur gegründet und ist mittlerweile, nach 56jähriger Tätigkeit, 83 Jahre alt. Aber gerade das befähigt ihn, aus seiner immensen Erfahrung heraus am Ende des Buches ins Heute zu kommen, und sich mit den aktuellen Themen, wie geänderten Anforderungen an den sängerischen Nachwuchs, Social Media, Vermarktung, Regietheater etc. zu befassen. Kluge Worte eines Mannes, der die Szene wirklich kennt und nach wie vor mit wachen Sinnen verfolgt.
Dass sich die von Germinal Hilbert vertretenen Bühnenkünstler sowie etliche Dirigenten bei ihm durch seine Kompetenz und Zuwendung besonders gut aufgehoben fühlten, haben einige von ihnen in Form von Interviews mit dem bekannten Journalisten Thomas Voigt oder eigenen Texten als Intermezzi zum Buch beigetragen. Diese Zeilen voller Lob und Dankbarkeit u. a. von Edda Moser, Waltraud Meier und Klaus-Florian Vogt sind sicher sehr ehrlich und lieb gemeint, kommen aber etwas sehr dick herüber. Das wäre gar nicht nötig gewesen; die Kompetenz, Zugewandtheit und das absolute Aufgehen dieses Künstleragenten alter Schule in seiner Arbeit zeigt sich in der Art seiner Erzählungen in diesem für jeden Operninteressierten absolut empfehlenswerten Buch!
Dr. Regina Ströbl, 3. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Germinal Hilbert, Mein Leben mit den Stars der Oper klassik-begeistert.de, 25. September 2026
Kirsten Liese, Maestro Muti klassik-begeistert.de, 18. August 2026
Buchrezension: Die letzten Tage der Oper klassik-begeistert.de, 14. April 2023