Idomeneo Lübeck © Isabel Machado Rios
Idomeneo ++++ PREMIERE++++ Theater Lübeck, 2. Oktober 2026
Kann es etwas Schlimmeres geben, als sein eigenes Kind opfern zu müssen? Mozarts „Idomeneo“ greift diese Horror-Vorstellung auf, lässt aber alles glücklich enden. Was jedoch noch an Konflikten im Stoff der Oper zu entdecken ist, hat Philipp Himmelmann in seiner Neuproduktion am Theater Lübeck herausgearbeitet. Am 2. Oktober 2026 durfte das Publikum seine überraschend frische Interpretation erleben – mit einem Weltklasse-Tenor an der Spitze!
Wolfgang Amadeus Mozart
Idomeneo
Dramma per musica in drei Akten
Theater Lübeck, Premiere, 2. Oktober 2026
Michael Schade, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Andrea Stadel, Sopran
Evmorfia Metaxaki, Sopran
Noah Schaul, Tenor
Jorge Luis Martínez Zazueta, Tenor
Changjun Lee, Bass
Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Philipp Himmelmann, Inszenierung
von Dr. Andreas Ströbl
Ein grausames Schicksal – selbstverschuldet
Durch das größte Opfer, das sich denken lässt, ein Unglück abzuwenden oder einer höheren Macht für eine erwiesene Gunst zu danken, und dadurch in eine – im wahrsten griechisch-dramatischen Sinne – katastrophale Situation zu geraten, das ist ein Topos, der in unterschiedlichen Kulturen und Literaturgattungen aufgegriffen wurde. Stets muss es das erste Lebewesen sein, das demjenigen begegnet, der das leichtsinnige, weil nicht in letzter Konsequenz bedachte Gelübde abgelegt hat, und immer ist es das eigene Kind. Im Alten Testament ist es der Richter und Feldherr Jephtha, der seine Tochter als Dank für einen Sieg opfern muss; in der griechischen Mythologie ist Agamemnon aufgrund seiner Hybris gegen Artemis verpflichtet, seine Tochter Iphigenie hinzugeben.
Sören Kierkegaard hat diese beiden „tragischen Helden“ in seinem Buch „Furcht und Zittern“ mit Idomeneo verglichen und einen Bezug zur in letzter Sekunde abgewendeten Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham hergestellt. Auch die deutsche Märchenwelt kennt das Motiv, so in den von den Gebrüdern Grimm festgehaltenen Beispielen „Das Mädchen ohne Hände“, „Der König vom goldenen Berg“ oder „Das singende, springende Löweneckerchen“. Ganz davon abgesehen, war ein Vater-Sohn-Konflikt auch für Mozart lebensbegleitendes Thema – ein Psychologieseminar für sich wert!
Regisseur Philipp Himmelmann erweitert diese Tragödie in Lübeck durch zwei andere Aspekte, nämlich durch die Entfremdung des Menschen von der Natur, die hier stellvertretend für die Götterwelt steht, und den Konflikt zwischen den Generationen – die Jungen können nichts dafür, wenn die Älteren existentielle Fehler gemacht haben, müssen sie aber ausbaden.
Ist das überladen oder überinterpretiert? Keineswegs, denn die ganze Produktion ist auf die wesentlichen Aspekte reduziert; allein die Spieldauer beträgt zwei Stunden anstatt der ursprünglichen dreieinhalb. Das tut der ganzen Sache gut, zudem wird hier nicht die Moralkeule geschwungen. Das Publikum erlebt klare Bilder und eine hervorragende Personenregie, die sämtliche psychologischen Gesichtspunkte und vor allem die Beziehungen der Mitwirkenden zueinander deutlich herausarbeitet.
Zuerst beherrscht ein üppig wuchernder Dschungel mit beeindruckend echt wirkenden Palmen, Bäumen und Lianen das Bühnenbild von Paul Zoller, wogegen sich die an Rokoko-Mode angelehnten Kostüme von Carola Volles in kaum stärker darstellbarer Kluft abheben. Hier hat sich eine Gesellschaft von dem entfremdet, was sich in Form der übergeordneten Macht – im Original die Götter, hier die Natur – als stärker erweist. Fernab liegen da die barocken Schäferspiele, in denen die Natur als Idylle dargestellt und das harte Leben der einfachen Leute romantisiert wird. Hier ist man auf Gnade angewiesen oder muss untergehen. In der Tat kommen die Angehörigen der Bevölkerung, hier dargestellt durch Chor und Extrachor des Theaters Lübeck, sichtlich immer mehr herunter, weil der Machthaber massive Fehlentscheidungen getroffen hat.

Als Fremdkörper schiebt sich eine schwarze Wand, die ein bisschen an den Monolithen in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert, in den Urwald, der im weiteren Verlauf immer mehr zurückweichen muss, bis schließlich nur steriles, weißes Nichts verbleibt.
Ein intelligenter Kunstgriff sind die durch senkrecht und waagerecht geführten Vorhänge entstehenden, größer und kleiner werdenden quadratischen oder rechteckigen Fenster, die einzelne Protagonisten rahmend hervorheben und unter die inszenatorische Lupe nehmen.
Die Reduktion auf das Wesentliche zieht sich bis in die Übertitel. Klar, das italienische Libretto erzählt von Göttern und einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft, aber von Neptun oder Prinzessinnen ist in der Textwiedergabe hier nicht die Rede. Das macht die Geschichte zeitlos und dient der Vermittlung aktueller Inhalte. Die Textstelle beispielsweise „Ceda natura al suo autor; di Giove questo è l’alto voler”, also „Es füge die Natur sich dem Schöpfer, dies ist der hohe Wille Jupiters“, wird hier wiedergegeben mit „Gib der Natur, was sie fordert!“
Solistische Feinarbeit …
Michael Schade, Tenor von Weltruf, hat den Idomeneo über 80mal gesungen. Seine Lübecker Interpretation ist geprägt von psychologischem Tiefgang; er zieht alle Register von Angst, Verzweiflung, Wut und Irrsinn. Schade ist ein hervorragender Erzähler des Seelischen, zudem zeigt er großen körperlichen Einsatz. Dynamisch ist sein Idomeneo hochdifferenziert ausgearbeitet: Vor seinem Forte darf man sich wirklich ängstigen, aber in den Piano-Stellen zeigt er Angreifbarkeit, ja die Zartheit der gequälten väterlichen Psyche. Auch in den ganz leisen Tönen dringt der Sänger immer klar und deutlich durch den Orchesterklang und schafft auch dadurch eine zu Herzen gehende Darstellung seines entsetzlichen Dilemmas. Das ist schon Verismo, kaum mehr Wiener Klassik.

Grund seines Schmerzes ist ja sein durch ihn ins Unglück gestoßener Sohn Idamante, verkörpert durch die Mezzosopranistin Frederike Schulten. Sie vermittelt mit warmer, aufragender Stimme berückend all das Unverständnis gegenüber der scheinbaren Ablehnung ihres geliebten Vaters. In allen Lagen ist sie ungemein präsent und klar.
Gegenstand der Liebe dieses Sohnes ist die trojanische Prinzessin Ilia, die Andrea Stadel gibt. Stefan Vladar hatte vor Beginn der Oper entschuldigend angemerkt, dass die Sopranistin sich einen Infekt eingefangen habe und möglicherweise der eine oder andere Ton missraten könne. Davon ist exakt nichts zu hören; ohne jegliche Rauhigkeit oder Ansatzprobleme stemmt sie die Rolle der Liebenden zwischen zwei Völkern, die am Ende sich selbst als Opfer anbieten wird.

Eigentlich möchte Elettra, Tochter des Agamemnon, den Prinzen für sich gewinnen. Evmorfia Metaxaki ist diese verschmähte junge Frau, die jedoch – ein Leichtes für die Sopranistin – stets ihren Stolz und ihre Grandezza bewahrt. Die Sängerin schafft es mühelos, die emotionale Dramatik und innere Zerrissenheit plastisch erlebbar zu machen, bei technischer Virtuosität in jedem Detail.
Noah Schaul ist Arbace, der Vertraute des Königs, und gleichsam sein innerer Ausgleich. Wie eine korrespondierende Waagschale schafft der Tenor souverän einen Gegenpol von Ruhe, Klarheit und Vernunft zum wachsenden Irrsinn Idomeneos.
Neu im Opernstudio ist der Tenor Jorge Luis Martínez Zazueta, der hier seine erste Rolle als Oberpriester meistert.
Wenn auch vom Umfang her gering, so lässt stimmlich umso voller der Bass Changjun Lee den Meeresgott aus der Tiefe des Ozeans seine Gnade erteilen. Keiner muß sterben, die Liebe hat gesiegt.
… im meisterhaften Gleichklang mit Chor und Orchester
Bereits die Ouvertüre entwickelt einen ausgesprochen fülligen, in den warmen Streichern fast schon romantischen Mozart-Klang. GMD Stefan Vladar hält das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck dann im Zaum, wenn es darum geht, den Solistinnen und Solisten Raum zu geben. Insgesamt aber entfaltet der Klangkörper ebendie emotionale Wahrhaftigkeit und Dichte, die jene Musik ausmacht, die ja noch formal der klassischen Opera seria entspricht, aber in ihrer Wiedergabe der menschlichen Regungen schon in die Zukunft weist.

Der Erste Kapellmeister Takahiro Nagasaki am Hammerflügel schafft mit seinem sensiblen Anschlag dementsprechend eine Brücke aus der bloßen Begleitfunktion des dagegen fast dünn klingenden Cembalos der bisherigen Praxis einen deutlich wärmeren, beseelten Ton.
Wie souverän der Chor unter Jan-Michael Krüger auch mit herausfordernden Passagen umgeht, wird in Szene 5 des zweiten Aktes hörbar. Die Abstimmung der Balance zwischen Fernchor und den auf der Bühne verbliebenen Choristen ist ausgesprochen anspruchsvoll; keinen noch so winzigen Schnitzer verzeiht die Komposition. Großartig!
Fazit: Die Eröffnung der neuen Opernsaison mit diesem „Idomeneo“ ist ein voller Erfolg, was langanhaltender und begeisterter Beifall bezeugt.
Dr. Andreas Ströbl, 3. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die nächsten Vorstellungen sind am 4., 11. und 24. Oktober.
Liederabend MICHAEL SCHADE, JENDRIK SPRINGER (Klavier), Wiener Staatsoper
CD-Besprechung: Mozart, Idomeneo klassik-begeistert.de, 25. August 2025
Wolfgang Amadeus Mozart, Idomeneo Béla-Bartók-Saal des Müpa Budapest, 26. April 2025