„Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“

Liederabend MICHAEL SCHADE, JENDRIK SPRINGER (Klavier),  Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper: Liederabend MICHAEL SCHADE – gemeinsam mit JENDRIK SPRINGER (Klavier), 18. Juni 2020

Foto: Michael Schade als Tamino in Der Zauberflöte zweyter Theil. Das Labyrinth, Salzburger Festspiele 2012 (c)

von Karl Masek via Stream

Das für KS Michael Schade derzeit wohl schlimmste Wort ist: „Absage“. Auch die von ihm künstlerisch geleiteten Internationalen Barocktage zu  Pfingsten 2020 in Melk waren davon betroffen. Die Zukunftsperspektive jedoch lautet in diesem Fall: Das Programm mit dem England-Schwerpunkt und den Eckpfeilern Purcell, Dowland und vielen anderen kann zum größten Teil im Jahr 2022 übernommen werden. Die meisten der gebuchten Künstler/innen werden auch für diesen Ersatztermin bereitstehen.

„Hoffnungsvoll bleiben…“, das waren die beschwörenden Worte des Kammersängers, die an die anwesende Hundertschaft des Publikums im Saal der Wiener Staatsoper und an alle, die via Livestream dabei waren, gerichtet wurden.

Ein erlesenes 75-Minuten-Programm voller musikalischer Kleinodien wurde geboten. Auch diesmal durfte Ludwig van Beethoven nicht fehlen. Der sechsteilige Liederzyklus An die ferne Geliebte, op. 98 aus dem Jahr 1816 eröffnete den Abend. Mit all den Farbschattierungen, den Sehnsuchtstönen, der Naturbeobachtung, der besonderen Widmungs-Rhetorik widmeten sich  Schade und sein kongenialer Mitgestalter am Klavier, Jendrik Springer, den ausdrucksstarken Liedern. Inspiriert bis in kleinste körpersprachliche, mimische und gestische Nuancen, wurde den textlichen Feinheiten nachgegangen. Gefühlvoll, aber keinen Augenblick sentimental, wurde die Melodik, die Poesie ausgekostet. Auch auf ironische Feinheiten wurde Wert gelegt. Und es wurde nicht bloß schön gesungen – Schades Tenor klang an diesem Abend auf beglückende Art ausgeruht, entspannt -, sondern es wurden auf subtile Art Geschichten erzählt.

Acht Lieder von Franz Schubert spannten einen Bogen von Adelaide D 95, dem unbegreiflichen Geniestreich des 17-Jährigen, bis zum Ständchen aus dem „Schwanengesang“, D 957, aus der letzten Schaffensperiode. Wie oft hat man dieses Lied bis zur Unerträglichkeit verkitscht gehört! Schade säuselt nicht, sondern gibt der Musik ein Höchstmaß an textlicher Klarheit und tenoraler Bandbreite. Die Forelle wird mit Pointiertheit gestaltet. Ein sanguinischer Beobachter steht da am Bach, Fischer und Forelle im Fokus – und dahinter scheint Schubert (=Springer) höchstpersönlich mit Feder und Notenpapier  zu sitzen. Der beobachtet den Beobachter, das Fischlein und  den Fischer. Jendrik Springer gestaltet das alles minutiös: bis hin zur Ungeduld des Fischers, das Trüben des Wassers (auch der Sänger rührt gestisch kräftig mit!) bis zum Zucken der Angel. Der Beobachter scheint zwar  „regen Blutes“, aber Mitleid mit dem Fischlein schwingt nicht mit. Eher eine Art kulinarische Vorfreude auf die bevorstehende „Forelle blau“ oder „Müllerin“ spiegelt sich in Schades genießerischem Gesicht. Zungen-Aquaplaning!


Michael Schade. Foto: Wolf Dieter Grabner

An den Mond, D 193, hatte die idealen Nachtfarben. Der Musensohnein Höchstmaß an charismatischer Exzentrik des Liedermachers von Goethes Gnaden. Man muss schon zu den Glanzzeiten Peter Schreiers zurückgehen, um eine ähnlich drängende, voll kreativer Aufgeregtheit pulsierende Wiedergabe bei diesem Lied  gehört zu haben.

Drei Lieder von Richard Strauss  zeigten Schade ebenfalls auf dem Zenit seines Könnens. Da setzte er seinen Tenor auch mit luxuriösem  Höhenglanz ein. Die „roten Astern“ schienen bei Allerseelen, op. 10 betörenden Duft und schweres Parfum zu verströmen. Heimliche Aufforderung, die musikalische Widmung des 30-Jährigen an seine Frau Pauline de Ahna, geriet zur selbstbewussten, pompösen  Liebeserklärung.

Eine andere Liebeserklärung kam dann mit dem Wienerlied Mei Muatterl war a Weanerin des Ludwig Gruber, absolut charmant und überhaupt nicht schmalzig serviert. Eine Premiere im Haus am Ring! Und sich fast ein bisschen entschuldigend für den Text, der in Metoo-Zeiten eine andere Bedeutung bekommen hat, sang Schade mit viel Augenzwinkern als letzte Nummer Gern hab‘ ich die Frau’n geküsst/ Hab nicht gefragt, ob es gestattet ist…

Der Zauber dieses Ohrwurms aus Paganini von Franz Lehár wirkt aber immer wieder. Und Schades Tenor entwickelte da einen wundersam nostalgischen Grammophon-Klang, fast mit einer Prise Richard Tauber.

Stehende Ovationen, Blumen, Rührung und ein Hauch von weltumarmender Stimmung machte sich breit. Intelligent gewählte Zugaben: Beethovens Kuss (auch hier köstliche Körpersprache!) und Strauss‘ Und morgen wird die Sonne wieder scheinen.

Wir können’s kaum erwarten.

Karl Masek (onlinemerker.com), 18. Juni 2020

 

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