„Miserere“ von Gregorio Allegri... und die Folgen verletzten Urheberrechtes

Ich hoffe immer noch, dass ich eines Tages einem guten Ensemble beitreten und die mystische Erfahrung miterleben kann, während ich dieses wunderbare Werk „Miserere“ mitsinge. Vielleicht könnte man damit auch beten, um die schwierige Pandemie-Zeit zu überstehen…

von Jolanta Lada-Zielke   

Auf meiner Liste der Werke, die ich mindestens einmal in meinem Leben singen möchte, steht das berühmte „Miserere“ von Gregorio Allegri (1582-1652), das wahrscheinlich in den 1630er-Jahren komponiert wurde. Ich beschreibe es nicht genau, weil ich voraussetze, dass es den Lesern bekannt ist. Allegri komponierte dieses A-Capella-Stück zu dem Text eines der berühmtesten Bußpsalmen Nr. 50 (nach Vulgata Nr. 51) „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte“. Der Psalm wird während der Karwoche in allen christlichen Kirchen gesungen. Allegris  „Miserere“ wurde bis 1870 in der Sixtinischen Kapelle in Rom von den Päpstlichen Kapellsängern aufgeführt, danach hat man es in anderen Kirchen gesungen. In Polen wird dieses Werk heute ab und zu während der Fastenzeit, neben dem „Stabat Mater“  von Giovanni Battista Pergolesi, präsentiert. „Ladas Klassikwelt 23
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Igor Levit führt Live-Konzert via Twitter fort

Foto: © Robbie Lawrence

Konzerte werden abgesagt. Die globale Pandemie macht es unvermeidbar. Igor Levit löst das Problem auf seine Weise: Er spielt live. Via Twitter. Und zwar so lange es nötig ist. Er verbindet damit jeden Tag mehr Menschen. Weltweit. Aus seinem Wohnzimmer.

von Gabriele Lange

Viele bleiben aus Sicherheitsgründen zuhause. Andere sind bereits in Quarantäne. Konzerte finden vernünftigerweise kaum noch statt. In diesen Zeiten zeigt sich, dass es Vorteile hat, wenn ein Künstler mit modernen Technologien umgehen kann. Social Media beherrscht Igor Levit wie kaum ein anderer klassischer Musiker. Und deshalb weiß er auch, dass sich hier Gemeinschaften zusammenfinden können. Dass sich hier auch das Gefühl der Einsamkeit durchbrechen lässt.

Donnerstagabend um 19 Uhr gab er spontan ein Live-Konzert. Via Twitter. Übung hat er schließlich. Er gab schon regelmäßig Minikonzerte auf diesem Medium.

Damit adressiert er ein riesiges Publikum: Nicht nur seine inzwischen 55.000 Follower. Was er spielen wird? Sagt er vorher nicht. Gestern waren es Frederic Rzewskis Variationen über „The People United Will Never Be Defeated!“ „Igor Levit, Live,
Twitter, 14. März 2020“
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Lieses Klassikwelt 25: Ohne Publikum

Foto: Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Credits: Staatsoper Unter den Linden / Marcus Ebener

„Was, wenn solche Notlösungen Schule machten und aus Sicherheitsgründen in Zukunft nur noch solche – nennen wir sie mal Online-Aufführungen – im Angebot stünden? Wenn echte Aufführungen mit Publikum auf einmal für immer der Vergangenheit angehören würden?“

von Kirsten Liese

In der Kultur herrscht Ausnahmezustand. Bühnen, Konzerthäuser und teilweise auch Museen in ganz Europa sind wegen Corona geschlossen. Die Berliner und Wiener Philharmoniker trifft das gleichermaßen wie Opernhäuser in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt oder Wien sowie die Elbphilharmonie, den Wiener Musikverein oder den Prado in Madrid. Und ganz besonders natürlich die Bühnen in Italien, dem Land in Europa, das derzeit noch am stärksten von dem Virus betroffen ist. Auch die Osterfestspiele Salzburg oder die Diagonale in Graz sagen notgedrungen ab. „Lieses Klassikwelt 25: Ohne Publikum
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Sommereggers Klassikwelt 26: Geraldine Farrar – die Amerikanerin an der Berliner Hofoper

Über das Privatleben der Sängerin ist wenig bekannt. Eine 1916 mit dem Schauspieler Lou Tellegen geschlossene Ehe endete bereits 1923 mit einer Scheidung, angeblich wegen zahlreicher Seitensprünge des Ehemanns. Als Farrar zu ihrem Kommentar nach Tellegens Selbstmord 1934 gefragt wurde, bemerkte sie nur: „Warum sollte mich das interessieren?“

von Peter Sommeregger

Heute, am 11. März ist der Todestag der amerikanischen Opernsängerin und Schauspielerin Geraldine Farrar. Dies ist eine gute Gelegenheit, an die eigenwillige Künstlerin zu erinnern, die ihre Karriere an der Berliner Hofoper 1901 begann.

Besetzungen großer Opernhäuser sind bereits seit Jahrzehnten zunehmend international. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das noch völlig anders, nicht zuletzt, weil ja damals fast immer in der Landessprache gesungen wurde. „Sommereggers Klassikwelt 26: Geraldine Farrar – die Amerikanerin an der Berliner Hofoper
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Ladas Klassikwelt 22: Geld regiert auch die Musikwelt

Die Musiker kamen oft ins Büro und fragten die Buchhalterin nach ihrem Gehalt, weil sich die Auszahlung verzögerte. Ich musste die Manager von Hotels, in denen unsere Dirigenten übernachteten, telefonisch beruhigen, dass wir sicher die Rechnung für den Aufenthalt des einen oder anderen Gastes bald bezahlen würden. Nur während der Konzerte, als die Musiker auf der Bühne spielten, dachte man keinen Augenblick über finanzielle Probleme nach, weil die Schönheit der Musik dominierte.

von Jolanta Lada-Zielke

Nach der Wende in Polen im Jahr 1989 war die Existenz vieler Musikinstitutionen, die bisher unter staatlichem Schutz standen, bedroht. Einige von ihnen überlebten unter den neuen wirtschaftlichen Bedingungen nicht. Dies war das Schicksal des Radiosymphonieorchesters in Krakau (ROS), das offiziell bis Mitte 1997 bestand.

So kam es, dass ich das Ensemble seine letzten sechs Monate begleitete, weil ich im Büro des Orchesters als „Organisatorin der künstlerischen Arbeit“ tätig war. Ich beschäftigte mich mit Papierkram: Ich füllte Verträge und Überweisungsbelege aus, erledigte die Bestellungen der Noten bei der Zentralmusikbibliothek in Warschau, erstellte die Reiselisten und so weiter.

Gleichzeitig hatte ich Gelegenheit, die Arbeit der Musiker auf und außerhalb der Bühne genauer zu betrachten. Der Kontrast war enorm. Während eines jeden Auftritts, alle wunderschön gekleidet, holten sie aus ihren Instrumenten den schönstmöglichen Klang heraus. Sie waren im Einklang miteinander und unterstützten sich gegenseitig wie eine riesige Gruppe der besten Freunde. Sie arbeiteten zusammen mit den bekanntesten Dirigenten wie Jose Maria Florencio, Wojciech Czepiel, Wojciech Michniewski, Jacek Rogala und Jerzy Maksymiuk. Wo immer sie spielten, wurden sie vom Publikum mit großem Applaus belohnt.

Die Musiker wurden jedoch schlecht bezahlt. 1997 lag das monatliche Einkommen bei 350 PLN – etwa 75 Euro. Wenn das Orchester an zusätzlichen Projekten teilnahm, bekam es manchmal mehr Geld, aber praktisch musste jeder anderswo etwas dazu verdienen, um überleben zu können. Einige von ihnen waren Lehrer in Musikschulen und das rettete sie.

Sie kamen oft ins Büro und fragten die Buchhalterin nach ihrem Gehalt, weil sich die Auszahlung verzögerte. Ich musste die Manager von Hotels, in denen unsere Dirigenten übernachteten, telefonisch beruhigen, dass wir sicher die Rechnung für den Aufenthalt des einen oder anderen Gastes bald bezahlen würden. Nur während der Konzerte, als die Musiker auf der Bühne spielten, dachte man keinen Augenblick über finanzielle Probleme nach, weil die Schönheit der Musik dominierte.

Ich werde das Neujahrskonzert im Januar 1997 in der Philharmonie in Krakau unter der Leitung von Jose Maria Florencio nie vergessen. Auf dem Programm standen Perlen weltweiter Orchestermusik wie Modest Mussorgskis „Die Nacht auf dem kahlen Berge“, „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss und ganz am Anfang der Mazur aus der Oper „Straszny Dwór“ (Der Gespensterhof) von Stanisław Moniuszko.

Als der Dirigent die Bühne betrat, verneigte er sich zuerst vor dem Publikum. Dann drehte er sich schnell auf der Ferse um, streckte seinen rechten Arm nach vorne und gleichzeitig war der erste Akkord des Mazurs zu hören. Ich habe nie wieder gesehen, dass ein Dirigent dieses Manöver wiederholt. Im zweiten Teil des Konzerts begleitete der Tenor Jacek Laszczkowski die Musiker, der als einzelne Person das Duo „Libiamo“ aus Verdis „Traviata“ sang! Die Sopran-Partie gab er im Falsett, nahm aber die Töne sauber. Es war eine Sensation.

Ich erinnere mich auch an ein Konzert des ROS einige Monate später wieder in Krakau. Der Sponsor war ein schwedischer Amateurkomponist, dessen Symphonie das Orchester im ersten Teil des Konzerts aufführte. Das Stück beeindruckte die Zuschauer nicht. Ein Kritiker beschrieb es als „eine sehr korrekte musikalische Schularbeit ohne Vorstellungskraft“. Aber nach der Pause begann ein echtes musikalisches Fest. Mit dem Orchester traten die Geigerin Kaja Danczowska und der Cellist Andrzej Bauer auf. Sie führten stürmisch das „Doppelkonzert in a-Moll“ von Johannes Brahms auf. Auf Wunsch des Publikums wiederholten die Künstler den dritten Teil des Konzerts.

Kaja Danczowska war Lehrerin in derselben Musikschule, in der ich Gesang studiert hatte. Am Tag nach diesem Konzert erzählte sie mir, dass sie am meisten berührt war, als sie im Publikum unseren Lieblingspförtner Herrn Julian im Anzug und mit einer Krawatte sah.

Bei dem letzten Konzert des ROS vor den Sommerferien 1997, spielten sie noch Mozarts „Jupiter-Symphonie in C-Dur“.

Ende Juni 1997 kamen alle Mitglieder des Orchesters traurig und betreten ins Büro. In Warschau war beschlossen worden, das Ensemble aus finanziellen Gründen aufzulösen. Die Musiker gingen in alle Richtungen, einige bekamen Jobs in der Krakauer Oper, andere in der Philharmonie. Das Büro war noch einige Zeit in Betrieb, da zuvor geplante Projekte noch durchgeführt werden sollten. Im folgenden Jahr wurde diese Aktivität letztendlich eingestellt.

Heute kann man auf YouTube ROS-Aufnahmen aus den neunziger Jahren finden, die aus Privatsammlungen kommen. Es kreisen auch Gerüchte über Versuche, das Orchester zu reaktivieren. Vielleicht wird es gelingen?

Jolanta Lada-Zielke, 08. März 2020, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

Lieses Klassikwelt 24: Russland

Eine Frage beschäftigte mich, als ich nun an seinem Grab stand: Was hatte den Humanisten Rostropowitsch, der aus politischen Gründen die Sowjetunion verlassen hatte und als einer der ersten Künstler nach der Wiedervereinigung an der Berliner Mauer Bach spielte, dazu bewogen, am Ende seines Lebens doch wieder nach Moskau zurückzukehren?

von Kirsten Liese

Zu Russland habe ich eine besondere Beziehung. Es mag damit zu tun haben, dass meine Großeltern mütterlicherseits aus dem Baltikum, heute Lettland und Estland, kamen und schon eine besondere Affinität zur russischen Sprache und Kultur mitbrachten. Meine Großmutter kam aus einer adeligen Familie in Riga, mein Großvater, der als Dolmetscher in russischer Kriegsgefangenschaft überlebte, aus Dorpat.

Schon in meiner Jugend und Studienzeit las ich die großen Romane von Tolstoi und Dostojewski, im Theater zog es mich in die Stücke von Tschechow, zudem faszinierten mich die sowjetischen Künstler beim Eiskunstlaufen, denen man ihre profunde Ballettausbildung im künstlerischen Ausdruck anmerkte. Vielleicht war es auch ein bisschen die eher schwermütige russische Seele, die mir entsprach. „Lieses Klassikwelt 24: Russland,
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Sommereggers Klassikwelt 25: Die Oper und der (reale) Tod

Der berühmte Wagner-Dirigent Felix Mottl erlitt am Münchner Hof-und Nationaltheater während einer Tristan-Aufführung am 21. Juni 1911 einen Schlaganfall, dessen Folgen er am 2. Juli erlag. Foto: wikipedia.de (c)

von Peter Sommeregger

Oper ist zumeist mit großen Emotionen verbunden. Wem greift es nicht ans Herz, wenn sich Mimi in La Bohème an der Schwindsucht verröchelt, Gilda in Rigolettos Armen verblutet oder Senta zur Erlösung des fliegenden Holländers in den Tod springt? Die Variationen über das Thema Tod und Sterben reichen vom Meuchelmord an Siegfried bis zur spirituellen Transformation von Isolde.

Gestorben wird in der Oper beinahe jeden Abend,  Werke, die von allen Protagonisten auf der Bühne überlebt werden, sind eher die Ausnahme.

Es  konnte nicht ausbleiben, dass aus dem Spiel bisweilen auch Ernst wurde. Sowohl Singen, als auch Dirigieren sind anstrengende Tätigkeiten, bei deren Ausübung das Herz plötzlich stehen bleiben kann.

Hier ein paar Beispiele von spektakulären Sterbefällen, die im Libretto so nicht vorgesehen waren: „Sommereggers Klassikwelt 25: Die Oper und der (reale) Tod
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Langes Klassikwelt 8: Moderne Todsünden

Foto: © Dirk Bleicker

Händel, Hasse, Vinci: Ihre Welt scheint so weit weg. Man verlässt den Konzertsaal und tritt ins Heute. Social Media, Globalisierung, Freiheit, Komfort … Nur: Stecken unter all dem nicht immer noch der alte Adam, die alte Eva mit ihren Lastern und Tugenden, Hoffnungen und Ängsten? Man stelle sich Lady Gaga auf einer barocken Opernbühne vor. Das passt erstaunlich gut.

von Gabriele Lange

Wenn’s nervenaufreibend wird oder ich meine Gedanken ordnen muss, höre ich Barockmusik. Und so sitze ich in unserem Hotelzimmer in Venetien und spiele „Mio caro Händel“, ein Album von Simone Kermes. Ihre mühelos in die Höhen schwebende Stimme füllt den Raum, während ich auf dem Handy nach aktuellen Infos zur Verbreitung des Coronavirus suche – und auch, als wir unsere Sachen packen, um vorzeitig heimzukehren. „Langes Klassikwelt 8: Moderne Todsünden,
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Ladas Klassikwelt 21: Lang, lang ist es her, als eine Eintrittskarte für das Bayreuther Festspielhaus 20 Mark kostete…

Hier konnte ich natürlich nur einige kurze Auszüge aus den 68 Seiten der„Bayreuther Fanfaren“ bringen.  Alles in allem ist die Lektüre des Büchleins sehr amüsant,  und es ist interessant zu erfahren, wie einer der berühmtesten Musikkritiker seiner Zeit von den Bayreuther Festspielen des Jahres 1891 berichtet hat. 

von Jolanta Lada-Zielke

1891 zählte Bayreuth, schon damals als „Mekka der Wagnerianer“ bezeichnet, 23.000 Einwohner. Der Musikkritiker,  –schriftsteller und Komponist Ferdinand Pfohl (1862-1949) schreibt in seinem Büchlein „Bayreuther Fanfaren“, es seien „prächtige Leute, die wissen den Fremden (…) mit mehr oder weniger Geist das Leben und den Geldbeutel leicht zu machen“. Humorvoll äußert er sich auch über die Bayreuther Wirtinnen, bei denen die Festspielgäste private Unterkunft erhielten: sie sollten „Parsifal“ sehr dankbar sein, denn „seinetwegen“ könnten sie nach der Festspielzeit „ein neues Kleid in ihren Schrank hängen“. „Ladas Klassikwelt 21
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Lieses Klassikwelt 23: Rosenkavalier

Tatsächlich werde ich auch heute noch dann und wann bei einer Rosenkavalier-Aufführung  wehmütig, allerdings weniger, weil mich die Sängerinnen so stark anrühren, sondern weil ich den goldenen Jahren nachtrauere, in denen Aufführungen dieses Stückes Dimensionen erreichten, von denen man sich wohl auf absehbare Zeit verabschieden muss.

von Kirsten Liese

Der Rosenkavalier ist eines meiner Lieblingswerke. Eine Strichliste habe ich zwar nicht geführt, ihn aber so oft gesehen wie keine andere Oper.

Meine besondere Beschäftigung mit dem Stück begann, als ich –  inspiriert von Elisabeth Schwarzkopf, die ich damals schon sehr verehrte – meine wissenschaftliche Examensarbeit schrieb. Mein Thema war Strauss‘ Musik im Hinblick auf die in der Partitur enthaltenen Stilkopien von Mozart und Johann Strauß. Wiewohl ich gerade erst Ende 20 war, identifizierte ich mich damals schon stark mit der wunderbaren Figur der Marschallin, wenngleich ich  ahnen musste,  dass mich die Gedanken dieser Marie-Thérèse noch weitaus stärker einholen würden, wenn ich selbst in ein vergleichbares Alter kommen würde. – Nun vielleicht nicht unbedingt schon mit 38, zumal wir ja alle immer älter werden,  aber ab Anfang 50, wenn man häufiger die Haare färben muss, die Falten im Gesicht zunehmen und man nicht mehr so gerne in den Spiegel schaut. Kurzum, den genialen „Zeit“-Monolog, das Räsonieren über das Altern und die Vergänglichkeit, kann ich inzwischen noch stärker nachempfinden.

Kürzlich schaute ich mir den neuen Rosenkavalierin der Neuproduktion der Berliner Staatsoper an, die wegen André Heller für viel Wirbel sorgte. Der Regisseur musste herbe Kritik einstecken: Die einen störten sich an dem fehlenden Rokoko-Charme, den anderen war die Inszenierung zu brav.

Aber darum muss man keinen großen Rummel machen. Für mich war es eine durchschnittliche Aufführung ohne Höhen, aber auch ohne Tiefen. Die Bühne strahlt keine Hässlichkeit aus, die Regie verortet das Stück nicht abstrus an einem abwegigen Ort, das ist in heutigen Zeiten schon viel. Was die Sängerinnen und Sänger angeht, bin ich allerdings andere Maßstäbe gewohnt, dies insbesondere im Hinblick auf die  Figur der Marschallin.

Vermutlich ist unter den heutigen zur Verfügung stehenden Strauss-Sopranen Camilla Nylund wirklich eine der besten. Sie  singt die Marschallin kultiviert, mit lyrischem Feinsinn und mit weniger Schärfen als 2019 die Kaiserin in der Wiener Frau ohne Schattenund die Capriccio-Gräfin in Frankfurt. Aber als überirdisch schön würde ich ihren Gesang nicht bezeichnen, und berührt hat sie mich nicht.

Die Marschallin, das sagte Elisabeth Schwarzkopf, die in dieser Partie überzeugte wie keine andere, ist keine Figur, mit der man auftrumpfen kann. Für die Rolle braucht es subtile Ausdrucksnuancen und eine reiche Farbpalette. Die Marschallin muss uns rühren in ihren so klugen Gedanken, in ihrer Melancholie über das Altern, in ihrem Verzicht. Wenn das alles nur so dahin gesungen wird, ist es nichts.

Oftmals sind es nur Nebensätze oder einzelne Wörter, die, entsprechend mit Elegie, Weisheit und Grandezza vorgetragen, bewegen oder eben auch nicht. Und natürlich bedarf es für die emotionalen Befindlichkeiten, wenn man sie denn schon nicht selbst durchlebt hat, zumindest der Fantasie!

Natürlich hätte ich Elisabeth Schwarzkopf allzu gerne einmal live auf der Bühne in dieser Rolle  gesehen. Als sie 1971 ihre letzte Marschallin in Brüssel sang – und das muss laut Zeitzeugen ungemein ergreifend gewesen sein, auch für sie selbst – war ich erst sieben Jahre alt, das hätte ich wohl in dem zarten Alter nicht goutieren können. Zum Glück wurde sie aber in Bild und Ton Anfang der 1960er Jahre gleich zwei Mal in ihrer Paraderolle verewigt: in einer Produktion der Salzburger Festspiele unter Karajan, und in einem unveröffentlichten Mitschnitt von den Wiesbadener Maifestspielen. Beide Dokumente weisen sie unübertroffen als DIE Marschallin aus, sowohl hinsichtlich ihrer Noblesse, aber auch in dem emotionalen Amalgam aus Wehmut, Pikanterie, Generosität und Überlegenheit. Ihr nimmt man es ab, wenn sie sagt: „Leicht muss man sein: mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen“.

Wenn ich so zurückdenke, gab es freilich in früheren Jahrzehnten noch andere wunderbare Marschallinnen: die Schweizerin Lisa Della Casa, die sich nicht zufällig oft mit Schwarzkopf in der Rolle in Salzburg unter Karajan abwechselte, Gundula Janowitz und Gwyneth Jones, die mich so berührten, dass mir am Ende des ersten und dritten Akts die Tränen kamen, sowie in  späteren Jahren  Kiri Te Kanawa und Soile Isokoski.

Dass Karajan sich Anfang der 1980er-Jahre zu der Äußerung verstieg, Anna Tomowa-Sintow sei die Idealbesetzung, nachdem er zuvor mit Schwarzkopf und Della Casa die besten Marschallinnen an Bord hatte, fand ich unfassbar. Ich will nun die Bulgarin nicht schlecht reden, sie sang ganz passabel, aber längst nicht so nuanciert, und eine Grande Dame war sie in ihrem Auftreten eher nicht.

Felicity Lott, lange Zeit in Münchner Rosenkavalieren zu erleben, war mir stets eine Spur zu kühl, ebenso Anja Harteros in einer Produktion in Baden-Baden. Aber das lag zu einem Großteil an der Regie von Brigitte Fassbaender. Ausgerechnet die nun schrieb zwar in der titelgebenden Hosenrolle in den siebziger Jahren Operngeschichte, insbesondere in der Münchner Carlos Kleiber-Einstudierung, aber mit der Marschallin kann Fassbaender wenig anfangen. Das ist nicht nur ein Eindruck von mir, das hat sie mir in einem Interview sogar  eingestanden auf meine Frage hin, ob sie es nicht wie ihre Kolleginnen Sena Jurinac und Christa Ludwig gereizt habe, vom Octavian auf die Marschallin umzusatteln, als die Hosen zu eng wurden. Ein klares „Nein“ erhielt ich da zur Antwort mit der Begründung, dass sie eben dieses Hadern mit dem Alter  und das sich-im-Verzicht-Üben nicht so mag. Vielleicht war es auch einfach so, dass Fassbaender solche emotionalen Befindlichkeiten an sich selbst nicht herankommen lassen wollte. Entsprechend hat sie die Figur als Regisseurin jedenfalls inszeniert, als zu abgeklärt und erhaben über die Leiden. Ich sehe  Anja Harteros noch vor mir, wie sie beim Schlagabtausch mit ihrem Liebhaber unbeteiligt ihre Haare bürstet, als ginge ihr das gar nicht nahe, dass sie den „Buben“ noch dafür trösten müsse, dass er sie „über kurz oder lang wird sitzen lassen“.

Dabei hatte Fassbaender in der besagten Aufführung unter Kleiber mit Gwyneth Jones eine sehr feinfühlige und mitnichten larmoyante Marschallin zur Seite, die allen Facetten der Figur gerecht wurde, wie Hofmannsthal sie sich vorstellte: ein halb mal lustig, ein halb mal traurig.

Deborah Voigt, die ich vor etwa 20 Jahren als Marschallin in Berlin unter Christian Thielemann sah, sang ebenfalls sehr gut, wirkte aber mit ihrer damals noch korpulenteren Erscheinung im Szenischen weniger überzeugend, Michaela Kaune, die in dieser Inszenierung von Götz Friedrich dann etwas später die Rolle übernahm, passte schon besser, erschien fast eher noch zu mädchenhaft und jung.

Am besten aus jüngerer Zeit gefiel mir  Renée Fleming im Baden-Badener Rosenkavalier unter Christian Thielemann, die als  Dame von Welt  überzeugte und an einigen Stellen vom Timbre und seitens ihrer Diktion her verblüffend ähnlich klang wie Schwarzkopf.

Eine Entdeckung in einer Hamburger Aufführung, in der Peter Konwitschny vor längerer Zeit Regie führte, war zudem die Sopranistin Brigitte Hahn, die mit luziden, kristallklaren Spitzentönen in dem herrlichen Terzett Hab mir’s gelobt im dritten Akt aufwartete, wie sie aktuell selten geboten werden. Es war aus meiner Sicht sogar eine der besten Arbeiten von Konwitschny, in der er sich sehr vielschichtig und sensibel mit den drei Frauenfiguren und wechselnden Geschlechteridentitäten beschäftigte.

Christa Ludwig, die erfolgreich im reiferen Alter vom Octavian zur Marschallin wechselte, und von der Leonard Bernstein gesagt haben soll „simply the best“, habe ich leider in der Partie nur auf Platte gehört. Sie lebt, wie sie mir in Interviews wiederholt sagte, mit den Sätzen dieser Figur, „und wenn man das Lassen kann, dann hat man es wirklich leichter“.

In der Titelrolle hat natürlich Brigitte Fassbaender Maßstäbe gesetzt, die – abgesehen von ihren stimmlichen Qualitäten – schon deshalb so gut zu der Rolle passte, weil sie aus ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe zu Frauen nie ein Geheimnis machte. Das entbehrte im ersten Akt, wenn Octavian und Marschallin im Bett zusammen erwachen,  nicht einiger Pikanterie, unweigerlich war sie unendlich beliebt bei lesbischen Opernfans.

Sehr angetan war ich zudem von Sophie Koch in der Titelpartie, die als androgyner Typ eine hervorragende Figur machte.

Unter den großen Sängerdarstellern des Ochs ist gewiss Günter Groissböck in der aktuellen Berliner Staatsopern-Produktion ein hinreißender Komödiant, auch wenn für mich Otto Edelmann, ob nun im Salzburger Film oder Wiesbadener Mitschnitt, als ungeschickter, draufgängerischer Flegel  unübertroffen bleibt.

Unvergessen als Sophie ist natürlich Anneliese Rothenberger, es war die Rolle ihres Lebens. Unzählige Male hat sie sie gesungen, aber irgendwann, als sie Anfang 50 war, erschien es ihr doch nicht mehr passend, wenn der Ochs sie als ein „junges Madel“ bezeichnet, da dachte sie, dass es doch Zeit sei, die Sophie abzugeben, sagte sie mir bei unserem Interview wenige Jahre vor ihrem Tod.

Unter den Sophien, die ich auf der Bühne sah, erinnere ich mich besonders gerne an Christine Schäfer, deren Karriere vor einigen Jahren schon fast unmerklich ohne einen Abschiedsabend endete, und an Diana Damrau.

Im Kontext mit meiner Examensarbeit beschäftigte ich mich selbstredend mit den originalen Bühnen- und -kostümentwürfen für die Uraufführung von Alfred Roller, die mir zeitlos schön erscheinen.

So wie der Rokoko-Charme der Musik eingeschrieben ist, haben mir immer die Inszenierungen am besten gefallen, in denen das Wien Maria Theresias sich wiederspiegelte, insbesondere die unverwüstliche von Otto Schenk in Wien. Aber es muss nicht unbedingt eine opulente Ausstattung her, sie darf nur nicht vulgär sein. So gesehen hatte  die zur Entstehungszeit der Oper angesiedelte von Herbert Wernicke, mit einem ansprechenden Spiegelkabinett im ersten Akt, ihren Reiz.

Unter den moderneren Regiearbeiten gefiel mir am besten  die von Richard Jones 2015  in Glyndebourne. Der hatte eine tolle Idee für die erste Szene:  Da trat die Marschallin nach dem Aufstehen unter die Dusche, dies aber nicht voyeuristisch, vielmehr hielt Octavian ein großes Handtuch vor ihren nackten Körper, so dass das Publikum ihn nicht sehen konnte, was aber die  Fantasie im Kopf ungemein beflügelte. – Dies umso mehr, als nach dem Duschen die beiden Frauen hinter dem Handtuch intime Zärtlichkeiten austauschten.

Tatsächlich werde ich auch heute noch dann und wann bei einer Rosenkavalier-Aufführung  wehmütig, allerdings weniger, weil mich die Sängerinnen so stark anrühren, sondern weil ich den goldenen Jahren nachtrauere, in denen Aufführungen dieses Stückes Dimensionen erreichten, von denen man sich wohl auf absehbare Zeit verabschieden muss.

Kirsten Liese, 28. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
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