Frauenklang 11: Die Sängerin aus fernem Land sang bravourös

Frauenklang 11: Das Leben von Antonia Miklaszewicz-Campi – Teil 2  klassik-begeistert.de, 1. Mai 2024

Juroren und Preisträger des 4. Internationalen Antonia-Campi-Gesangswettbewerbs in Lublin, April 2024 © Ewa Zielonka

Das Leben von Antonia Miklaszewicz-Campi – Teil 2

von Jolanta Łada-Zielke

In den letzten Jahren gab es Initiativen, der polnischen Koloratursopranistin Antonia Campi (1773-1822) zu gedenken.

Das Zentrum für die Begegnung der Kulturen in Lublin (Centrum Spotkania Kultur – CSK) veranstaltet alle zwei Jahre den Internationalen Antonina-Campi-Gesangswettbewerb für junge Sängerinnen und Sänger, dessen Initiatorin und künstlerische Leiterin Ewa Vesin ist. Die Jury setzt sich aus Direktoren der Opernhäuser und internationalen Kunstagenturen zusammen, die ausgewählte Teilnehmer in ihre Projekte einbeziehen.

Die Gewinnerinn des Grand Prix des letzten Wettbewerbs, der im April 2024 stattfand, ist die Polin Aleksandra Łaska, die auch den Antonina-Campi-Sonderpreis für die beste Darbietung einer Arie von Giacomo Puccini erhielt. Der zweite Preis ging an Liam James Karai (UK/Irland) und der dritte an Viktoriia Shamanska aus der Ukraine.

Antonia Campi konnte Puccini nicht singen, weil sie zu seiner Zeit nicht mehr lebte. Sie glänzte jedoch im barocken und klassischen Repertoire. Laut Ludwig Eisenberg war Campi auf der Bühne des Theaters an der Wien so erfolgreich, dass die Leitung des Hoftheaters sie Anfang 1818 engagierte. In den Jahren 1818-19 unternahm Antonia eine Tournee durch Deutschland, bei der sie Konzerte in Leipzig, Dresden, Frankfurt am Main, Mannheim, Stuttgart und München gab, sowie in Opernproduktionen sang, unter anderem als Amenaide in Rossinis „Tancredi“. Ihre Auftritte zählten zu den größten künstlerischen Ereignissen ihrer Zeit.

Ein wichtiger Punkt in ihrem Werdegang war die Verleihung des Titels der Kaiserlichen und Königlichen Kammersängerin. Die Wiener Tageszeitung „Wanderer” berichtete darüber am 19. August 1820: „Se. K.K. Majestät haben der Hof-Opernsängerin Antonia Campi in Rücksicht ihrer den Hofe in manchen Gelegenheiten und auf den Theatern bewiesenen Talente und Kunstfertigkeit den Titel einer K. K. Kammersängerin allergnädigst zu verleihen geruhet“.

Damit erhielt die Sängerin das Recht, in den kaiserlichen privaten Apartments aufzutreten, obwohl man sie bereits seit 1805 an den Wiener Hof einlud. Dort trat sie bis 1818 regelmäßig auf und sang parallel dazu am Hofburgtheater. Im Jahr 1821 gastierte sie an den Opernhäusern in Prag, Berlin und Warschau.

Erwähnung der Verleihung des Titels der kaiserlichen Kammersängerin an Antonia Campi in der Zeitung „Wanderer“ © Österreichische Nationalbibliothek

Abschied von der Künstlerin aus fernem Land

1822 wurde die Wiener Hofoper aufgehoben und viele ihrer Angestellten wurden gegen eine angemessene Abfindung entlassen. Antonina bat darum, aufgrund ihrer bisherigen Leistungen bleiben zu dürfen. Sie schlug vor, bei den Hofzeremonien aufzutreten, aber auch zu pädagogischen Zwecken, um der jüngeren Generation zu zeigen, wie man früher gesungen hat. Obwohl sie immer noch fit war und mit jüngeren Sängern konkurrieren konnte, lehnte man ihre Bitte entschieden ab. Tief enttäuscht ging sie nach München, wo sie mit Erfolg auftrat und bei dortigen Musikliebhabern großes Aufsehen erregte.

Unmittelbar danach erkrankte sie jedoch und starb nach einigen Tagen, am 30. September oder 1. Oktober 1822.

Über die Ursache ihres Todes gibt es unterschiedliche Versionen. Joseph Rosenbaum schreibt, sie sei an „entzündlichem Fieber“ gestorben, man weiß aber nicht, ob es sich dabei um eine Lungen- oder eine Hirnhautentzündung handelte.

Eisenberg geht davon aus, dass die Krankheit durch die Niedergeschlagenheit der Künstlerin aufgrund des Verlusts ihrer Stellung in Wien verursacht wurde, die sich durch den kühlen Empfang durch den Intendanten des Münchner Opernhauses noch verschlimmerte. Die Erschöpfung, verursacht durch harte Arbeit und mehrere Mehrlingsschwangerschaften, könnten hinzugekommen sein.

Der Tod von Antonia Campi blieb in Künstlerkreisen nicht unbemerkt. Karl Reger, Autor des Librettos zu „Maria von Montalban“, schrieb für sie ein Grabgesang, das am 4. Oktober 1822 im Druck erschien. Hartmann Stunz, der deutsch-schweizerische Komponist und Schüler von Salieri, komponierte die Musik dazu. Das Stück wurde während der Beerdigungszeremonie aufgeführt. Zwei Strophen beziehen sich direkt auf Antonia:

Zu früh der Künstler Bahn entrückte
Auch Sie des Schicksals strenge Hand,
Die jüngst noch eine Welt entzückte,
Die Sängerin aus fernem Land.

Und unsrer Wehmut Klagetöne
Verhallen heut zu ihr hinab
Doch Himmel an schwingt sich das Schöne
Nur Irdisches umschließt das Grab.

 Die Inschrift auf ihrem Grabstein lautet: „Hier ruht | Antonia Campi | geb. Miklasiewicz aus Lublin | Kais. Kön. Kammersängerin in Wien. | In ihr entschlief | eine treue Gattin | eine zärtliche Mutter | eine hochgeachtete Künstlerin. | Sie endete | auf einer Durchreise | in München | die Reise des Lebens | am 1. October 1822 | um jenseits zu | singen | im Chore der Engel.”

Das Titelblatt des Grabgesangs für Antonia Campi © Österreichische Nationalbibliothek

Eine Bravour-Koloratursopranistin

In deutschsprachigen Quellen bezeichnet man Antonia Campi als Bravour-Sängerin. Im 18. Jahrhundert musste aber jede Primadonna eine Aria di bravura mit großer Anzahl von Koloraturen im schnellen Tempo beherrschen, die innerhalb ihrer Skala lag. Diese Verpflichtung galt auch für lyrische Stimmen. Mit dem Umfang von drei Oktaven war Antonia vielleicht in Polen eine Seltenheit, aber in Italien gab es zu ihrer Zeit Koloratursoprane, die f3, g3 und sogar a3 erreichen konnten.

Professor Karl Böhmer nennt hier die Namen wie Franziska Danzi, Anna de Amicis, Marina Balducci, Maria Caravoglia, Lucia Alberoni und Lucrezia Agujari. Die dramatischen Soprane waren damals Maria Marchetti Fantozzi und Luigia Todi.

Antonia Campi hat man mit der sieben Jahre jüngeren Angelica Catalani verglichen, die ebenfalls Koloratursopranistin war. Carl Maria von Weber stellte sie gleichberechtigt nebeneinander und bezeichnete sie beide als Phänomene der Musikwelt. Polnische Quellen berichten, dass die beiden Sängerinnen in Konkurrenz zueinanderstanden.

Weber, der Antonias Auftritte in Deutschland zwischen 1803 und 1806 miterlebt hatte, schrieb ausführlich über ihre Gesangskunst: „Ihre Intonation ist rein und fest, und sie hat ihre Stimme vollkommen in der Gewalt. Ohne ihr Organ zu widernatürlichen, dem reinen Gesange, der zum Herzen gehen soll, widerstrebenden Künsteleien zu zwingen, zeigte sie uns doch große Fertigkeit und Gewandtheit. Rouladen und Laufer jeder Art, singt sie deutlich und mit Leichtigkeit; ihr Triller ist schön, mit ganzem wie mit halbem Ton (ein Vorzug, der immer seltener wird), ihr Vortrag ist brillant und in cantabilen Sätzen voll Ausdruck und Gefühl.” Weber gibt der Sopranistin drei Punkte der alten italienischen Gesangsschule ‚formare, fermare, finire‘ – also für das Erzeugen, Halten und Vollenden des Tons.

Webers Berichte über Campis Gesang enthalten ebenfalls einige Kritikpunkte. Der Komponist hält ihr zwei- und dreigestrichenes E für die schönsten und perfekt gleichmäßigsten Töne. Er behauptet, dass es ihr am unteren Ende der Skala an Kraft und Klangfülle fehlt, und dass einige der hohen Töne zu hart und manchmal kreischend klingeln. Die Sopranistin spricht die italienischen Wörter nicht deutlich aus, vor allem in Rezitativen. Außerdem neigt sie zu übermäßiger Verzierung, die bei italienischen Opern zwar akzeptabel, aber bei Mozart, Weigl und anderen deutschen Komponisten unnötig und sogar unerwünscht ist.

Am 19. Oktober 1818 nahm Antonia Campi in Leipzig an der Aufführung der Carl Maria von Webers „Jubelkantate“ teil, zu seiner großen Freude, die er auch schriftlich zum Ausdruck brachte: „Ferner sind wir so glücklich, Madame Campi, erste Hof- und Opernsängerin von Wien in Leipzig zu haben. Sie ließ sich schon einige Mal im Theater, und zwar im Titus, im Don Juan, in der Entführung aus dem Serail und in einem Lustspiele hören, in welchem sie zwischen den Acten zwei Arien und Variationen so meisterhaft sang, daß Kenner und Nichtkenner des Gesanges von dieser Kunstfertigkeit, von dieser Anmuth und Schönheit der Stimme, die schon vor zwanzig Jahren die Leipziger einmal gefesselt hatte, entzückt und bezaubert wurden.“

 Der österreichische Dichter und Dramatiker Ignatz Franz Castelli, bekannt für seine scharfe Feder, schreibt in seinen Memoiren über Antonia: „Ihre Kehlengeläufigkeit war wirklich wunderbar, sie konnte alles damit machen, was sie wollte, ja selbst wenn sie etwas heiser war, konnte sie noch die schweren Partien singen: sie besaß keine Brust- sondern eine etwas spieße Kopfstimme. Gehaltene Töne waren bei ihr weder voll noch schön, aber das musikalische Feuerwerk brannte sie bewunderungswürdig ab. Sie sang den Part der Königin der Nacht in der hohen Tonart, in welcher ihn Mozart ursprünglich schrieb, und das Staccato klang wie springende Perlen. Mit Virtuosität sang sie auch die Donna Anna in „Don Juan“ und die Constanze in der „Entführung“. Jedenfalls gehörte die C. zu den abnormen Kunsterscheinungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.

Joseph Carl Rosenbaum sah Antonina Campi oft auf den Bühnen der Wiener Theater, besonders wenn sie zusammen mit seiner Frau auftrat. Seiner Schilderung nach hatte die polnische Sängerin bessere und schlechtere Tage. Wie Castelli, räumt Rosenbaum ein, dass sie ein hervorragender Koloratursopran war und die Königin der Nacht perfekt sang. In der mittleren Lage klang sie jedoch in größeren Theatern oder in Räumen mit komplexer Akustik zu leise. Dies war der Fall bei einem Konzert mit Mozarts Requiem am 15. Juni 1809 in der Schottenkirche im Rahmen der Trauerfeierlichkeiten für Joseph Haydn, der zwei Wochen zuvor gestorben war. Da Wien damals von den Franzosen besetzt war, standen die Bürgergrenadiere des Zweiten Regiments zusammen mit napoleonischen Soldaten vor den Kirchentüren und hielten ebenfalls im Inneren die Wache.

„Die Kirche und Stühle waren samt dem Altar schwarz behangen, mit Wappen und Lichtern verziert. Mitten war ein Castrum Doloris (eine spezielle Wand am Katafalk) errichtet, worauf die 7 Ehrenmedaillen. Der Prälat von Schotten sang das Requiem selber, die Hauptstimme sangen die Campi, Marconi – dermalige Schönberger –, Frühwald und Pfeiffer vom Hensler. Sie waren nicht gut gewählt, die Harmonie war nicht angenehm; die Campi hat keine Mitteltöne mehr“, so Rosenbaum.

Die Schottenkirche in Wien, Innersicht von C. Stadler/Bwag – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Castelli und Ludwig Eisenberg bemerken ebenso, dass Antonia schwache Mittellage und Bruststimme hatte. Aber wenn sie zu Beginn ihrer Karriere die Gräfin in der „Figaros Hochzeit” gesungen hat, musste sie in der Mitte und im unteren Bereich ihres Umfangs zumindest zufriedenstellend geklungen haben. Später hat man sie hauptsächlich in Koloratursopranpartien eingesetzt, so dass sie wenige Möglichkeiten hatte, sich in den unteren Lagen zu entwickeln, die mit der Zeit schwächer wurden. Man kann dies nicht nachprüfen, da es keine Aufnahmen aus dieser Zeit gibt. Wir müssen uns daher auf Tagebücherberichte verlassen, die oft subjektiv sind, und auf unser Wissen über die Möglichkeiten und Einschränkungen der Koloratursoprane.

Das Leben von Antonia Miklaszewicz – Campi fällt in eine turbulente Zeit, die von den Teilungen Polens, der Französischen Revolution, den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress 1815 geprägt war. Ihr Werdegang bietet sich für eine eigene, größere biografische Studie an, die einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des klassischen Gesangs darstellen würde.

Jolanta Łada-Zielke, 1. Mai 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Quellen:

Österreichische Nationalbibliothek

Ludwig Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Verlag von Paul List, Leipzig 1903

Archiv vom Theater an der Wien

Tagebücher von Joseph Carl Rosenbaum, Onlineausgabe

 M. Weber Lexikon, Onlineausgabe

 Interview mit Professor Karl Böhmer

Jolanta Łada-Zielke, Jahrgang 1971, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anläßlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. „Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, auf dem Portal „Kurier Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“, sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA. Als ausgebildete Sängerin führt Jolanta eigene Musikprojekte durch und singt auch im Chor. Zu ihrem Solo-Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.“

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