Frauenklang 10: Die polnische Sängerin Antonia Campi (1773-1822) erobert Wien

Frauenklang 10, Antonia Campi (1773-1822) – die erste polnische Sängerin, die Wien erobert hat – Teil 1  klassik-begeistert.de, 17. April 2024

Antonia Campi – Reproduktion des von Johann Niedermann gemalten Ölporträts © Beethoven Haus Bonn

Frauenklang 10

von Jolanta Łada-Zielke

Antonia Campi (1773-1822) – die erste polnische Sängerin, die Wien erobert hat – Teil 1.

Die Eröffnung vom Theater an der Wien in der Hauptstadt der damaligen Habsburgermonarchie fand am 13. Juni 1801 um sieben Uhr abends statt. Das Gebäude im Empire-Stil stellte man unter der Leitung von Emanuel Schikaneder fertig. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stand die Aufführung der zweiaktigen Heldenoper „Alexander“ von Franz Teyber, die nach einem Libretto von Schikaneder komponiert und dem österreichischen Erzherzog Karl von Teschen gewidmet war, der als kaiserlicher Feldmarschall und Präsident des Hofkriegsrates fungierte.

Zunächst sahen die Zuschauer Schikaneders kurzes Vorspiel „Thespis Traum“, in der er selbst als Gastgeber die Titelrolle spielte.  Zum Schluss begrüßte er festlich das Publikum. Dann erklangen die ersten Takte der Ouvertüre zu „Alexander“. Es war eine klassische Opera seria mit Buffo-Elementen, die die Geschichte der Eroberung Indiens durch Alexander von Mazedonien erzählt. Er verliebt sich in die Herrscherin dieses Landes, die schöne und weise Königin Kiasa. Nach verschiedenen Wechselfällen kommt es zum Frieden und zur Einigung des Paares, wozu vor allem Makuro, Kiasas Hofmaler und Spiritus movens der gesamten Handlung, beiträgt.

Die Titelpartie von Alexander sang Joseph Simoni. Die Königin Kiasa verkörperte Antonina Campi, geborene Miklaszewicz. Ihre Rolle umfasste zwei Glanzarien. Im ersten Akt war es „Mein Volk ist treu und tapfer“ und im zweiten „Dahin ist Geist und Sinn“, die den inneren Kampf der Königin mit ihren Gefühlen für den Mann darstellt, der ihr Land erobert hat und den sie eher hassen sollte. Auf dem Plakat direkt unter der Besetzungsliste stand folgender Satz: „Herr Simoni, Sänger der K. K. Hofkapelle und Madame Campi werden als neu engagierte Mitglieder die Ehre haben, in den ebengezeigten Rollen aufzutreten“. 

Ankündigung der Premiere der Oper „Alexander“ anlässlich der Eröffnung vom Theater an der Wien © Archiv vom Theater an der Wien

Wer war Antonia (auf Polnisch: Antonina) Campi, de domo Miklaszewicz?

Sie wurde am 10. Dezember 1773 in Lublin in Polen als Tochter des Domkapellmeisters geboren, der auch Geiger und Musiklehrer war. In einigen deutschsprachigen Quellen steht ihr Name als „Miklasiewicz“. Ihr Debüt gab die Sängerin 1785 in Lublin und vier Jahre später in Warschau. Sie war Koloratursopranistin. Der Umfang ihrer Stimme umfasste drei Oktaven, und sie konnte frei das g3 erreichen.

Wie Barbara Chmara- Żaczkiewicz schreibt, lernte Antonia schnell und hatte ein gutes Gedächtnis. Daher machte sie schon in jungen Jahren rasche Fortschritte in der Gesangskunst und verfügte über ein breites Repertoire. Der letzte König Polens Stanislaus August Poniatowski, der das Talent junger Künstler unbestechlich erkannte und ihre Ausbildung finanzierte, nahm die junge Sängerin in die École de chant et danse am Warschauer Hof auf. Der königliche Kapellmeister aus Italien Pietro Persichini unterrichtete dort Gesang. Als er, nach acht Jahren in Warschau, um 1791 in seine Heimat zurückkehrte, ging Antonina Miklaszewicz, wahrscheinlich auf seine Anregung hin, nach Prag. Dort schloss sie sich der Gesangs- und Theatertruppe von dem italienischen Tenor Domenico Guardasoni an, unter dessen Leitung sie bereits 1790 in Warschau gesungen hatte. Mit dieser Truppe trat sie unter anderem auch in Leipzig auf.

Unter dem Mozart Dirigat

Der erste große Erfolg von Antonia Miklaszewicz im Ausland war die Rolle der Servilia in Mozarts „La Clemenza di Tito“, deren Uraufführung am 6. September 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater in Prag stattfand.  Mehr von diesem Ereignis erzählt Professor Karl Böhmer, Musikwissenschaftler an der Universität Mainz, im Interview vom 25. Februar 2024:

Interview mit Professor Karl Böhmer, Musikhochschule Mainz klassik-begeistert.de, 25. Februar 2024 – Klassik begeistert

In Prag sang Antonia noch die Gräfin in „Figaros Hochzeit“ und die Königin der Nacht, sowie Rollen in Opern von Paisiello, Salieri, Cimarosa und Sarti. Am 2. Februar 1792 heiratete sie Gaetano Campi. Die beiden kannten sich schon seit langem, da sie gemeinsam im Ensemble von Guardasoni aufgetreten waren. Gaetano Campi war ein klassischer italienischer Primo Buffo Caricato. Das Paar hatte siebzehn Kinder, darunter dreimal Zwillinge und einmal sogar Drillinge. Die Heirat mit einem Kollegen war für Antonia von Vorteil, da sie mit ihm zu Aufträgen reisen konnte. Im 18. Jahrhundert reisten Frauen nicht ohne männliche Begleitung. Außerdem nahm sie den Nachnamen ihres Mannes an, der außerhalb Polens leichter auszusprechen und zu merken war. Doch während Herr und Frau Campi bei Guardasoni gemeinsam im Duett sangen, taucht der Name ihres Mannes seit ihrer Abreise nach Italien, wo Antonina als Prima Buffa gastierte, nicht mehr in der gleichen Besetzung auf. Offenbar war er kein so guter Sänger wie sie. Professor Böhmer stellt fest, dass über den Verlauf der Karriere von Antonia Campi zwischen 1795 und 1800, die sie in Italien verbrachte, wenig bekannt ist. Aus den dortigen Quellen geht hervor, dass sie 1796 in Genua und 1797 in Florenz auftrat. Als Partner stand ihr unter anderem der große Mozart-Sänger Francesco Benucci zur Seite. Antonia und Gaetano waren jedoch ein gutes Ehepaar. Aus Briefen, die die Sängerin 1815-21 schrieb, geht hervor, dass sie sich sowohl um die Verträge ihres Mannes als auch um seine Gesundheit kümmerte. Die meisten Informationen über die polnische Sängerin gibt es im deutschen Sprachraum, hauptsächlich in Tagebüchern der damaligen Musikliebhaber.

Brief von Antonia Campi vom 31. Oktober 1821 an eine Freundin mit Grüßen zum Namenstag © Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Wiener Triumphe und Napoleanische Laune

Wiener Triumphe und napoleonische Laune

Die bereits erwähnte Oper „Alexander“ spielte man noch drei Jahren nach der Eröffnung des Theaters an der Wien immer mit der Teilnahme von Antonina Campi. Von da an begann sie, große Rollen in Seria-Opern zu singen, vor allem von Mozart, wie die Königin der Nacht, Konstanze und Donna Anna. Ferdinand Paër komponierte eigens für sie die Oper „Sargino, ossia l’allievo d’amore“, die 1803 in Dresden ihre Premiere hatte. Diese Aufführung sah Carl Maria von Weber, der Madame Campi jedoch stark kritisierte. Ihm gefiel die italienische Aussprache der polnischen Sopranistin nicht. Interessant, dass fünfzehn Jahre später, als die Paër-Musikgesellschaft in Dresden diese Inszenierung wieder aufnahm und Campi darin wieder auftrat, war Weber in seiner Bewunderung für sie geradezu überschwänglich. In der „Dresdner Zeitung“ vom 2. Dezember 1818 erschien seine begeisterte Rezension, in der er betonte, dass die Sängerin trotz ihres fortgeschrittenen Alters (45) noch in ausgezeichneter stimmlicher und schauspielerischer Verfassung sei. Besonders gut gefiel ihm die Darstellung der Romanze aus dem ersten Akt: „Ah Soffia, mio caro bene“. Weber schrieb über Antonia: in der großen Bravour-Arie vereinigte sie sehr erfreulich und schön das Brillante und Kunstreiche mit dem Anmuthigen und Gefühlvollen“. Mit dieser Meinung stand er nicht alleine da, weil Antonia nach der Aufführung zum Beifall hervorgerufen wurde. Die Künstlerin hatte die Rolle bereits mehrmals gesungen und verfügte zudem über beträchtliche Bühnenerfahrung. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum ihre spätere Darstellung der Partie von Sargino besser als die erste war.

Der Name der polnischen Sopranistin taucht auch in den Tagebüchern von Joseph Carl Rosenbaum auf, dem Sekretär des Grafen Esterhazy, einem Mitglied der Wiener Gesellschaft und einem großen Theaterliebhaber. Er war der Ehemann der Wiener Opernsängerin Therese Rosenbaum, Antoninas Kollegin. Die beiden Damen traten gemeinsam in Peter von Winters Oper „Maria von Montalban“ auf. Rosenbaum schreibt, Antonina sei „schön, aber sehr dünn“ gewesen.

Rosenbaum erwähnt ein Konzert, das man auf besonderen Wunsch von Napoleon Bonaparte organisierte und an dem die polnische Koloratursopranistin teilnahm. Nach der Schlacht von Austerlitz im Jahr 1805 besetzte Napoleons Armee Wien und der Kaiser hielt sich im Schloss Schönbrunn auf. Er ließ Antonina Campi und den Kastraten Gerone Crescentini dorthin bringen, um ausgewählte Szenen aus seinen Lieblingsopern mit einem Orchester aufzuführen: die tragedia per musica „Giulietta e Romeo“ von Niccolò Zingarelli und das dramma per musica „Giulio Sabino“ von Giuseppe Sarti. Luigi Cherubini leitete diese Aufführung. Rosenbaum war selbst nicht Zeuge dieses Ereignisses. Er beschreibt es nach einem Bericht seines Freundes, der sich nicht auf musikalisches Niveau, sondern auf das gelinde gesagt seltsame Verhalten des Kaisers konzentrierte:

„Beiläufig um ½ 8 h erschien Napoleon in einer schmal gestickten Uniform, mit dem Stern der Ehrenlegion, in Stiefeln. Seine Figur klein, sein Gesicht braungelb schattiert, ein paar Brillant-Augen drangen jedem in die tiefsten Falten des Inneren; seinen Kopf deckten schwarze, struppige Haare. Ihm folgte Murat (der Adjutant), und umgeben war er von ungefähr 30 Generalen, Ministern, Adjutanten, Kammerherrn in scharlachrot mit Gold gestickter Uniform und gepuderten Haaren, alle in Gala. Er kam schnell durch eine Reihe von Zimmern in jenes, wo Musik gehalten wurde, fragte Crescentini, ob er in Rom gesungen hatte, und den Cherubini, ob die Madame Campi eine Italienerin sei. Sonst sprach er mit niemandem etwas. Er setzte sich auf den für ihn bestimmten Armsessel, unter welchem ein Teppich aufbereitet war, ließ alle Lichter im Saal bis auf jene an den Musikpulten auslöschen, und saß mit dem Avis in der Hand von den aufzuführenden Stücken – es wurden 6 Stücke aus den Opern „Romeo und Julia“, und „Giulio Sabino“ aufgeführt – durch nicht eine volle Stunde, als die Musik währte, in wie unbeweglich mit einer sehr ernsten, düsteren, fast möchte man sagen trotzigen Miene. Ein einziges Mal sprach er mit Murat, der zwei Schritte hinter ihm zur Rechten stand, ein paar Worte, und äußerte auch nicht die geringste Spur von Gefallen und Missfallen während der Musik. Die Begleitung stand hinter ihm im halben Rund in orientalisch despotischer Stille, keiner sprach zum anderen auch nur eine Silbe. Als die Musik geendigt, lief er mit Duplier-Schritten davon, ohne auch einen Wink über etwas zu geben, und entließ das Orchester ohne Beifall, ohne Belohnung“.

Dieses Konzert erwies sich nur für Crescentini als fruchtbar, dem der Kaiser einen Auftritt in Paris für eine sehr hohe Gage anbot, während es für Antoninas Karriere von geringer Bedeutung war. Dank dieses Konzerts wissen wir jedoch, dass die Polin zu jener Zeit sehr bekannte und beliebte Partien in ihrem Repertoire hatte, wie Zingarellis Giulietta und Sartis Epponina.

Im zweiten Teil werde ich über weitere Erfolge der polnischen Sängerin in Wien und größeren deutschen Städten erzählen.

Jolanta Łada-Zielke, 17. April 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Quellen:

Barbara Chmara-Żaczkiewicz „Antonina Campi. Głosy do biografii”, Muzyka 2022/1
Österreichische Nationalbibliothek
Archiv vom Theater an der Wien
Tagebücher von Joseph Carl Rosenbaum, Onlineausgabe
M. Weber Lexikon, Onlineausgabe
Interview mit Professor Karl Böhmer

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