Sommereggers Klassikwelt 234: Der Tenor Hans Buff-Gießen beendet sein Leben rätselhaft

Sommereggers Klassikwelt 234: Der Tenor Hans Buff-Gießen beendete sein Leben rätselhaft  klassik-begeistert.de, 7. Mai 2024

von Peter Sommeregger

Beschäftigt man sich mit Aufnahmen aus der Frühzeit der Schallplatte, und speziell mit deutschen Sängern, so stößt man früher oder später auf den Namen Hans Buff-Gießen. Seine wenigen, 1905 und 1907 entstandenen Aufnahmen gehören zu den begehrtesten Objekten von Schellackplatten-Sammlern.

Der Sänger wurde als Hans Buff am 13. Februar 1862 in Gießen geboren. Seine Großtante war jene Charlotte Buff, eine Jugendliebe Goethes, die diesen zur Figur der Charlotte im „Werther“ inspirierte. Seine Familie zählte zum gehobenen Bürgertum, anfangs wollte Buff einer Familientradition entsprechend Jurist werden, brach aber ein entsprechendes Studium bereits nach wenigen Semestern ab, um Gesang in Dresden zu studieren. Dort bekam er auch sein erstes Engagement an der Hofoper, kam aber in Dresden nicht über einen Elevenvertrag hinaus. Seine eigentliche Bühnenkarriere begann in Weimar, wo er von 1888-1894 erfolgreich unter dem Namen Buff-Gießen auftrat, er hatte den Namen seiner Heimatstadt dem ererbten hinzugefügt.

In Weimar war er der erste Sänger deutscher Zunge, der in Massenets Oper „Werther“ die Titelrolle sang, angesichts seiner Verwandtschaft mit Charlotte Buff ein Kuriosum. Er wirkte ebenfalls in der Uraufführung von Richard Strauss’ erster Oper „Guntram“ 1894 an der Seite von Pauline de Ahna, der späteren Gattin von Strauss, mit.

Die nächste Station von Buffs Karriere war Wiesbaden, wo er bis 1897 fest engagiert war. Schon ab 1890 trat Buff aber wiederholt an der Wiener Hofoper auf, an der er von 1897 bis 1898 Ensemblemitglied war. Er sang in Wien mehrere Rollen des lyrischen Tenorfaches, am häufigsten den Arnold in Rossinis „Wilhelm Tell“ und den Grafen Almaviva in dessen „Barbier von Sevilla“.

An das Wiener Engagement schloss sich ab 1899 eine erneute Tätigkeit in Dresden an. Buff erweiterte sein Repertoire bis zum Manrico, Radamès und Lohengrin, ehe er sich verstärkt dem Lied- und Konzertgesang zuwandte. Gastspiele führten ihn an zahlreiche Opernhäuser des In- und Auslandes.

Hört man die insgesamt sechs Einzelaufnahmen, die der Sänger für die Schallplatte einspielte, so besticht er durch die Schönheit seines Timbres, aber ebenso durch den technisch perfekten Vortrag und die Leichtigkeit seiner Koloraturen.

Das Leben Buffs endete tragisch: auf der Rückfahrt von einem Gastspiel in Berlin erschoss sich der Sänger am 13. September 1907 im Nachtzug Berlin-Dresden. Dieser Selbstmord löste eine große Erschütterung aus, es konnte nie geklärt werden, was Buff zu der Verzweiflungstat getrieben hatte.

Es wurde über ein Nachlassen seiner stimmlichen Kräfte, oder auch den Beginn einer psychischen Erkrankung spekuliert. Die wahren Gründe konnte aber nur er selbst wissen, und hat sie mit ins Grab genommen.

Peter Sommeregger, 7. Mai 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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