Sopranistin Petra Radulović
Zwischen Opernbühne und Heimat:
Ein Mittagessen mit Sopranistin Petra Radulović
Als ich mich vor einigen Tagen mit der Sopranistin Petra Radulović im Restaurant an der berühmten Verige-Passage in Montenegro traf, stand zunächst etwas ganz anderes im Mittelpunkt als Oper oder Karriere: Meeresfrüchte.
„Endlich wieder richtig gute und frische Calamari“, sagte sie mit einem Lächeln, als das Essen serviert wurde. Wer die vergangenen Jahre überwiegend zwischen Wien, Deutschland und verschiedenen Gastspielorten in Europa unterwegs war, lernt offenbar die einfachen Dinge der Heimat wieder neu zu schätzen. Frischer Fisch, ein Tisch direkt am Wasser und der Blick auf die viel gerühmte Bucht von Kotor gehören dazu.
von Marc Rohde
Es war Mittagszeit. Die Sonne spiegelte sich auf dem Meer, Ausflugsboote zogen durch die schmale Passage zwischen den Bergen, und die Terrasse des Restaurants war gut besucht. Petra war für wenige Tage nach Montenegro gekommen. Allerdings nicht, um Urlaub zu machen, denn sie sollte beim EU-Westbalkan-Gipfel vor den Spitzen der Europäischen Union sowie den Staats- und Regierungschefs der sechs Westbalkanstaaten in Tivat auftreten.
Kurzfristig ist noch ein Vorsingen in der Hauptstadt Podgorica dazu gekommen und zwar für ein Projekt, das bereits im Juli in Kotor realisiert werden soll. „So läuft das hier oft“, sagte sie. „Manchmal entsteht ein Projekt sehr kurzfristig. Man bekommt einen Anruf und plötzlich muss alles schnell gehen.“ Im Ausland sei vieles langfristiger organisiert. In Montenegro dagegen fielen Entscheidungen oft spontaner. Das sagte sie keineswegs kritisch. Eher mit einem gewissen Verständnis für die Mentalität ihres Landes, auch wenn sie sich in dieser Beziehung inzwischen schon sehr deutsch fühle.

Während unseres Gesprächs wurde schnell deutlich, dass Petra längst mehr sein möchte als nur eine erfolgreiche Opernsängerin. Sie beschäftigt zunehmend die Frage, wie sich die Oper und die klassische Musik in Montenegro weiterentwickeln können. „Wir haben großartige Musiker aus unserem Land“, sagte sie. „Aber ich würde mir wünschen, dass diese nicht alle ins Ausland abwandern müssen, sondern auch in der Heimat von ihrem Beruf leben können.“ Aktuell arbeitet sie sogar an einem Projekt, das 2027 verwirklicht werden könnte. Ziel ist es, eine österreichische Opernproduktion nach Montenegro einzuladen. „Noch ist vieles in der Planungsphase“, sagte sie. „Aber ich glaube, dass solche Projekte wichtig sind.“ Über dieses Thema spricht sie mit spürbarer Leidenschaft. Fast mehr noch als über die eigene Karriere.
Dabei hätte sie durchaus Grund, vor allem über ihre persönlichen Erfolge zu reden. In wenigen Wochen wird sie ihren Masterabschluss in Wien machen. Engagements und Konzerte führen sie regelmäßig quer durch Europa. Gleichzeitig möchte sie künftig noch stärker auf Opernbühnen in Deutschland, Österreich und anderen Ländern präsent sein. „Natürlich freue ich mich über jede neue Rolle und jedes neue Haus“, sagte sie. „Das gehört zu meinem Beruf dazu.“
Doch immer wieder kamen wir im Gespräch auf Montenegro zurück. Vielleicht auch deshalb, weil sie gerade erst wieder hier angekommen war. Ein besonders schönes Bild ergab sich während unseres Essens. Direkt an der Kaimauer des Restaurants legte ein Boot an. An Bord befand sich ein Brautpaar mit einigen Gästen. Sofort machten Gäste Fotos gemacht, tauschten Glückwünsche aus und für einen Moment blickten alle Restaurantbesucher zu den frisch Vermählten.
Petra beobachtete die Szene und musste lachen. Denn auch eine Hochzeit ist für Sie zurzeit ein Thema. „Für eine Feier hatten wir bisher einfach keine Zeit, aber unsere Familien warten schon darauf“, sagte sie lachend.
Während draußen das Brautpaar für Erinnerungsfotos vor der Kulisse der Bucht posierte, sprachen wir über die weniger glamourösen Seiten ihres Berufs.
Besonders junge Sängerinnen und Sänger hätten oft mit erheblichen Kosten zu kämpfen. „Viele sehen nur den Auftritt“, sagte sie. „Was davor und danach passiert, sieht kaum jemand.“ Allein ein Vorsingen in Deutschland könne schnell um die 1.000,- Euro kosten. Flug, Hotel, Transfers und Verpflegung summierten sich rasch zu einem Betrag, der einen erheblichen Teil des monatlichen Einkommens verschlingen könne. „Und am Ende weißt du noch nicht einmal, ob du die Rolle bekommst.“
Es sind Erfahrungen, die vermutlich viele junge Künstler teilen. Trotzdem hatte ich während unseres Gesprächs nie den Eindruck, dass sie sich beklagt. Vielmehr wirkte Petra wie jemand, der genau weiß, warum er diesen Weg eingeschlagen hat.
Musik ist für sie längst mehr als ein Beruf geworden. Und obwohl sie heute zwischen Wien, Deutschland und anderen europäischen Engagements pendelt, scheint ihre Verbindung zur Heimat unverändert stark geblieben zu sein. „Man merkt oft erst, was man vermisst, wenn man lange weg ist“, sagte sie irgendwann.
Vielleicht erklärt dieser Satz auch, warum sie sich so stark für die Oper in Montenegro einsetzt. Denn während viele Künstler aus den Balkanstaaten ihre Zukunft irgendwann ausschließlich außerhalb ihrer Heimat sehen, gelingt es Petra Radulović, eine internationale Karriere mit dem Engagement für die kulturelle Entwicklung ihres Heimatlandes zu verbinden. Als wir uns verabschiedeten, war die Terrasse schon deutlich voller geworden. Die Mittagssonne stand hoch über dem Wasser und irgendwo hinter den Bergen warteten bereits die nächsten Termine auf die Sängerin; das Vorsingen in Podgorica, der Auftritt in Tivat, der Masterabschluss in Wien, weitere Konzerte in Kotor und Dubrovnik und andere neue Projekte.
Marc Rohde, 16. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Kurzbiografie:
Die montenegrinische Sopranistin Petra Radulović zählt zu den vielversprechenden jungen Stimmen ihres Fachs. Nach ihrer Gesangsausbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien war sie von 2021 bis 2023 Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hannover und sang dort zahlreiche Rollen, darunter Barbarina (Le nozze di Figaro), Johanna (Sweeney Todd), Flora (The Turn of the Screw) und Madeleine Usher (The Fall of the House of Usher). Gastengagements führten sie u.a. an das Schlosstheater Schönbrunn, das Staatstheater Mainz, das Theater an der Wien sowie zum Verbier Festival. Ihr Repertoire reicht von Mozart und Puccini bis zu zeitgenössischen Opern. Die aus Kotor stammende Künstlerin ist Preisträgerin mehrerer internationaler Gesangswettbewerbe und erste Stipendiatin der Miloš-Karadaglić-Stiftung. Mit ihrer stilistischen Vielseitigkeit und ausdrucksstarken Bühnenpräsenz etabliert sie sich zunehmend auf europäischen Opernbühnen.
Marc Rohde, im Juni 2016, für Klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at