Charles-Mackerras-Box
Warner Classics 5021732623560, 63 CD
von Peter Sommeregger
Der gebürtige Australier Charles Mackerras, Jahrgang 1925, war während seines langen Lebens ein wahrer Weltbürger der Musik. Sein Repertoire schloss auch viele Randgebiete des gängigen klassischen Kanons ein. Mackerras spielte viele Werke für die Schallplatte ein, seine erste entstand bereits im Jahr 1951.
Das Label Warner hat nun anlässlich des 100. Geburtstages des Dirigenten eine umfangreiche Edition veröffentlicht, die 63 CDs umfasst. Darin nicht enthalten ist aus urheberrechtlichen Gründen der ikonische, für die DECCA eingespielte Zyklus der Opern Leoš Jánačeks, aber die Fülle der vorhandenen Werke entschädigt reich dafür.
Im Laufe seiner Karriere hat Mackerras zahlreiche Orchester dirigiert, einige auch als Chefdirigent. Das schlägt sich deutlich in der Edition nieder, die dadurch große stilistische Reichhaltigkeit erhält. Die Liste der von ihm dirigierten und in der Box vertretenen Orchester ist lang und schließt bedeutende Klangkörper ein. So das English Chamber Orchestra, London Philharmonic Orchestra, London Symphony Orchestra, New Philharmonia Orchestra, Orchestra of the Age of Enlightenment, Orchestra of the Royal Opera House Covent Garden, Orchestre de l’Opéra National de Paris, Philharmonia Orchestra, Prague Chamber Orchestra, Pro Arte Orchestra, Robert Masters Chamber Orchestra, Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Sadler’s Wells Orchestra, Scottish Chamber Orchestra.
Das Spektrum der hier versammelten Werke spiegelt die Vielseitigkeit von Mackerras’ Repertoire wider. Die ersten Aufnahmen galten Georg Friedrich Händel. Der „Messias“, 1966 eingespielt, gilt bis heute als Referenzaufnahme des Werkes. Von Mozart, dessen Werk ein Schwerpunkt in seiner Laufbahn war, sind mehrere Symphonien, Konzerte, eine Arienplatte mit Barbara Frittoli und eine komplette Einspielung der Oper „Idomeneo“ enthalten. Letztere ist allerdings durch eine nicht wirklich überzeugende Sängerbesetzung beeinträchtigt.
Beethovens neun Symphonien spielte Mackerras mit dem Royal Liverpool Symphony Orchestra ein. Er musiziert einen wohltuend schlanken, von allzu viel Pathos befreiten Beethoven, besonders geglückt ist die Einspielung des Violinkonzertes mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment, mit der Solistin Monica Huggett gelingt eine historisch informierte Wiedergabe mit lyrischem Charakter. Die Affinität des Dirigenten zum Ballett findet sich in einer ganzen Reihe von Aufnahmen, beginnend mit Mozart, Werken von Chopin, Ponchielli, Meyerbeer, Gounod und Strawinsky. Die im Opernbetrieb fast immer gestrichenen Balletteinlagen in Verdis Opern erklingen ebenso, wie ein von Mackerras daraus zusammengestelltes Ballett, „The Lady and the Fool“.
Als sensibler Begleiter von Sängern erweist er sich auch in einem Puccini-Recital der wunderbaren Montserrat Caballé, und einer Einspielung von Duetten Caballés mit ihrem Ehemann Bernabé Martí. Ein Klassiker ist das Christmas-Album mit Elisabeth Schwarzkopf von 1957, das stilistisch aber ein wenig aus der Zeit gefallen erscheint. Eine Rarität sind die Szenen aus Wagners „Götterdämmerung“ mit Alberto Remedios und der legendären Rita Hunter, die 1972 keine Vergleiche mit anderen Wagnersängern scheuen mussten. British Folk Songs erklingen in bereits historischen Aufnahmen mit Peter Dawson und Richard Lewis, „Songs of Britain“ mit Owen Brannigan und Elizabeth Harwood.
Britische Komponisten werden ausführlich gewürdigt. William Walton, Edward Elgar, Frederick Delius und der unvermeidliche Arthur Sullivan nehmen großen Raum in der Edition ein.
Mit einzelnen Orchesterwerken sind auch Brahms, Tschaikowsky, Rachmaninow, Mussorgsky und Richard Strauss vertreten, dessen „Till Eulenspiegel“ und „Don Juan“ Mackerras kraftvoll interpretiert.
Gustav Mahler ist mit den Symphonien 1 und 5 vertreten, außerdem mit einer sehr geglückten Einspielung von Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ mit Ann Murray und Thomas Allen.
Mackerras war stark geprägt durch seine „Lehrjahre“ in Prag, die Affinität zu tschechischen Komponisten zieht sich als roter Faden durch seine Dirigentenlaufbahn. Seine besondere Liebe galt Leoš Janáček von dem neben Opernouvertüren auch Konzertstücke enthalten sind. Auch Smetana und Dvořák werden ausführlich gewürdigt.
Die Fülle der hier versammelten Werke spiegelt die stilistische Vielseitigkeit des 2010 verstorbenen Dirigenten wieder, dessen Zusammenarbeit mit verschiedenen Orchestern und Solisten nicht wenige Referenzaufnahmen hervorgebracht hat. Die repräsentative Box stellt eine würdige postume Huldigung für den Jubilar dar.
Peter Sommeregger, 7. Januar 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Besprechung: Kent Nagano/Rebekka Hartmann klassik-begeistert.de, 14. Dezember 2025