Masako Ohta © Andreas Hein
„Jeder Tag ist eine Reise und die Reise an sich ist das Zuhause“. Haiku Lyrik soll laut Masako Ohta Assoziationen in mir wecken. So inspirieren mich die Haikus, die Musik zu hören, als würden die Töne in meinem Inneren aufgehen wie Blütenkelche im Zeitraffer: plopp plopp plopp.
Haiku-a-la-vier Winter 2026
Piano und Vortrag Masako Ohta
Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, München, 10. Januar 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend nimmt mich die Pianistin Masako Ohta auf eine Reise mit. Japanische Haiku Lyrik: 5 Silben – 7 Silben – 5 Silben, dieser Silbenrhythmus ist ins Deutsche direkt nicht übersetzbar. Verbunden mit Solopianostücken. Diese Haiku-Reisen durch die Jahreszeiten macht sie seit einigen Jahren. Sehr innige Konzerte. Ich lasse mich hineinfallen in die zweisprachig vorgetragene Lyrik wie auch in die ganze wunderbare klangliche Vielfalt, die Ohta mir präsentiert. Vom japanischen Mittelalter zur europäischen Romantik, Impressionismus, einem impressionistischen Stück von John Cage bis zu Pärts Komposition Für Alina und Ryūichi Sakamotos Energy flow als Zugabe.
Hatsuhinode ist Ohtas eigene Komposition. Mit ihr eröffnet sie das Konzert. Die kontemplativen Töne entfalten mein inneres Ohr.

Monate und Tage sind ewig Reisende, und die Jahre, die kommen und gehen, die sind auch Reisende. Menschen, die ihr Leben auf dem Schiff verbringen und die damit alt werden, mit Pferden umherzuziehen, für sie ist jeder Tag eine Reise und die Reise an sich ist ihr Zuhause. (Matsuo Basho, 1644-1694). Ohta übersetzt die Gedichte selbst und möglichst direkt. Der Duft sei ein wichtiges Element in Haikus, die sehr Natur verbunden sind – sagt sie vor dem Stück. In J.S. Bachs Prelude g-moll BWV 861 erfahre ich die Triller als reine Natur. So einfach lässt sich mein Hirn überlisten, mich das Riechen dieser Triller mehr als nur vorstellen.
So weiß ist der frisch gewaschene Lauch… diese Kälte (Matsuo Basho). Ohta erläutert, dass der Lauch draußen in winterkalten Wasser gewaschen wurde. Der Komponist starb im Jahr Johann Sebastian Bachs Geburt. Kengyo Yatsuhashis Rokudan no Shirabe ist streng, dramatisch wie die Kälte, die beim Waschen des Lauchs in meine Finger wandert. Ich spüre meine Finger, diese Kälte.
Mein Schatten, in die Länge geblasen, auf dem kahlen Feld (Natsume Soseki, 1867-1916).
Wie Blüten im Zeitraffer gehen die Töne von John Cages In a landscape in mir auf. Plopp. Plopp. Plopp plopp plopp.

Wildes Meer, die Meerjungfrau schwebt, der kalte Mond (Matsuoka Seira, 1740-1791).
Ohta improvisiert zuerst. Im Flügel zupfend klingt es fast wie ein Shamisen, eine japanische dreisaitige Laute. Kombiniert mit einem fortwährend gespielten hohen Tastenton. Eigentlich ist das ein Kontrast, der mir beim Hören aber gar nicht so vorkommt. So passend, fließend und homogen folge ich dem direkt folgenden träumerisches Stück Clair de lune von Claude Debussy.
Von einem kahlen Feld, die Berge in der Ferne leuchten im Sonnenschein (Takahama Kyoshi, 1874-1959). Johann Sebastian Bachs Sarabande aus Partita 1 B-Dur BWV 825 hypnotisiert mich: das Gefühl des Ganz-bei-mir-Seins die Welt umfangend.
Setzt die Axt ein, überrascht vom Duft, Winterwald (Yosa Buson, 1716-1784). Bei Ohtas Interpretation Arvo Pärts Für Alina verspüre ich eine starke Intimität. Als wären die Töne ganz für mich, ganz in mir.
Schnee (Tatsuji Miyoshi, 1900-1964) – Lass Taro einschlafen, auf das Dach über Taro fällt der Schnee / Lass Jiro einschlafen, auf das Dach von Jiro fällt der Schnee. Claude Debussys Des pas sur la neige lässt mich bin Wassertropfen sein, während sie auf den Schneeboden fallen.

Auf das Meer bläst der winterliche Wind, um nirgends zurückzukehren (Seishi Yamaguchi, 1901-1994). Chopins Nocturne in f-moll op. 55 Nr. 1 ist ein Sog, als ob das Meer, das ich beobachte, mich einsaugt.
Sala Sala… die Klänge der Bambusblätter. Schnee in der Nacht (Masaoka Shiki, 1867-1902). Schuberts Impromptu Nr. 3 Ges-Dur op. 90 habe ich kennen- und lieben gelernt in Bertrand Bliers Film Trop belle pour toi (Zu schön für dich). Und so flimmert das Ende des Films sechsunddreißig Jahre nach dem Sehen dieses Films im Kino auch in diesem Moment vor meinem inneren lächelnden Auge.
Als Zugabe spielt Masako Ohta Ryūichi Sakamotos Energy flow. Damit wünscht sie dem Publikum, also auch mir gute Energie für 2026. Strahlende Energie als Rausschmeißer. An diesem Abend funktioniert in mir alles, was Masako Ohta für mich anrichtet. Ich spüre die Freude, die positive Lust Ohtas an diesem Abend, der mich in eine Beziehung zu ihr, zu den Haikus, zur Musik setzt, die beseelend intim ist. Ich trete in die Nacht hinaus. Masako Ohta traue ich an diesem Abend zu, den Winter herbei musiziert zu haben. Ich spüre, wie die herabschneienden pulvrigen Schneekörnchen auf mir zur Ruhe kommen.
Frank Heublein, 11. Januar 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Karl Jenkins, The Armed Man: A Mass for Peace Herz-Jesu-Kirche München, 21. November 2025