residenz@sendesaal: Albert-Schweitzer-Ensemble
Mit 2 wiederentdeckten Sinfonien von Anton Reicha begeistert ein famos aufspielendes Bläser-Streicher-Dezett das Bremer Publikum.
Dem Publikum gefiel’s, es spendete regen begeisterten Beifall. Und es hatte den Eindruck, als trügen alle Zuhörenden am Ende ein frohgemutes Lächeln mit nachhause.
Anton Reicha Grande Symphonie de Salon No. 2 und No. 3 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass
Albert-Schweitzer-Ensemble (ergänzt durch fünf StreicherInnen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen)
Sendesaal Bremen, 31. Januar 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Wegen seiner exzellenten akustischen Bedingungen wird der alte Sendesaal Bremen noch immer gerne für CD-Aufnahmen genutzt. Und wenn es passt, wird auch gleich noch ein öffentliches Konzert angehängt.
So auch diesmal, mit einem wahrhaft außergewöhnlichen Programm: den „Grande Symphonies de Salon“ No. 2 und No. 3, zwei erst 2017 wiederentdeckten Werken des 1770 in Prag geborenen Anton Reicha, heute ein nur selten gespielter, seinerzeit jedoch überaus geachteter Violinist, Flötist, Komponist, Lehrer u.a. von Franz Liszt und César Franck, ein Zeitgenosse und Freund Beethovens.
Die beiden erst 2017 wiederentdeckten und mittlerweile auch im Druck vorliegenden Kompositionen sind für die seltene Dezett-Besetzung vorgesehen. Das vielfach preisgekrönte Bläserensemble Albert-Schweitzer-Quintett (Angela Firkins: Flöte, Christiane Dimigen: Oboe, Martin Spangenberg: Klarinette, Sung Kwon You: Fagott, und Sibylle Mahni: Horn) hatte sich für dieses Projekt daher mit fünf Streichern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (Daniel Sepec und Konstanze Lerbs: Violine, Donata Böcking: Viola, Nuala McKenna: Violoncello, Johann Warzecha: Kontrabass) zusammengetan. Mit äußerst erfreulichem Ergebnis!
Edle saloneske Musik mit böhmischer Färbung
Von Beginn an überzeugte das stets homogene, perfekte Miteinander der zehn Musizierenden, die nach den vorangegangenen Einspieltagen jede einzelne Nuance der großformatigen Sinfonien gleichermaßen präzise und in optimaler Transparenz darboten.
Nicht von ungefähr hat Reicha die beiden Sinfonien mit dem Zusatz „de Salon“ versehen. Denn tatsächlich überwiegt der grundlegend leichte, eben saloneske Charakter, vor allem in den schnellen Sätzen. Die häufig tänzerisch angelegten Abschnitten sind deutlich böhmisch gefärbt und mitreißend schwungvoll. Faszinierend ist das räumlich sehr breite Klangbild, was durch häufige Weitergabe charakteristischer Motive quer durch den gesamten Klangkörper entsteht. Und ein besonderer Hörgenuss ergibt sich allein schon aus der Unterschiedlichkeit der vielfältigen Klangfarben und Timbres der zehn bestens harmonierenden Streich- und Holzblasinstrumente.
Sinfonische Opulenz und kammermusikalische Finesse
Die unterhaltsame Eingängigkeit und entspannte, geradezu Mozart’sche Leichtigkeit der Musik setzt indes ausgesprochen hohe spieltechnische Ansprüche voraus. Und in dieser Hinsicht zeigte sich das Projektensemble bestens gewappnet, nahm alle Hürden ebenso locker wie bravourös.
Augenfällig, dass alle Mitwirkenden mit ausgeprägter musikantischer Spielfreude und Leidenschaft, aber gleichermaßen mit höchster Aufmerksamkeit zu Werke gingen. Da reichte am Satzbeginn eine kurze Bewegung des ersten Violinisten Sepec aus für den punktgenauen Start sowie ein im weiteren Verlauf tadelloses, durchweg ausgewogenes Zusammenspiel, auch bei nicht selten sportlich forsch vorandrängenden Tempi der zehn unterschiedlichen, in kunstvollen Figurationen raffiniert miteinander verwobenen Stimmlinien.
Reizvoll gerieten die Partien, bei denen aus der harmonischen Dichte kurze solistische Motive der einzelnen Instrumente hervorblitzten. Sinfonische Opulenz wechselte mit kammermusikalischer Finesse, was angesichts der ungewöhnlichen Besetzung gleichermaßen gut zum Ausdruck gebracht wurde.
Wohl durchdachte Phrasierungen, markante Akzentsetzungen und weit angelegte Spannungsbögen sorgten ungeachtet der teils recht langen Einzelsätze für einen kurzweiligen, durchweg interessanten Ablauf. Das muntere Aufspielen mutete dabei nicht selten an wie instrumentales Palavern, entspanntes Geplauder, ernsteres Mono- oder Dialogisieren, oder man schien sich wie in erregten Diskussionen zu echauffierten: Reicha setzte nicht unbedingt auf Beethoven’sche Ernsthaftigkeit, sondern vermittelt eine grundlegend optimistische, edle „Salon“-Atmosphäre, durchaus mit gewissem Tiefgang und wahrhaft vom Feinsten, wie es sich problemlos in die beiden präsentierten Sinfonien hineininterpretieren lässt.
Vor allem bei einer derart grandiosen, rundum gelungenen Interpretation! Reicha wiederzuentdecken hat sich gelohnt; auf die beizeiten erhältliche CD darf man gespannt sein.
Dem Publikum gefiel’s, es spendete regen begeisterten Beifall. Und es hatte den Eindruck, als trügen alle Zuhörenden am Ende ein frohgemutes Lächeln mit nachhause.
Dr. Gerd Klingeberg, 1. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at