CD/Blu-ray Besprechung:
Wer glaubt, im Repertoire der großen Orchester sei bereits jeder Stein umgedreht, hat die Rechnung ohne Bar Avni gemacht. Die israelische Dirigentin, frischgebackene Gewinnerin des renommierten „La Maestra“-Wettbewerbs 2024, präsentiert bei Alpha Classics ein Debütalbum mit dem Orchestre National Bordeaux Aquitaine, das so gar nicht in die gängigen Schubladen passen will.
Symphonies in 3 Movements
Charlotte Sohy, Darius Milhaud, Carl Philipp Emanuel Bach, Igor Stravinsky
Orchestre National Bordeaux Aquitaine
Bar Avni, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha 1201
von Dirk Schauß
Ihr Konzept ist so simpel wie bestechend: Vier Komponisten, vier Epochen, aber eine gemeinsame Architektur – die Dreisätzigkeit. Dass Avni im Interview behauptet, dieses verbindende Element sei ihr erst im Nachhinein aufgefallen, nehmen wir ihr als charmante Koketterie ab. Es wirkt schlicht zu stimmig, um Zufall zu sein. Die ehemalige Schlagzeugerin beweist hier Mut zur Nische und ein feines Gespür für Programme abseits ausgetretener Pfade.
Der Einstieg ist ein regelrechter Paukenschlag: Charlotte Sohys Sinfonie op. 10 „Grande Guerre“ entstand bereits 1914, musste aber bis 2019 auf ihre Uraufführung warten. Es ist ein Werk von erschütternder emotionaler Kraft, das den Hörer sofort in eine Welt zwischen spätromantischem Pathos und dem Grauen der Moderne zieht. Sohy schreibt hier aus einem inneren Epizentrum des Schmerzes. Bar Avni lässt der lyrischen Sprache, die in der Tradition eines César Franck steht, den nötigen Raum zum Atmen. Die düsteren Farben von Cis-Moll legen sich wie schweres Samt über das Orchester, wobei Avni die Balance zwischen Aufbegehren und zerbrechlicher Introspektion überzeugend wahrt. Eine Entdeckung, die man nicht mehr missen möchte.
Nach dieser Wucht fungiert Darius Milhauds Kammersinfonie Nr. 1 „Le Printemps“ als akustisches Sorbet. Dass Milhaud dieses vierminütige Miniaturen-Werk als „Symphonie“ bezeichnete, darf man als satirischen Seitenhieb verstehen. Doch was für ein reizvoller Kontrapunkt! Flöte und Harfe beschwören eine frühlingshafte Leichtigkeit herauf, die den Hörer sofort befreit. Im Mittelsatz singt die Oboe eine innige Weise, bevor die Klarinette im Finale keck die Oberhand gewinnt. Es ist Impressionismus in seiner kompaktesten Form – dargeboten mit einer Transparenz, die jedes Detail hörbar macht.
Bevor wir in die Moderne zurückkehren, schlägt Avni eine Brücke ins Jahr 1775. Carl Philipp Emanuel Bachs erste Sinfonie in D-Dur ist ein Musterbeispiel für den „Sturm und Drang“. Das Orchestre National Bordeaux Aquitaine spielt hier bemerkenswert stilsicher. Die präzise Artikulation und die spritzigen Tempi wirken wie ein reinigendes Gewitter. Ein Fest für Streicher und Bläser, um die Ohren für das große Finale freizumachen.
Dieses Finale hat es in sich: Igor Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen. Es ist sein erstes großes Werk nach der Emigration in die USA, und man spürt in jeder Note das pulsierende Leben der Neuen Welt. Hier zeigt sich die ganze Klasse von Bar Avni. Wo andere in der Komplexität des Rhythmus versinken, kitzelt sie einen jazzigen Groove heraus. Die Musik besitzt eine ungeheure rhythmische Prägnanz, die Synkopen schnappen wie eine Falle zu, und der Klavierpart verleiht dem Ganzen eine metallische Modernität. Besonders faszinierend gelingt der langsame Mittelsatz mit seiner gespenstischen Atmosphäre. Im Finale beißen die Blechbläser, die Saiten glühen, und das gesamte Ensemble spielt mit einer Dringlichkeit, als ginge es um alles.
Diese CD ist wie ein exzellentes Menü für die Ohren. Bar Avni führt uns mit sicherer Hand durch die Epochen, unterstützt von einem Orchestre National Bordeaux Aquitaine, das sich als idealer Partner erweist. Mit beeindruckender Flexibilität begegnet das Ensemble den rasanten Stilwechseln: Ob spätromantischer Schmelz oder der trockene Zugriff bei Strawinsky – das Orchester musiziert mit einer Spielfreude, die schlichtweg begeistert. Eine glänzende Visitenkarte, die neugierig auf alles macht, was von Bar Avni und diesem Ensemble noch kommen wird.
Dirk Schauß, 4. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Charlotte Sohy
Sinfonie cis-moll op. 10 „Grande Guerre“
Darius Milhaud
Kammersinfonie Nr. 1 op. 43 „Le Printemps“
Carl Philipp Emanuel Bach
Sinfonie Nr. 1 D-Dur Wq 183
Igor Stravinsky
Sinfonie in drei Sätzen
CD/Blu-ray-Besprechung: Lasso Agostini, Lagrime di San Pietro klassik-begeistert.de, 2. März 2026