Arnold Schönberg in seiner Wohnung in der Hietzinger Hauptstraße 113; an der Wand sind Fotografien von Gustav Mahler sowie ein von Schönberg gemaltes Portrait von Gustav Mahler zu sehen, Wien 1911.
© Arnold Schönberg Center, Wien
“Zu Gast bei Arnold Schönberg” heißt die neue Ausstellung im Arnold Schönberg Center in Wien. Nach einer Führung durch die Kuratorin und der Präsentation von autographen Skizzen bot der musikalische Teil des Abends Werke von Hugo Wolf, Ernst von Dohnányi und Arnold Schönberg. Das Konzert mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker stand im Zeichen des Gedenkens an den 80. Todestag von Arnold Rosé, dem langjährigen Konzertmeister des Orchesters.
Hugo Wolf
Italienische Serenade G-Dur
Ernst von Dohnányi
Streichsextett B-Dur
Arnold Schönberg
Verklärte Nacht op. 4
Benjamin Morrison und Lucas Takeshi Stratmann, Violine
Benjamin Beck und Robert Bauerstatter, Viola
Raphael Flieder und Endre Steger, Violoncello
Arnold Schönberg Center, Wien, 19.3.2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Die von Therese Muxeneder kuratierte Ausstellung “Zu Gast bei Arnold Schönberg” gibt Einblick in die private Lebenswelt von Arnold Schönberg. 170 Exponate, darunter Musik- und Textmanuskripte, Briefe, Fotografien, Gemälde und Gebrauchsgegenstände zeigen Schönberg als Komponisten, Musiker, Maler, Schriftsteller, Bastler, Familienvater und Gastgeber.
Besucher der Ausstellung erfahren, dass Schönberg ein Notenpult für Streichquartett entworfen hat, dass er eine Notenschreibmaschine patentieren ließ, dass er ein begeisterter Tischtennisspieler war, dass er nach antisemitischen Pöbeleien sich einen Waffenpass ausstellen ließ, dass er in seinen zahlreichen Wohnstätten umgeben von seinen Bildern lebte, komponierte, konstruierte und Gäste empfing.
Er bestand immer auf modern zeitgemäßen Einrichtungen, Bugholzmöbel von Thonet wurden von Stahlrohrtischen und -stühlen im Bauhaus-Stil abgelöst. Seiner Erfindungsgabe enstammt auch das von ihm konzipierte Koalitions-Schach. Als Schachweltmeister Emanuel Lasker seinen Besuch ankündigte, verbarg Schönberg das Spiel vor ihm und meinte nachher: “Das wäre für Lasker so schlimm wie für mich eine Komposition von ihm.” In der Emigration waren unter vielen anderen Thomas Mann, Bertolt Brecht und Dave Brubeck zu Gast im Haus Schönberg. Etliche Fotografien zeigen den Meister im Kreis seiner Familie.

Im Anschluss an die Führung zeigte Eike Feß autographe Skizzen für die “Verklärte Nacht”. Ihre Datierung legt nahe, dass manche musikalische Einfälle schon zu Papier gebracht waren, bevor Schönberg Richard Dehmels Gedicht kennenlernte, das im Band “Weib und Welt” enthalten war.
Schönberg, der Dehmel sehr schätzte, hatte einige Gedichte aus diesem Band als Lieder vertont, und fand dann in der “Verklärten Nacht” den Stoff, der aus den Skizzen das Werk erwachsen ließ. Das Streichsextett wurde bereits 1924 auf Schallplatten aufgezeichnet. Die von Schönberg 1917 erstellte Orchesterfassung, die – auch aus Urheberrechtsgründen – 1943 nochmals revidiert wurde, war in den USA ein großer Erfolg. Sie wurde auch mehrmals als Ballettmusik verwendet, zum ersten Mal von Antony Tudor in New York, für das Ballet “Pillar of Fire”.
Im anschließenden Konzert gastierten sechs philharmonische Streicher im Konzertsaal des Arnold Schönberg Centers. Das Programm orientierte sich an einem Konzert, das am 21. März 1904 in Prag stattfand. Damals spielte das Rosé-Quartett die “Italienische Serenade” von Hugo Wolf, das zweite Streichsextett von Johannes Brahms und Schönbergs “Verklärte Nacht”. Eine der beiden Cellostimmen spielte, wie bei der Uraufführung in Wien zwei Jahre davor, kein geringerer als Franz Schmidt.
Der Abend began mit der “Italienischen Serenade” in G-Dur von Hugo Wolf. Das Werk aus dem Jahr 1887 ist von strahlender Heiterkeit, mitreißenden Tanzrhythmen und reizvollen harmonischen Wendungen geprägt. Die für Streichquartett gesetzte Serenade war von Wolf als Teil eines mehrsätzigen Werks gedacht, kann aber durchaus allein für sich bestehen, wie die inspirierte Wiedergabe durch Benjamin Morrison, Lucas Takeshi Startmann, Robert Bauerstatter und Raphael Flieder glänzend bewies.
Zum folgenden Streichsextett von Ernst von Dohnányi kam Verstärkung mit Benjamin Beck (Viola) und Endre Steger (Violoncello). Dohnányi komponierte das Sextett 1893 im Alter von sechzehn Jahren, revidierte es aber aber in der Folge bis zur Endversion im Jar 1898. Es ist konventionell viersätzig angelegt, wobei das virtuose Scherzo an zweiter Stelle steht. Das Sextett kann das Vorbild Brahms nicht verleugnen, bietet aber harmonisch kaum Überraschungen. Die Satztechnik ist wenig differenziert, die dynamische Bandbreite nicht sonderlich groß.
Der Hörer wird aber durch melodischen Erfindungsreichtum entschädigt, und dies ganz besonders im ersten und im Adagio quasi andante des dritten Satzes. Der lebhafte vierte Satz, der mit seinem punktierten Thema ein wenig an Schumann erinnert, bildet einen gelungenen Abschluss. Das Publikum zeigte sich begeistert.

Nach der Pause kam dann der Höhepunkt des Abends, Schönbergs “Verklärte Nacht”.
Die Interpretation durch das philharmonische Ensemble machte den Unterschied zwischen einem respektablen, aber recht konventionellen Jugendwerk und einem Geniestreich recht deutlich. Wir betreten bei Schönberg eine völlig andere Klangwelt. Diese ist gekennzeichnet von einer fragmentierten, kontrapunktisch angereicherten Stimmführung, von ruheloser motivischer Arbeit, von raffinierten Klangeffekten, von einer durch faszinierende Dissonanzen erweiterten Tonalität. Der fünfteilige Aufbau spiegelt die fünf Strophen des Dehmel’schen Gedichts wieder, die emotionale Kraft der Musik ist aber auch ohne Kenntnis des Textes überwältigend. Das stetig vorwärtsdrängende, intensive und präzise Zusammenspiel der sechs Streicher wurde vom Publikum mit stürmischer Begeisterung bedacht.
Dr. Rudi Frühwirth, 20. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die Ausstellung “Zu Gast bei Arnold Schönberg” läuft
vom 11. März 2026 – 19. Februar 2027
https://schoenberg.at/de/ausstellungen/zu-gast-bei-schoenberg
Arnold Schönberg, “Gurre-Lieder” für Soli, Chor und Orchester, Wr. Symphoniker, Petr Popelka