Krzysztof Urbańsky © Christian Kaufmann
Berner Symphonieorchester
Krzysztof Urbański / Dirigent
María Dueñas / Violine
Guillaume Connesson (*1970), Maslenitsa
Karol Szymanowski (1882-1937), Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 op. 35
Mieczysław Weinberg (1919–1996), Symphonie Nr. 3 h-Moll op. 45
Casino Bern, 20. Februar 2026
von Julian Führer
Das Berner Symphonieorchester unter seinem Chefdirigenten Krzysztof Urbański beschreitet mutige und neue Wege. Im über 1300 Zuschauer fassenden Saal des Berner Casino wurde ein Konzertprogramm präsentiert, bei dem das früheste Werk von 1916 stammte und keiner der drei Komponisten bislang der breiten Masse bekannt wäre – und doch spielte das Orchester vor einem sicher zu 90% gefüllten Saal. Das Berner Publikum weiß offensichtlich diesen Weg zu schätzen und dürfte mehr als einmal über das erreichte Niveau gestaunt haben.
Dieses ambitionierte, aber auch fordernde Programm begann mit der Komposition „Maslenitsa“ von Guillaume Connesson, die 2011 vollendet wurde. Das Internet hält eine bei der Deutschen Grammophon entstandene Einspielung abrufbar, doch entfaltete sich das Werk noch viel mehr erst in diesem Saal mit seiner plastischen Akustik. Die nicht ganz zehnminütige Komposition beginnt sehr schwungvoll und durchaus laut und beschreibt ein offenbar recht wildes Fest, das von osteuropäischen Musikeinflüssen durchsetzt ist. In den Holzbläsern hört man eine Art Hummelflug, Posaunen und Kontrabasstuba bringen einen massiven Bläsersatz, dann wird es reizvoll mit einem Dialog zwischen Glocke und Kontrabässen. Krzysztof Urbański dirigierte auswendig.

Das folgende Violinkonzert Karol Szymanowskis dauert etwa 25 Minuten und ist in einem Satz durchkomponiert. Auch hier war das Orchester mit Pianoforte, Bläsern und Schlagwerk üppig besetzt, jedoch wurde es selten laut – und nie so laut wie beim Einstieg mit Connesson. Die Violinistin María Dueñas spielte mit schlankem Ton und stieg nie in einen Überbietungswettbewerb mit dem erstaunlich luftig instrumentierten Orchester ein. Die Partitur lässt ihr mehrfach mit der Vorgabe „improvvisando“ freie Hand, die sie zart aufspielend zu nutzen wusste.
Krzysztof Urbański moderierte in feinen Abstufungen und nahm auch an Forte-Stellen die Dynamik umgehend wieder zurück. Szymanowski arbeitet mit motivischem Material, das er – darin ganz klassisch – zwischen Soloinstrument und einzelnen Orchestergruppen im Dialog entfalten und verarbeiten lässt. Seine Instrumentationskunst lässt die Violinen silbrig funkeln, Ravel und Wagners Tristan sind mehr als einmal zu ahnen.
In Bern wurde 2019 am dortigen Theater Szymanowskis Oper Król Roger gezeigt, und das Konzert vom Februar 2026 unterstrich sowohl den musikalischen Rang Szymanowskis als auch die hohe Kompetenz von Orchester und Dirigent im Umgang mit diesen Partituren. Die in gemeinsamer Arbeit erreichte Brillanz des Orchesters zeigte sich in vom Dirigenten sehr plastisch gestalteten Decrescendi, die beispielsweise in den Kontrabässen absolut homogen bei gleichzeitig größter Exaktheit waren.
Den fulminanten Eindruck, den diese Darbietung hinterließ, unterstrich María Dueñas mit einer sehr intimen Zugabe, die wie aus weiter Ferne klang und doch ganz nahe war. Mitten im Februar wagte niemand zu husten, und in der Pause waren einige Tränen zu trocknen.

Nach der Pause gab es, auch hier scheinbar ganz klassisch, eine Symphonie, und zwar die „Dritte“ von Mieczysław Weinberg, dessen Werke glücklicherweise immer häufiger auf den Konzertpodien zu erleben sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und Ende der fünfziger Jahre überarbeitet, ist das Werk erstaunlich melodisch und fast schon überklassisch in vier Sätze gegliedert. Die Besetzung war mit acht Bässen, zehn Celli, sechs Hörnern imposant, aber auch Weinberg kam es nicht darauf an, einen großen Lärm zu machen.
Der erste Satz präsentiert (klassischer geht’s kaum noch) ein erstes Thema, dem ein etwas ‘weicheres’ zweites Thema zur Seite gestellt wird, worauf dann beide Themen gemeinsam weiterentwickelt werden. Im Verlauf des Satzes macht sich in der Instrumentation der enge Kontakt der Freunde Mieczysław Weinberg und Dmitri Schostakowitsch bemerkbar.
Weinbergs zweiter Satz begann in Bern mit einem von Doris Mende in einem echten Allegro giocoso gespielten Oboensolo; die sehr muntere Phrase geht dann in Pizzicato-Streicher über (Tschaikowskys vierte Symphonie dürfte Pate gestanden haben). Ein fast derber Überschwang wie in Beethovens Pastoralsymphonie oder wie bei Gustav Mahler bildet einen scharfen Kontrast zum folgenden Adagiosatz, in dem Violinen und Celli wie in Pfitzners Vorspiel zu Palestrina wie in einen resignierenden Dialog treten. Die trauergeladene Atmosphäre kommt auch in den Bratschen zum Tragen (vielleicht hat Schostakowitsch sich für den dritten Satz der 11. Symphonie hier inspirieren lassen). Krzysztof Urbański ließ einen kurzen Ausbruch in ein endlos scheinendes Decrescendo münden, und der stark in den Bässen grundierte Schlussakkord dieses Satzes allein hätte den Weg nach Bern gerechtfertigt.
Auf dem Podium hinter dem Orchester befinden sich in Bern noch einige Sitzreihen. Eine junge Frau saß dort in der letzten Reihe und widmete sich sichtlich gelangweilt ihrem Mobiltelefon. Wenn man schon keinen Respekt vor dem Orchester hat, sollte man wenigstens welchen vor dem Komponisten Weinberg haben, der 1953 noch zu Stalins Lebzeiten verhaftet wurde, nach dem Tod des Diktators und auf mutige Intervention Schostakowitschs hin aber wieder freigelassen wurde.
Viel wichtiger als dieses Detail war die Darbietung, die im Schlusssatz genaueste (und geglückte) Abstimmung der Trompeten untereinander verlangt, sehr effektvoll endet und in starken Beifall des Publikums mündete. Das Orchester spendete seinem Dirigenten Krzysztof Urbański trampelnd Applaus. Ein ebenso bewegender wie beglückender Abend in Bern.
Julian Führer, 22. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Berner Symphonieorchester / Krzysztof Urbański / Nemanja Radulović Casino Bern, 5. Juni 2025