CD-Besprechung:
Au salon de Joséphine
Coline Dutilleul, Mezzosopran
Pernelle Marzorati, Harfe
Aline Zylberajch, Fortepiano
Ramée, RAM2410
von Dirk Schauß
Es gibt Aufnahmen, die sich nicht einfach hören lassen – sie betreten den Raum wie ein zarter Duft, wie das samtige Rascheln eines Empire-Kleides, wie das gedämpfte Licht auf poliertem Holz. Und ehe man sich versieht, sitzt man selbst in einem jener Pariser Salons, die im frühen 19. Jahrhundert weniger ein Ort als ein Zustand waren: halb gesellschaftliche Bühne, halb privates Refugium, beides durchzogen von einer Musikkultur, die zwischen höfischer Eleganz, neuer bürgerlicher Empfindsamkeit und opernhafter Geste hin- und herpendelte.
Diese CD – eine funkelnde Anthologie von Romanzen und Opernarien der Zeit des ersten und zweiten französischen Empires – nimmt uns genau dorthin mit. Drei Künstlerinnen öffnen diese Tür: Coline Dutilleul (Mezzosopran), Aline Zylberajch (Fortepiano) und Pernelle Marzorati (Harfe). Und sie tun das mit einer Nähe, die beinahe überrascht. Der Klang ist so unmittelbar, so „am Ohr“, dass sämtliche Distanz zwischen Bühne und Hörer aufgehoben scheint. Doch gerade dies macht den Reiz aus: Salonmusik, eigentlich für kleine Räume, kleine Kreise, kleine Leidenschaften, verliert nichts – sie gewinnt.
Schon das erstes Stück, Garats „Il était là !“, entfaltet diesen intimen Zauber. Die Stimme tritt in den Raum wie eine vertraute Bekannte, die Harfe umspielt sie mit feiner Grazie. Man ist sofort „dabei“, nicht draußen, nicht davor – drinnen. Die höfische Welt lebt von solchen Momenten: persönlicher Nähe ohne private Preisgabe.
Ähnlich Beauharnais’ „L’hirondelle“, ein kleines Wunder an Reinheit und Innigkeit. Marzoratis Harfe tanzt mit jener unaufdringlichen Eleganz, die Harfenistinnen des Empire auszeichnete – kein Ornament ohne Grund, keine Süße ohne Form. Dutilleuls Stimme, hell, klar, in allen Schattierungen kontrolliert, scheint diese Ästhetik intuitiv zu begreifen.
Der nächste Stimmungswechsel kommt vom Fortepiano: Steibelt, Andante aus der Sonate in C-Dur Op. 37 Nr. 1. Zylberajch zaubert mit leichter Hand eine lyrische, leicht wehmütige Atmosphäre, als wäre das Instrument selbst in Gedanken versunken – ein kurzer, aber exquisiter Atemzug zwischen den Vokalnummern.
Es folgt einer der „großen Klassiker“ des empfindsamen Repertoires: Martinis „Plaisir d’amour“. Wie oft gehört, wie oft sentimentalisiert – doch hier blüht das Stück neu auf. Die Harfe lässt die Liebe nicht glitzern, sondern glühen, und Dutilleul singt das Lied ohne Pathosdruck, vielmehr mit einer natürlichen Aufrichtigkeit, die dem Werk seine eigentliche Würde zurückgibt.
Paisiellos „Chi vuol la zingarella“ erlaubt der Sängerin erstmals, ihre erzählerische Kraft zu entfalten: eine Miniatur mit darstellerischem Feuer, charmant und leichtfüßig. Ganz ähnlich wirkt später Méhuls „J’ai de la raison, j’aime la sagesse“, das Dutilleul mit Lebensfreude, aber immer mit feiner Differenzierung formt.
Dass diese CD nicht nur Vokalperlen, sondern auch Instrumentalkleinode versammelt, zeigt sich im ersten Pleyel-Duo: Harfe und Fortepiano im Allegretto, ein musikalischer Plauderton, wie man ihn in den Salons so liebte. Hier wird nicht musiziert, hier wird konversiert. Und zwar auf Augenhöhe. Ein seltenes Vergnügen.
Plantade und die weiteren Romanzen bringen wieder jenen warmen, leicht melancholischen Zug ins Programm, der das französische Empire so unverwechselbar macht – eine Welt, die sich gern stark gibt, aber eigentlich empfindsam ist. In „Romance de Zoé“ etwa spürt man diesen empfindsamen Kern besonders stark: Dutilleul gestaltet die Szene mit erzählerischem Impuls, während das Fortepiano keck dazu kommentiert.
Die beiden Krumpholz-Sätze aus der Harfen-Sonate in B-Dur geraten zu einem Höhepunkt dieser Sammlung. Im Allegretto tanzt die Harfe wie ein silbernes Vögelchen durch den Raum. In der „Romance“ hingegen scheint das Instrument selbst zur Sängerin zu werden. Marzorati ist hier in ihrem Element – eine wahre Zauberin am Instrument.
Mit Spontinis berühmtem Lamento „O nume tutelar“ wird es plötzlich opernhaft – aber nie zu schwer. Dutilleul bleibt im intimen Duktus, ihr Pathos wirkt organisch, nicht aufgesetzt. Danach führt Beauharnais’ „Complainte d’Héloïse“ zurück in den Kreis der Romanzen: wiegend, innig, fast hypnotisch.
Zylberajch entfesselt schließlich im ersten Satz aus Méhuls Fortepiano-Sonate in c-Moll eine ganz andere Seite des Instruments: energisch, direkt, körperlich spürbar. Dass man dabei fast die Mechanik hört, wirkt nicht störend – es macht die historische Klangwelt authentisch.
Jadins „La mort de Werther“ schlägt einen dunkleren Ton an, bevor Beauharnais’ „L’orage“ dramatisch über die Szene zieht. Hier zeigt Dutilleul noch einmal ihre Stärke als musikalische Erzählerin – der nächtliche Sturm wirkt geradezu real.
Die Naderman-„Harfen-Sonatina“ ist eine reine Kostbarkeit – ein Moment des Sich-Verlierens im Klang. Und schließlich beendet Grétrys „Monologue de Mademoiselle de Saint-Yves“ dieses Programm mit einer sanften Handbewegung: Er führt aus dem Salon, aber nicht zurück in den Alltag – eher in ein Nachhallen.
Was bleibt?
Eine Aufnahme, die Mut zur Intimität hat. Eine Sängerin, deren Farbenreichtum und Textklarheit fesseln. Ein Fortepiano mit Herz und Überzeugungskraft. Eine Harfenistin, die spielt, als ob sie das Licht selbst berührt. Und ein Klang, der bewusst nah ist – aber genau diese Nähe macht sichtbar, was dieses Repertoire im Kern ist: Musik für Menschen, die einander zuhören.
Wenn Salonmusik je modern war – dann hier.
Dirk Schauß, 2. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Lantern-Light Melodies, Silke Aichhorn Harfe Bremer Konzerthaus Die Glocke, 30. März 2025
Harfenistin Silke Aichhorn Bad Breisig, Christuskirche, 28. März 2025