CD/Blu-ray Besprechung:
Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 3 d-moll
Swiss National Orchestra
Ralf Weikert, musikalische Leitung
von Dirk Schauß
In einer Zeit, in der viele Orchester um ihre Existenz ringen, wirkt die Gründung eines neuen Klangkörpers beinahe wie ein kleines Wunder. Umso mehr gilt das für das Swiss National Orchestra, das nicht aus institutioneller Notwendigkeit entstanden ist, sondern aus einem klaren künstlerischen Anspruch heraus. Über siebzig Musikerinnen und Musiker gehören dem Ensemble an, viele von ihnen Solisten oder Stimmführerinnen und Stimmführer in ihren jeweiligen Herkunftsorchestern. Sie bringen ihre Erfahrung, ihr musikalisches Wissen und ihre individuelle Klangkultur in dieses Projekt ein und legen damit das Fundament für die außergewöhnliche Qualität des Orchesters.
Engagiert werden die Musikerinnen und Musiker, ebenso wie die Dirigenten, projektweise als unabhängige Auftragsnehmer. Die Arbeit im Swiss National Orchestra findet in den freien Zeitfenstern zwischen den regulären Orchesterverpflichtungen statt. Dass es dabei zu personellen Wechseln kommt, liegt in der Natur der Sache. Bemerkenswert ist jedoch, wie konstant hoch das künstlerische Niveau bleibt. Offenbar gelingt es dem Orchester, aus der Vielfalt der beteiligten Persönlichkeiten einen gemeinsamen Klang und eine klare Haltung zu formen.
Das Swiss National Orchestra versteht sich bewusst als Ergänzung zur bestehenden Orchesterlandschaft. Es will keine Konkurrenz sein, sondern folgt dem Modell einer Nationalmannschaft, die sich aus den Besten ihres Fachs zusammensetzt. Organisatorisch ist das Orchester als gemeinnützige, steuerbefreite, nicht religiöse und nicht politische Vereinigung mit Sitz in Bern aufgestellt. Die Struktur ist schlank und effizient, die Finanzierung erfolgt überwiegend auf privater Basis. Die Anfänge reichen bis ins Jahr 2016 zurück, als sich eine Gruppe von Musikern und Organisatoren zu einem Projektteam zusammenschloss. Der erste öffentliche Auftritt in der heutigen Form fand am 1. August 2024 mit einem grossen Familienkonzert in Bern statt, ein Ereignis, das künftig jährlich wiederholt werden soll.
Mit diesem Ansatz knüpft das Swiss National Orchestra an eine lange Tradition an. Bereits 1918 hatte Ernest Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande ein Ensemble gegründet, das die Musiktraditionen der Schweiz repräsentieren sollte. Eine weitere wichtige Ausprägung erfuhr diese Idee 1938 im sogenannten „Eliteorchester“ unter Arturo Toscanini, das später als Schweizerisches Festspielorchester über Jahrzehnte hinweg fester Bestandteil der Internationalen Musikfestwochen Luzern war. Das Swiss National Orchestra greift diese Tradition auf und führt sie unter den heutigen kulturellen und medialen Bedingungen weiter.
Anton Bruckners dritte Sinfonie nimmt im sinfonischen Schaffen des Komponisten eine besondere Stellung ein. Sie ist ein Werk des Aufbruchs, der Selbstbehauptung und zugleich der Unsicherheit. Entstanden in den 1870er Jahren, markiert sie Bruckners bewussten Schritt in die Wiener Öffentlichkeit, verbunden mit dem Wunsch nach Anerkennung und dem Risiko des Scheiterns. Berühmt ist die Sinfonie nicht zuletzt durch ihre Widmung an Richard Wagner, den Bruckner zutiefst verehrte. Diese Nähe brachte dem Werk Bewunderung ein, zugleich aber auch heftige Ablehnung, insbesondere im von ästhetischen Grabenkämpfen geprägten Wien jener Zeit.
Kaum eine andere Sinfonie Bruckners liegt in so vielen Fassungen vor wie die Dritte. Nach der ersten, sehr ausladenden Version von 1873 überarbeitete Bruckner das Werk mehrfach, strich Passagen, glättete Übergänge und reagierte dabei nicht zuletzt auf Kritik und Misserfolge. Die lange Zeit wenig erfolgreiche Uraufführung hinterliess Spuren, die sich in späteren Revisionen deutlich niederschlagen. Die heute meist gespielte letzte Fassung wirkt konzentrierter, stringenter und formell geschlossener, ohne den grundsätzlichen monumentalen Anspruch des Werks aufzugeben. Sie verlangt vom Dirigenten ein feines Gespür für Balance, Proportionen und innere Spannung, da die Musik weniger durch äußere Effekte als durch lange Spannungsbögen wirkt.
Für die erste Studioaufnahme des Swiss National Orchestra ist die Wahl dieser letzten Fassung folgerichtig. Sie erlaubt Klarheit, Durchhörbarkeit und eine strukturelle Stringenz, die dem jungen Ensemble entgegenkommt und zugleich seine Qualitäten offenlegt. Am Pult steht mit Ralf Weikert ein Dirigent, der wie kaum ein anderer mit dieser Musik vertraut ist. Geboren in St.Florian, also an jenem Ort, der untrennbar mit Anton Bruckner verbunden ist, bringt er nicht nur umfassende internationale Erfahrung mit, sondern auch eine biografisch geprägte Nähe zu diesem Komponisten.
Diese Nähe ist in der Interpretation deutlich zu spüren. Schon der erste Satz entfaltet sich ruhig, konzentriert und zugleich erstaunlich frisch. Weikert nimmt sich Zeit für den geheimnisvollen Beginn, ohne die Musik zu beschweren. Die großen Spannungsbögen werden klar aufgebaut, die Übergänge sorgfältig gestaltet. Besonders auffällig ist die Transparenz des Klangbildes. Selbst in dichten Steigerungen bleiben die einzelnen Stimmen gut hörbar. Die Tempi wirken natürlich und zielgerichtet, nichts wird verschleppt, alles entwickelt sich organisch.
Im zweiten Satz, dem Adagio, zeigt sich die lyrische Seite dieser Sinfonie. Die Streicher klingen warm und fein differenziert, die Holzbläser setzen farbige Akzente und sorgen für eine ruhige, beinahe intime Atmosphäre. Weikert lässt die Musik fließen und vermeidet jede Sentimentalität. Die dynamischen Abstufungen sind sorgfältig gearbeitet, leise Passagen besitzen innere Spannung und Tiefe. Der Satz wirkt getragen, aber nie schwer.
Das Scherzo bringt eine deutliche rhythmische Zuspitzung. Es ist kraftvoll, prägnant und klar strukturiert. Die Blechbläser musizieren mit Noblesse und klanglicher Geschlossenheit, ohne zu dominieren. Die Pauke setzt wache Impulse und verleiht dem Satz zusätzliche Energie. Im Trio wird der Ton leichter, etwas tänzerisch, was den Kontrast umso wirkungsvoller macht. Das Orchester agiert hier geschlossen und aufmerksam, man spürt die gemeinsame musikalische Idee.
Im Finale führt Weikert die zuvor entwickelten Linien konsequent zusammen. Die großen Proportionen sind stimmig, Steigerungen werden sorgfältig vorbereitet und logisch zu Ende geführt. Das Orchester überzeugt sowohl in den solistischen Passagen als auch im Tutti. Die Balance zwischen den Gruppen ist ausgewogen, der Gesamtklang bleibt jederzeit kontrolliert und durchhörbar. Der Schluss besitzt Kraft und Klarheit, ohne übertriebenen Pathos.
Ein besonderer Beitrag zum Gelingen dieser Aufnahme kommt der Aufnahmetechnik zu. Tonmeister Stefan Hächler fängt den Orchesterklang natürlich, warm und ausgewogen ein. Die Räumlichkeit wirkt glaubwürdig, Details sind gut hörbar, ohne dass der Eindruck eines künstlich ausgeleuchteten Klangbildes entsteht.
Insgesamt ist diese Einspielung ein überzeugendes Debüt für das Swiss National Orchestra. Sie dokumentiert nicht nur das hohe Niveau des jungen Ensembles, sondern auch die beeindruckende Kompetenz eines Dirigenten, der mit 85 Jahren nichts von seiner Frische, Klarheit und musikalischen Autorität verloren hat. Für Orchester und Dirigent ist diese Aufnahme gleichermaßen ein starkes und nachhaltiges Zeugnis.
Dirk Schauß, 25. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die CD kann auf der Seite des SNO bestellt werden: https://www.sno.ch/recordings
Zudem ist die Aufnahme auf der Plattform SNO Circle in WAV-Qualität im Streaming verfügbar.
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