Eine Oper kehrt zurück: Und mit ihr eine ganze Biografie

CD/Blu-ray Besprechung: Edmond Dédé  Morgiane, ou Le sultan d’Ispahan  klassik-begeistert.de, 30. Januar 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

„Morgiane“ steht stilistisch zwischen den Welten. Zeitlich angesiedelt irgendwo zwischen Verdi und Puccini, klanglich tief in der französischen Tradition verwurzelt. Man hört Offenbach, man hört Massenet, man hört die große Opernmaschine mit Chor, Ensembles und orchestraler Farbenlust. Gleichzeitig gibt es etwas Eigenwilliges, ja Stures an dieser Musik. Sie will nicht gefallen um jeden Preis.

Edmond Dédé
Morgiane, ou Le sultan d’Ispahan

Delos, DE3628

von Dirk Schauß

Was wäre gewesen, wenn man Edmond Dédé gehört hätte, als er noch lebte?

Delos veröffentlicht gemeinsam mit Opera Lafayette und OperaCréole die erste vollständige Einspielung von „Morgiane“, der frühesten erhaltenen Oper eines schwarzen amerikanischen Komponisten. Keine Wiederentdeckung im musealen Sinn, sondern eine echte Offenbarung. Denn dieses Werk war nicht verschollen, weil es schwach war. Es war unsichtbar, weil sein Schöpfer es war.

Edmond Dédé wird 1827 in New Orleans geboren, als freier Mann of Color. Frei auf dem Papier, eingeschränkt im Leben. Die Gesetze des amerikanischen Südens lassen wenig Raum für Ambitionen, schon gar nicht für musikalische. Dédé geht nach Frankreich, nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Notwendigkeit. In Paris studiert er, hört zu, lernt privat, arbeitet in Musiktheatern und Orchestern. Zu alt für das Conservatoire, aber nicht zu alt für Ideen.

1887 komponiert er „Morgiane“. Eine grand Opéra, zu einem Zeitpunkt, als das Genre eigentlich schon aus der Mode gekommen ist. Das Werk wird nie aufgeführt. Dédé stirbt, ohne zu wissen, ob seine Oper je erklingen wird.

Dass sie es heute tut, ist der Hartnäckigkeit vieler zu verdanken, allen voran Givonna Joseph und Patrick Dupre Quigley, die gemeinsam mit über hundert Beteiligten ein 550 Seiten starkes handschriftliches Manuskript rekonstruieren. Eine Rettungstat, die man dieser Aufnahme anhört.

„Morgiane“ steht stilistisch zwischen den Welten. Zeitlich angesiedelt irgendwo zwischen Verdi und Puccini, klanglich tief in der französischen Tradition verwurzelt. Man hört Offenbach, man hört Massenet, man hört die große Opernmaschine mit Chor, Ensembles und orchestraler Farbenlust. Gleichzeitig gibt es etwas Eigenwilliges, ja Stures an dieser Musik. Sie will nicht gefallen um jeden Preis.

Dédé liebt Ensembles. Chöre sind bei ihm keine Kulisse, sondern handelnde Figuren. Solistische Glanznummern gibt es, aber sie sind eingebettet. Selbst die Arien erzählen weiter, statt innezuhalten. Das Orchester kommentiert, widerspricht, färbt. Besonders auffällig ist die dichte Verzahnung von Chor und Orchester, ein Markenzeichen der Partitur.

Die Ouvertüre ist ein kleines Versprechen. Sie fasst die emotionale Spannweite der Oper zusammen, von martialischem Pomp bis zu lyrischer Wärme, mit einem unüberhörbaren Augenzwinkern Richtung französischer Operntradition. Man ahnt sofort, dass hier jemand mit Übersicht komponiert hat.

Die Geschichte ist klassisch, vielleicht sogar bewusst überklassisch. Amine wird an ihrem Hochzeitstag mit Ali vom Sultan Kourouschah entführt. Eltern und Bräutigam schwören Rache. Wörter wie Vergeltung und Rache durchziehen vor allem den letzten Akt fast manisch. Diese Oper wird von Rache angetrieben, emotional und musikalisch.

Doch Dédé und sein Librettist Louis Brunet belassen es nicht beim einfachen Gut gegen Böse. Morgiane, Amines Mutter, trägt ein Geheimnis mit sich, das erst im vierten Akt ans Licht kommt. Amine ist in Wahrheit die Tochter des Sultans. Der grausame Entführer wird plötzlich zum Vater, die Opferrolle kippt, die Machtverhältnisse verschieben sich.

Das klingt auf dem Papier nach einem typischen Opernkniff. In der Musik aber bekommt diese Wendung Gewicht. Die Enthüllung ist kein schneller Effekt, sondern eine ausgedehnte Szene mit Raum für Zweifel, Schuld und überraschende Zärtlichkeit. Der Sultan wird nicht entschuldigt, aber er wird menschlich. Und das ist vielleicht der kühnste Zug dieser Oper.

Diese Aufnahme stammt aus Konzertaufführungen und man hört, dass hier Neuland betreten wird. Nicht alles ist perfekt ausbalanciert, nicht jede Ensemblepassage sitzt mit letzter Sicherheit. Aber das ist nebensächlich. Entscheidender ist der Wille, diese Musik sprechen zu lassen.

Patrick Dupre Quigley hält das große Ganze zusammen, mit sicherem Gespür für Tempo und Dramaturgie. Er weiß, wann er antreiben muss und wann Zurückhaltung klüger ist. Das Orchester von Opera Lafayette findet vor allem in den choral geprägten Passagen zu großer Geschlossenheit. Besonders schön gelingen die farbigen Zwischenspiele, etwa das Oboensolo im dritten Akt.

Mary Elizabeth Williams prägt den Abend als Morgiane. Sie singt die Partie mit Autorität und Wärme, ohne Pathos. Ihre große Szene im vierten Akt, in der sie das Geheimnis offenbart, ist das emotionale Zentrum der Oper. Hier wird deutlich, was für eine Sängerin Dédé im Ohr gehabt haben muss.

Nicole Cabell gibt Amine mit leuchtender Tiefe und beweglicher Höhe eine verletzliche Präsenz. Chauncey Packer als Ali überzeugt mit ehrlichem, direktem Tenor und glaubhafter Verzweiflung. Kenneth Kellogg gestaltet den Sultan nicht als eindimensionale Schreckfigur, sondern als innerlich zerrissenen Herrscher, stimmlich kraftvoll, stellenweise rau, aber immer charaktervoll.

Der Chor von OperaCréole ist ein tragendes Element. Besonders die großen Ensembleszenen und das a cappella Quartett im vierten Akt zeigen, wie sehr Dédé auf kollektische Klangwirkung setzte.

Natürlich hört man „Morgiane“ heute auch mit einem historischen Bewusstsein. Man denkt an all das, was nie passieren durfte. An Karrieren, die verhindert wurden. An Musik, die nicht gehört wurde. Dieser Gedanke schwingt mit, manchmal schmerzlich.

Aber diese CD funktioniert auch ohne Fußnoten. Sie erzählt eine packende Geschichte, bietet eingängige, oft überraschend langlebige Melodien und eine Partitur, die mehr kann, als man ihr auf den ersten Blick zutraut.

Am Ende bleibt ein Gefühl von Dankbarkeit. Dass wir diese Musik hören dürfen. Dass sie nicht länger schweigt. Und dass Edmond Dédé, spät, aber nicht zu spät, doch noch sein Publikum findet.

Diese Aufnahme ist nicht nur eine Weltpremiere. Sie ist eine späte, notwendige Gerechtigkeit.

Dirk Schauß, 30. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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