CD/Blu-ray Besprechung:
In der Welt der Violoncello-Literatur gibt es Werke, die wie Monolithen über allem thronen. Doch abseits der vielbefahrenen Repertoire-Straßen existieren Schätze, die erst jetzt, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, ihre volle Leuchtkraft entfalten. Die amerikanische Cellistin Kristina Reiko Cooper widmet sich auf ihrem neuesten Album beim Label Delos zwei solchen Schicksalskomponisten: Mieczysław Weinberg und Erich Wolfgang Korngold.
Hidden Legacies
Weinberg und Korngold
Kristina Reiko Cooper, Cello
Kaunas City Symphony Orchestra
Constantine Orbelian, musikalische Leitung
Delos, DE3616
von Dirk Schauß
Zwischen Melancholie und Widerstand
Was diese Aufnahme so dringlich macht, ist die biografische Schwere, die über den Noten schwebt. Cooper nähert sich Weinbergs Cellokonzert op. 43 nicht als bloßem Exponat der Musikgeschichte, sondern als lebendigem Zeugnis menschlicher Widerstandskraft.
Wo andere Solisten vielleicht in Pathos verfallen würden, setzt Cooper auf eine noble Zurückhaltung. Besonders im einleitenden Adagio beweist sie ein feines Gespür für jene jüdischen Idiome, die Weinbergs Tonsprache so unverwechselbar machen. Es ist ein suchendes, klagendes Spiel, das im Dialog mit dem Kaunas City Symphony Orchestra unter Constantine Orbelian einen bemerkenswerten Ausdruck gewinnt. Die Musiker aus Litauen agieren hier nicht als bloße Begleiter, sondern als Partner in einem kammermusikalischen Diskurs, der im finalen Satz in eine eher trotzige Vitalität umschlägt.
Ein Juwel der sowjetischen Ära
Ein besonderer Glücksgriff der Einspielung ist die Fantasie für Violoncello und Orchester op. 52. Entstanden unter dem Druck der stalinistischen Kulturdoktrin, die „Volksnähe“ einforderte, schuf Weinberg ein Werk von trügerischer Leichtigkeit. Cooper lässt ihr Cello hier förmlich leuchten; die fließenden Kantilenen besitzen eine Eleganz, die den Hörer die düsteren Entstehungsumstände fast vergessen lässt. Wenn sich das Werk in walzerartige Passagen verliert, zeigt Cooper ihre ganze Wandlungsfähigkeit – von der elegischen Melancholikerin zur tänzerischen Virtuosin.
Korngolds Hollywood-Glanz und europäische Tiefe
Den energetischen Gegenpol bildet Erich Wolfgang Korngolds Cellokonzert C-Dur. Während Weinberg die Innenschau sucht, wählt Korngold die große Geste. Cooper fängt diesen „Cinemascope-Sound“, der Korngolds Exil in Amerika prägte, trefflich ein, ohne dabei die europäische Wurzel des Werks zu verleugnen. Ihr Ton ist hier kerniger, entschlossener und harmoniert prächtig mit der opulenten Aura, die Orbelian mit seinem Orchester ausbreitet.
Plädoyer für die Moderne
Klanglich ist die Aufnahme ein Genuss: Das Cello steht plastisch im Raum, ohne die feingliedrigen Details der Holzbläser zu verdecken. Kristina Reiko Cooper ist mit dieser Veröffentlichung mehr gelungen als nur eine hervorragende Interpretation. Sie hat ein leidenschaftliches Plädoyer für zwei Komponisten gehalten, die viel zu lange im Schatten ihrer Zeitgenossen standen. Wer nach Musik sucht, die Herz und Verstand gleichermaßen fordert und dabei fernab der ausgetretenen Pfade wandelt, wird an dieser Entdeckungsreise nicht vorbeikommen.
Dirk Schauß, 15. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
6. Symphoniekonzert, Weinberg und Dvořák MUK Lübeck, 24. März 2025