Italienische Sinfonik neu entdecken

CD/Blu-ray Besprechung: Italian Perspectives, Bamberger Symphoniker  klassik-begeistert.de, 9. Februar 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Was für eine schöne CD! Riccardo Frizza und die Bamberger Symphoniker legen mit ihrer neuen Pentatone-Einspielung „Italian Perspectives“ eine über 80 Minuten vollgepackte, klanglich exquisite Reise durch weitgehend vergessene Gefilde der italienischen Spätromantik vor.

Italian Perspectives

Bamberger Symphoniker
Riccardo Frizza, musikalische Leitung

Pentatone, PTC 5187419

von Dirk Schauß

Im Zentrum stehen drei Werke, von denen zwei – trotz ihrer Qualität – bis heute ein Schattendasein fristen. Den Anfang machen fünf Études-tableaux von Sergei Rachmaninoff, die Ottorino Respighi 1930/31 im Auftrag von Serge Koussevitzky für Orchester bearbeitet hat. Diese Bearbeitungen gehören zu den glücklichsten Fällen einer Fremd-Orchestrierung: Respighi bewahrt jede Nuance, jeden harmonischen Schatten und jede rhythmische Eigenart der Originale – und hüllt sie gleichzeitig in eine unverkennbar italienische Farbigkeit.

Das Ergebnis sind fünf sehr unterschiedliche Stimmungsbilder, deren programmatische Titel Rachmaninoff dem Orchestrator persönlich mitgeteilt hat:

„La Mer et les Mouettes“ (Nr. 1) zeichnet eine öde, windgepeitschte Meereslandschaft mit schrillen Möwenschreien – eine der trostlosesten und gleichzeitig poetischsten Meeresmusiken der gesamten Literatur.

„La Foire“ (Nr. 2) ist ein kurzer, rauer Jahrmarktsrummel, grobschlächtig und vital.

Der „Marche funèbre“ (Nr. 3) entfaltet einen schweren, unaufhaltsam schreitenden Trauermarsch, der unter die Haut geht, während „Le chaperon rouge et le loup“ (Nr. 4) in nur drei Minuten die Geschichte von Rotkäppchen und dem Wolf erzählt – mit leisem, lauerndem Beginn, zunehmender Spannung und einem schlagartig dramatischen Höhepunkt; ein kleines orchestrales Meisterstück der Andeutung und des Erzählens.

Der „Marche“ (Nr. 5) rundet die Gruppe schließlich mit energischem, trotzigen Schwung ab. Frizza und die Bamberger Symphoniker lassen diese Stücke farbig, durchsichtig und intensiv klingen – ohne je ins Pathetische oder Überladene zu geraten. Der russische Weltschmerz bleibt spürbar, ist aber durch Respighis mediterrane Palette merklich aufgehellt.

Es folgt Respighis eigenes „Trittico Botticelliano“ (1927), ein Werk, das in seiner Zartheit und Klangfantasie bis heute unterschätzt wird. In kammermusikalischer Besetzung setzt Respighi drei berühmte Botticelli-Gemälde der Uffizien in Töne um – nicht illustrativ-plakativ, sondern mit subtilster poetischer Verdichtung.

„La Primavera“ webt ein leichtes, von Vogellauten und Dreiergruppen durchzogenes Frühlingsbild, grazil und voller Lebensfreude.

„L’adorazione dei Magi“ ist das emotionale Herzstück: ein stilles, mystisches Stück, das das alte „Veni, veni Emmanuel“ zitiert und eine Atmosphäre von Krippe, Weihrauch und tiefer Andacht erzeugt.

„La nascita di Venere“ schließlich schwebt in sinnlicher Langsamkeit daher – Wellenrauschen, zarte Farbverläufe und ein langsames Erwachen der Göttin, das man fast körperlich spürt. Die Bamberger Symphoniker musizieren hier mit bemerkenswerter Feinzeichnung und Wärme; Frizza vermeidet jede Effekthascherei und lässt die Musik einfach atmen.

Den Abschluss bildet die Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 75 (1895) von Giuseppe Martucci – ein Werk, das in der Musikgeschichte Italiens bis heute ein Außenseiter geblieben ist. Martucci war einer der wenigen, die sich ernsthaft mit der sinfonischen Tradition auseinandersetzten, statt ausschließlich für die Bühne zu schreiben. Seine erste Sinfonie verbindet Brahms’sche motivische Arbeit und formale Disziplin mit südlicher Kantabilität und leidenschaftlichem Gestus. Dirigenten wie Riccardo Muti und vor allem Francesco d’Avalos haben sich für den Sinfoniker intensiv eingesetzt und viele seiner Werke eingespielt.

Der erste Satz der Sinfonie ist kraftvoll und klar strukturiert, das Andante von einer edlen, ja elegischen Melancholie geprägt, das Allegretto tänzerisch und wendig, das Finale schließlich ein großer, mitreißender Aufschwung, der in triumphierender Energie endet.

Riccardo Frizza dirigiert mit spürbarer Überzeugung, ohne je sentimental zu werden. Er lotet die Strukturen genauso sorgfältig aus wie die lyrischen Bögen und die dramatischen Ausbrüche. Die Bamberger Symphoniker antworten mit technischer Souveränität, farbiger Klangkultur und genau dem richtigen Maß an Temperament.

Eine mustergültige, klug zusammengestellte und vorzüglich aufgenommene Produktion. Sie rückt zwei fast vergessene Meisterwerke und ein zu selten gespieltes Respighi-Kleinod ins rechte Licht. Wer die italienische Instrumentalmusik jenseits von Opern-Ouvertüren kennenlernen möchte, findet hier einen der schönsten und überzeugendsten Beiträge der letzten Jahre.

Dirk Schauß, 9. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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