Véronique Gens krönt die Leidenschaft

CD/Blu-ray Besprechung: REINES  Véronique Gens, Soprano  klassik-begeistert.de, 16. März 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

REINES

Véronique Gens, Soprano

Ensemble Les Surprises
Louis-Noël Bestion de Camboulas, musikalische Leitung

Alpha Classics, ALPHA 1205

von Dirk Schauß

Mit ihrem neuen Album „Reines“ setzt Véronique Gens ihre Erkundung der französischen Barockmusik fort, nach dem erfolgreichen Vorgänger „Passion“.

Wieder arbeitet sie mit dem Ensemble Les Surprises unter der Leitung von Louis-Noël Bestion de Camboulas zusammen; als beratender Partner fungierte das Centre de musique baroque de Versailles. Das Programm widmet sich den Königinnenfiguren der Tragédie lyrique – komplexen Frauenrollen, die zwischen Staatsräson, Pflicht und leidenschaftlichen inneren Konflikten stehen. Komponisten wie Rameau, Dauvergne, Francœur, Salomon, Destouches, Royer, Rebel, Desmarest und Stuck sind vertreten; neben bekannten Namen finden sich auch selten aufgeführte Werke.

Der Einstieg gelingt mit Antoine Dauvergnes „Tremblement de Terre“ aus „Polyxène“ – ein dramatischer Satz mit intensiven Streichertremoli und ostinaten Figuren, der die innere Zerrissenheit der Figuren spiegelt. Es folgen Kontraste: ein getragener Trauermarsch aus „Hercule Mourant“, Klagearien und chorische Passagen, die Trauer und Verzweiflung eindringlich vermitteln.

Véronique Gens interpretiert diese Rollen mit großer stilistischer Sicherheit und dramatischer Intensität. Mit 59 Jahren bringt sie eine reife, erfahrene Stimme mit, die den Figuren Tiefe und Authentizität verleiht. In den dramatischen Höhepunkten – etwa in Arien aus Rameaus „Hippolyte et Aricie“ – wird die Verzweiflung spürbar greifbar. Natürlich zeigt die Stimme an manchen Stellen ein etwas breiteres Vibrato oder leichte Anstrengung in den extremen Lagen, doch diese natürlichen Merkmale tragen zur Glaubwürdigkeit der Darstellung bei und wirken keineswegs störend.

Das Ensemble Les Surprises spielt präzise und lebendig. Besonders gelungen sind die dynamischen Kontraste und die rhythmische Energie – etwa in der Ouvertüre zu Francœurs „Scanderberg“, die mit Feuer und Schwung daherkommt. Auch instrumentale Zwischenspiele überzeugen: die Prozessionsklänge von Destouches mit archaischen Trommelrhythmen oder das feine Wechselspiel der Holzbläser und Streicher. Weniger bekannte Komponisten wie Joseph-François Salomon erhalten hier eine überzeugende Plattform; seine Musik steht den großen Meistern in Ausdruckskraft nicht nach.

Gegen Ende der CD lockert sich die Stimmung etwas auf. Ein zartes Menuett aus Rameaus „Acanthe et Céphise“ mit schimmernden Flöten sorgt für einen Moment der Ruhe, bevor schwungvolle Tänze aus Montéclairs oder Montéclairs „Jephté“ (mit originellen Effekten wie Kastagnetten) den Abschluss bilden und heiter ausklingen.

Der Klang der Aufnahme bei Alpha Classics ist warm, räumlich und ausgewogen – Orchester, Chor und Solistin sind gut abgestimmt, Details kommen klar zur Geltung.

„Reines“ ist eine sorgfältig ausgewählte und musikalisch überzeugende Hommage an die weiblichen Protagonistinnen der französischen Barockoper. Véronique Gens beweist erneut, warum sie zu den führenden Interpretinnen dieses Repertoires zählt: durch ihre stilistische Souveränität, emotionale Durchdringung und die Fähigkeit, die innere Dramatik dieser Figuren authentisch zu vermitteln. Eine lohnende Ergänzung jeder Sammlung mit französischer Barockmusik.

Dirk Schauß, 16. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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