CD/Blu-ray Besprechung
Tristan und Isolde in Dresden
Die neue Blu-ray der Semperoper Dresden mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“ dokumentiert eine Aufführung von besonderer Tragweite: Klaus Florian Vogt gibt hier sein Rollendebüt als Tristan, und Christian Thielemann verabschiedet sich als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle mit diesem Werk, das wie kaum ein anderes die Grenzen des Orchesters und der menschlichen Stimme auslotet.
Richard Wagner, Tristan und Isolde
Semperoper Dresden 2022
C Major Blu-ray 770804
von Dirk Schauß
Marco Arturo Marellis Inszenierung aus dem Jahr 1995, die nun schon drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, rahmt das Geschehen in einer ästhetisch sehr ansprechenden, zeitlos-abstrakten Bildsprache. Das Bühnenbild mit seinem großen Würfelraum, den durchscheinenden Vorhängen und vor allem der dominierenden, kühlen maritimen Blautönung schafft eine atmosphärische Dichte, die das Werk in seiner Entrücktheit und inneren Unendlichkeit unterstreicht, ohne ihm Gewalt anzutun oder es krampfhaft neu zu erfinden. Die Kostüme fügen sich harmonisch ein. Dennoch zeigt sich nach so langer Zeit eine spürbare Schwäche in der Personenführung: Die Sänger sind oft zu sehr auf sich gestellt, was zu wiederkehrenden Leerläufen führt, in denen die dramatische Spannung allein von der Musik getragen werden muss.
Musikalisch steht die Aufführung auf einem hohen Niveau, das jedoch von einer merkwürdigen Zurückhaltung geprägt ist. Christian Thielemann wählt eine bewusst reduzierte, extrem lyrische Lesart. Die Tempi sind breit, die Dynamik insgesamt gedämpft, alles wirkt überkontrolliert und sorgsam austariert – offenbar, um die stimmlichen Grenzen der Hauptpartien nicht zu überschreiten. Diese Rücksichtnahme ist ehrenwert, nimmt dem orchestralen Part aber viel von seiner eigentlichen Wirkung.
Die Sächsische Staatskapelle spielt dennoch wunderbar: klangschön, von einer kultivierten, edlen Tongebung, die in ihrer Ausgewogenheit und Transparenz beeindruckt. Das Zusammenspiel ist mustergültig, die Soli treten mit großer Intensität und gleichzeitig feinem Kontakt zu den Sängern hervor, ohne je aufdringlich zu werden. Man hört eine Kapelle, die mit Thielemann über Jahre zu einem einzigartigen Klangkörper herangewachsen ist – warm, homogen, mit einer natürlichen Atemfähigkeit, die besonders in den leisen, schwebenden Passagen des Vorspiels und des Liebestods zur Geltung kommt. Dennoch vermisst man an entscheidenden Stellen die volle orchestrale Glut, jene harmonischen Verdichtungen und eruptiven Steigerungswellen, die Tristan zu einem existenziellen Rausch machen. Die Staatskapelle bleibt stets schön, aber sie entfesselt selten jene elementare Kraft, die das Werk in seinen dramatischen Kern vordringen lässt.
Der Staatsopernchor Dresden ergänzt dieses Klangbild kraftvoll und mit großer Präsenz. Besonders in den Seemanns-Chören des ersten Aufzugs entfaltet sich eine robuste, homogene Klangmasse, die den dramatischen Kontext wirkungsvoll unterstreicht, ohne je roh oder überladen zu wirken. Auch hier spürt man die lange Prägung durch das Haus und den Dirigenten: eine Chorarbeit von hoher Disziplin und musikalischer Intelligenz.
Im Zentrum der vokalen Besetzung steht Klaus Florian Vogt als Tristan. Vogt ist seit jeher ein polarisierender Sänger, und gerade in dieser anspruchsvollsten aller Tenorpartien wird das besonders deutlich. Von der stimmlichen Veranlagung her wirkt er wie ein Tamino-Verschnitt, der sich versehentlich in die falsche Oper verirrt hat – ein helles, silbriges Timbre, das sich wie eine Triangel klar und durchdringend aus dem Orchester heraushebt. Dieses Timbre ist immer präsent, doch die Stimme bleibt oft bleich und nicht im Körper verankert. Kurzatmigkeit verhindert längere Legatobögen, und der Gesang wirkt weithin monochrom und ausdruckslos.
Textverständlichkeit ist zwar gegeben, doch fehlt es an dynamischer und farblicher Differenzierung. Besonders der dritte Aufzug leidet empfindlich darunter: Er erreicht zu keinem Moment jene erschütternde, aufrüttelnde Wirkung, die diese Fieberphantasien verlangen. Der große Ausbruch „Verflucht sei, furchtbarer Trank!“ klingt bei Vogt so harmlos, als bäte er das Orchester lediglich, etwas leiser zu spielen. Auch darstellerisch bleiben Impulse weitgehend aus; das Mienenspiel wirkt allzu unbeweglich. So bleibt der Tristan letztlich viel zu blass – ein sensibler Recke, aber kein Kämpfer, dem somit das virile, leidenschaftliche Element völlig fehlt.
An seiner Seite gestaltet Camilla Nylund eine durchdachte, farbenreiche Isolde mit echter emotionaler Beteiligung. Stimmlich muss sie zwar bis an ihre Grenzen gehen, doch sie tut dies ohne Forcieren und bewahrt dabei den Wohlklang ihres schönen Soprans. Ihre jugendliche, nicht hochdramatische Stimme kommt in den Soloszenen besonders gut zur Geltung, nicht zuletzt dank Thielemanns rücksichtsvoller Begleitung. Sie schafft ein überzeugendes Rollenportrait, das von nervöser Intensität im ersten Aufzug bis zur erhabenen Verklärung im Liebestod reicht.
Georg Zeppenfeld ist ohne Frage mit Abstand der beste Protagonist dieser Aufführung. Als König Marke stimmt bei ihm einfach alles: Haltung, Ausdruck, Gesang und eine exemplarische Textverständlichkeit. Sein großer Monolog wird zu einem Musterbeispiel dramatischen Singens – autoritär und zugleich zutiefst menschlich, emotional berührend und von vollkommener vokaler Kontrolle getragen. Hier erlebt man Wagner-Gesang auf höchstem Niveau.
Martin Gantner liefert als Kurwenal eine solide Leistung mit guter stimmlicher Bewältigung. Sein tenoral gefärbter Bariton bewältigt die Partie zuverlässig, doch es fehlt ihm an den notwendigen Farben und Kontrasten, gerade im Zusammenspiel mit einem so phlegmatisch wirkenden Tristan.
Besonders hervorzuheben ist Tanja Ariane Baumgartner als Brangäne. Mit ihrer üppigen, warm timbrierten Mezzostimme schafft sie ein anrührendes, nuanciertes Rollenportrait, das weit über bloße Zuverlässigkeit hinausgeht. Ihre große Bühnenpräsenz und die samten-weiche Stimmgebung machen die Wachtgesänge zu einem der emotionalsten Momente der Aufführung. Hier verbinden sich vokale Schönheit, dramatische Intensität und eine natürliche Wärme zu einer wirklich feinen Besetzung, die dem Werk zusätzliche Wirkung verleiht.
Attilio Glaser schließlich zeigt als Junger Seemann (und später als Hirt) eine herausragende Leistung. Sein markanter, frischer Tenor bringt eine tenorale Leuchtkraft und Präsenz in die kleineren Partien, die weit über das Übliche hinausgeht und dem Gesamtbild eine willkommene Frische verleiht.
Insgesamt hinterlässt diese Blu-ray ein uneinheitliches, aber in vielen Details beeindruckendes Bild. Die ästhetische Schönheit der Inszenierung, die hohe Qualität von Orchester und Chor, die starken Leistungen von Nylund, Zeppenfeld, Baumgartner und Glaser stehen einer Tristan-Interpretation gegenüber, die in ihrer lyrischen Zurückhaltung viel von der existenziellen Wucht des Werkes vermissen lässt.
Wer einen Tristan sucht, der vor allem durch kultivierte Schönheit und sängerische Disziplin besticht, wird hier viele lohnende Momente finden. Wer hingegen die volle dramatische und orchestrale Katastrophe erwartet, wird diese Aufnahme eher als interessante, aber letztlich viel zu gezähmte Variante empfinden.
Wagner lebt bekanntlich von der Spannung der Deutungen – und diese Dresdner Dokumentation bietet reichlich Stoff für eigene Urteile.
Dirk Schauß, 7. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Blu-ray: Richard Wagner, Lohengrin klassik-begeistert.de, 24. September 2025
CD/Blu-ray Besprechung: Richard Wagner Der Ring des Nibelungen klassik-begeistert.de, 21. Juli 2025
Blu-ray/CD-Besprechung: Wagner, Tristan & Isolde klassik-begeistert.de, 12. Juli 2025