Ritual zeigt das Leben als Kreis aus Anfang, Ekstase und  Abschied

CD/Blu-ray Besprechung: Ritual (El Ciclo de la Vida)  klassik-begeistert.de, 6. Februar 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Ritual (El Ciclo de la Vida)
Capella de Ministrers, V-3995-2025

von Dirk Schauß

Diese CD will nicht gefallen, sie will erzählen. Sie nimmt sich Zeit, sie verlangt Aufmerksamkeit, und sie belohnt beides reichlich. „El Ciclo de la vida“ der Capella de Ministrers unter der Leitung von Carles Magraner ist keine lose Sammlung sephardischer und andalusischer Gesänge, sondern ein bewusst gestaltetes Ritual. Ein musikalischer Lebensbogen, der von der Schöpfung bis zum Abschied führt. Geburt, Initiation, Reife, Unabhängigkeit, Tod. Alles ist miteinander verbunden, nichts steht für sich allein.

Schon der Beginn macht klar, wohin die Reise geht. „Génesis. La Nada“ öffnet einen Raum, der archaisch wirkt, geradezu vorsprachlich. Trommeln schlagen langsam, eine Frauenstimme erhebt sich, Blasinstrumente klingen fremd und roh. Das ist Musik, die nicht nach Bühne riecht, sondern nach Erde, Feuer und Atem. „Adonay Bekol Shofar“ scheint eher beschworen als gesungen. Hier geht es nicht um Melodie im westlichen Sinn, sondern um Ursprung. Um den Moment, bevor Formen entstehen.

Diese Grundhaltung zieht sich durch die ganze CD. Die Capella de Ministrers arbeitet nicht historisierend im musealen Sinn. Sie rekonstruiert keine Folklore, sondern macht hörbar, wie eng Musik, Alltag, Spiritualität und Gemeinschaft im Mittelmeerraum jahrhundertelang verbunden waren. Sephardische, arabische, türkische, griechische und andalusische Einflüsse stehen gleichberechtigt nebeneinander. Verschiedene Sprachen (Hebräisch, Arabisch, Türkisch, Bulgarisch, Ladino) wechseln sich ab, ohne erklärt zu werden. Das ist konsequent und richtig. Diese Musik erklärt sich durch ihre Präsenz.

Im zweiten Abschnitt, „Nasciturus. A su casa viene“, wird es intimer. Die weibliche Stimme rückt ins Zentrum. In „Oh, que mueve meses“ wird sie nur zart von tiefen Flöten begleitet und schwebend. Wie ein Wiegenlied, das zugleich Schutz und Unsicherheit in sich trägt. „A la nana ya la buba“ klingt tänzerischer, beinahe höfisch, doch auch hier bleibt alles nach innen gerichtet. Besonders stark wirkt „Nani, nani“, wo die Stimme völlig allein im Raum steht. Kein Instrument, kein Netz. Nur Atem, Ton, Zeit.

Immer wieder sind es die Instrumentalstücke, die den emotionalen Raum öffnen. „Garibat & Al Maya“ mit seinen weiten Cymbalklängen wirkt erzählerisch, ohne Worte zu brauchen. „Reng-e Esfahan“ klingt improvisiert, als entstünde die Musik genau in diesem Moment. Diese scheinbare Spontaneität ist eine große Stärke der Aufnahme. Nichts wirkt glatt oder akademisch. Man hört das Holz der Instrumente, die Haut der Trommeln, den Raum zwischen den Tönen.

Der dritte Zyklus, „Adolescenica y ceremonia de iniciacion social“, bringt Bewegung. Tänze, Hochzeitslieder, rhythmische Energie. „Katibim“ beginnt mit Trommeln, die einen regelrechten Sog entwickeln. „Poco le das la mi consuega“ lebt vom Wechselspiel zwischen Tamburin und Gesang. „Jovano, Jovanke“ treibt voran, lebendig, körperlich. Hier wird Musik sozial. Man spürt Gemeinschaft, Fest, Übergang.

Doch diese CD bleibt nie lange in einer Stimmung. Auf das Ausgelassene folgt das Nachdenkliche. „Metamorfosis. Independencia“ öffnet mit „Noches, noches“ eine weite, geheimnisvolle Nachtlandschaft. Wenige Töne, viel Raum. „Siete modos de guisados“ bringt noch einmal Tanz, aber schon mit einem anderen Gewicht. Reife bedeutet hier nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung.

Der letzte Abschnitt, „Mawt. El todo“, ist vielleicht der Eindrucksvollste. „Avinu Malkenu“ entfaltet eine exotische Klangwelt, die spirituell wirkt, ohne pathetisch zu werden. „La vida es un pasaje“ hält inne, wirkt deutlich kontemplativ. Und dann „Gankino horo“, ein leidenschaftlicher, rhythmischer Tanz, der zeigt, dass auch der Abschied Bewegung kennt. Am Ende steht „Adijo kerida“. Alles kommt zur Ruhe. Die Stimme trägt Abschied, Erinnerung, Verlust und Würde zugleich. Kein großes Finale, kein Effekt. Nur Stille nach dem letzten Ton.

Diese CD ist farbig, weil sie lebt. Weil sie unterschiedliche Kulturen nicht trennt, sondern verbindet. Sie stellt sich gegen das Vergessen, ohne belehrend zu sein. Sie feiert Vielfalt, ohne sie zu romantisieren. „El Ciclo de la vida“ ist ein musikalisches Bekenntnis zum Dialog. Wer zuhört, hört nicht nur Musik, die mit einem selbst interagiert, sondern Geschichte, Schmerz, Hoffnung und Gemeinschaft. Und vielleicht eben auch ein Stück von sich selbst.

Dirk Schauß, 6. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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