Mehr Walton wagen!

CD/Blu-ray Besprechung: William Walton, Sinfonien 1 & 2; Orb and Sceptre, Kazuki Yamada  klassik-begeistert.de, 20. März 2026

Kazuki Yamada, William Walton, Symphonies 1, 2; Orb and Sceptre

CD/Blu-ray Besprechung:

Kazuki Yamada legt für sein DG-Debüt eine souverän musizierte Walton-CD mit dem CBSO vor.

Deutsche Grammophon, DG 486 8227

William Walton (1902-1983) – Sinfonien 1 & 2; Orb and Sceptre

City of Birmingham Symphony Orchestra
Kazuki Yamada, Dirigent

von Brian Cooper, Bonn

Haben wir ein Walton-Jahr? Tatsächlich nein, aber es scheint, als würde dieser Tage allenthalben, allmählich, mehr von diesem spannenden englischen Komponisten gespielt.

Klaus Mäkelä bringt in seiner kommenden ersten Europa-Tournee mit dem Chicago Symphony Orchestra im Januar 2027 sogar Belshazzar’s Feast auf die Bühne, mit dem grandiosen Solisten Thomas Hampson, der das Werk bereits 1997 mit Simon Rattle und dem City of Birmingham Symphony Orchestra aufnahm.

Überhaupt, Simon Rattle und das CBSO: Als Jugendlicher kaufte ich so ziemlich alles, was Nigel Kennedy und Simon Rattle auf CD vorlegten, und im Zuge dessen entdeckte ich auch Waltons Musik. Kennedy nahm mit André Previn und dem Royal Philharmonic das Violin- und das Bratschenkonzert auf, Simon Rattle mit Lynn Harrell 1991 das Cellokonzert.

Besonders fasziniert war ich jedoch von der ersten Sinfonie, die Rattle 1990 mit dem CBSO aufnahm. Nun, 36 Jahre später, gibt der vierte Nachfolger von Rattle, Kazuki Yamada, ein zumindest in Repertoirehinsicht einigermaßen gewagtes Debüt bei der Deutschen Grammophon – mit den beiden Sinfonien des englischen Meisters.

Schnell stellt man fest: England hat so viel mehr zu bieten als „nur“ Elgar, Holst und Britten. William Walton ist sicher kein Neutöner, was jedoch seine Musik gerade für all jene, die nicht unbedingt in Donaueschingen oder Darmstadt Ferien machen, interessant macht. Bekannt ist vor allem sein Soundtrack zu Laurence Oliviers Henry V: „Touch her soft lips and part“ wünschte man sich ab und an als Zugabe.

Im ersten Satz ist sofort eine Atmosphäre da, der man gern Aufmerksamkeit schenkt: Punktierte Quinten sorgen für Unruhe, es geht sprunghaft zu, mitunter bedrohlich, und doch immer wieder warm. Das Scherzo ertönt witzig, reichlich nassforsch und con malizia. Und der malizia, hier einer eher humorvoll-schrägen Heimtücke, folgt der lyrische langsame Satz, con malinconia, in dem insbesondere ein schönes Flötensolo betört. Der Finalsatz ist besonders brillant komponiert, inklusive spannender Fuge. Das Blech glänzt, ein tolles Trompetensolo bleibt in Erinnerung.

Kazuki Yamada legt ganz offensichtlich Wert darauf, nicht einfach eine aufgefrischte Kopie von Rattles Lesart zu bieten, sondern er beweist in dieser ersten Sinfonie, dass er und sein Orchester, dem er als Music Director vorsteht, eine spannende Zukunft vor sich haben. Auch als Interpreten englischer Musik!

Die zweite Sinfonie, etwa um ein Drittel kürzer als die Erste, entstand etwa 25 Jahre später auf Ischia, wo Walton und seine Gattin einen spektakulären Garten kultiviert haben sollen. Es klingt im Kopfsatz mitunter koboldhaft, das Ganze wirkt wesentlich gewagter als die Musik der Ersten, doch die Sinfonie hatte dennoch zumindest bei den Avantgardisten einen schweren Stand. Warum, versteht man sicher im träumerischen Lento assai. Der dritte Satz ist eine Passacaglia, die man nicht sofort als solche erkennt: Zu modern ist es dafür dann doch, allen avantgardistischen Kritikern zum Trotz. Auch wenn die Erste im Konzert sicher spannender ist, lohnt durchaus ein offenes Ohr für die Zweite.

Die mit 83 Minuten prall gefüllte CD wird mit einer besonderen Ouvertüre eröffnet, die das CBSO auch jüngst auf seiner Tournee im Gepäck hatte. Orb and Sceptre wurde anlässlich der Krönung Elisabeths II. 1953 komponiert. Los geht’s mit reichlich Tschingderassabumm, aber es folgt ein wunderbar lyrischer Mittelteil; hier wird sowohl kompositorisch als auch interpretatorisch belegt, dass in England selbst bei sehr würdevollen Zeremonien der Humor nicht fehlen darf.

Man wünscht dieser CD aufgrund der souverän musizierten Orchesterleistung einen großen Erfolg. Auch der von Jessica Duchen geschriebene Booklet-Text ist äußerst informativ, wie man es von ihr kennt. Einzig die Aussage, das CBSO habe in der Bestimmung des eigenen Chefdirigenten eine „unique tradition“ (die deutsche Übersetzung umgeht das Problem mit dem Adjektiv „besonders“), wird von den bekannten Abläufen bei den Berliner Philharmonikern, die einer Papstwahl gleichen, widerlegt.

Insgesamt ein sehr gelungenes Debüt von Kazuki Yamada bei der Deutschen Grammophon. Wagen Sie mehr Walton!

Brian Cooper, 20. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

William Walton, Orb and Sceptre, CBSO, Kazuki Yamada Alte Oper Frankfurt, 8. März 2026

CBSO, Kazuki Yamada, Bruce Liu, Klavier Kölner Philharmonie, 9. März 2026

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