Mozart reißt die Perücken vom Kopf

CD/Blu-ray Besprechung: Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert 6, 8 und 18  klassik-begeistert.de, 19. Februar 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Es gibt Momente in der Musikwelt, da fühlt sich das „Historische“ plötzlich gar nicht mehr nach Museum an, sondern nach verschüttetem Champagner und Herzklopfen. Wer geglaubt hat, Mozart sei im 21. Jahrhundert zu einer wohlfeilen Pralinenschachtel erstarrt, der hat die Rechnung ohne Olga Pashchenko und das Ensemble Il Gardellino gemacht. Mit ihrer dritten Folge der Mozart-Klavierkonzerte bei Alpha Classics beweisen sie, dass „Authentizität“ kein verstaubtes Dogma ist, sondern eine Einladung zum Tanz.

Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert 6, 8 und 18

Olga Pashchenko, Fortepiano, Tangentenflügel und musikalische Leitung

Il Gardellino

Alpha Classics, ALPHA1199

von Dirk Schauß

Der Star dieser Aufnahme ist nicht nur Pashchenkos flinke Fingerfertigkeit, sondern ihre bewusste Entscheidung für das „richtige“ Werkzeug. Sie ist keine Interpretin, die aus bloßer Eitelkeit in den Keller der Musikinstrumentenkunde steigt. Vielmehr sucht sie nach dem Licht, das Mozart damals zur Verfügung stand, um seine Partituren auszuleuchten.

In den Konzerten Nr. 6 (KV 238) und Nr. 8 (KV 246) begegnen wir einem Instrument, das wie ein Hybridwesen aus einer anderen Zeit wirkt: dem Tangentenklavier. Es steht unentschlossen, aber hochspannend zwischen dem Cembalo und dem Hammerflügel. Wenn Pashchenko in die Tasten greift, entwickelt dieses Instrument eine Dynamik, die einen fast erschreckt – hier eine messerscharfe Attacke, dort eine aristokratische Eleganz, die so fein gesponnen ist, dass man kaum zu atmen wagt.

Man muss sich das Jahr 1776 vorstellen. Mozart war zwanzig Jahre alt, ein junger Mann in Salzburg, der die Aristokratie beeindrucken, aber nicht verschrecken wollte. Er schrieb Musik, die uns, wie Olivier Messiaen es einmal so treffend formulierte, in die „ruhige Sanftheit eines Paradiesgartens“ versetzt.

Im Klavierkonzert Nr. 6 in B-Dur, KV 238 spürt man diese Energie vom ersten Takt an. Pashchenko und Il Gardellino spielen so nah am Ohr, so unmittelbar, dass man meint, neben dem Pult zu stehen. Der Mittelsatz ist ein Wunder an Ausgewogenheit, jedes Detail ist hörbar – kein Weichzeichner trübt den Blick auf die Struktur. Das abschließende Rondeau ist schlicht mitreißend, eine klare Akzentuierung, die den Rhythmus in die Beine fahren lässt.

Auch das Konzert Nr. 8 in C-Dur, KV 246 das sogenannte „Lützow-Konzert“, versprüht pure Lebensfreude. Das Andante kommt mit warmen Holzbläsern daher, die sich wie Sonnenstrahlen durch das dichte Blattwerk des Paradiesgartens bohren. Der Finalsatz beginnt tupfend, ja schüchtern, bevor er sich in eine fröhliche Virtuosität steigert, die niemals oberflächlich wirkt.

Der große Bruch – oder besser: die große Steigerung – erfolgt mit dem Klavierkonzert Nr. 18 in B-Dur, KV 456. Hier wechselt Pashchenko zum Hammerflügel, einer Kopie eines Anton-Walter-Instruments von 1792. Der Klang wird sofort kräftiger, großzügiger, etwas opernhaft. Wir befinden uns nun im Wien des Jahres 1784. Es ist jene Zeit, in der Mozart seinem Vater Leopold bewies, dass er der unangefochtene König der Wiener Musikszene war. Man kann förmlich sehen, wie Kaiser Joseph II. im Konzertsaal seinen Hut zieht und „Bravo Mozart!“ ruft.

Besonders eindrücklich gelingt das Andante in Variationenform. Hier zeigt Pashchenko ihre ganze Meisterschaft in der Phrasierung. Sie lässt der Melancholie Raum, ohne in Kitsch zu verfallen. Es ist ein trauriger, aber kluger Dialog mit dem Ensemble, das hier mit einer wunderbar rauen Kante agiert. Il Gardellino ist kein braver Begleiter, sondern ein ebenbürtiger Gesprächspartner, der auch vor Akzenten nicht zurückschreckt, die mal kratzen oder beißen dürfen.

Was diese Aufnahme so besonders macht, ist die Klangqualität. Sie ist warm und dynamisch, aber vor allem: physisch. Man hört das Atmen der Musiker, das mechanische Klappern der Instrumente, die Reibung der Saiten. Es ist ein Mozart mit „Ecken und Kanten“, wie es die Kritiker so oft fordern und doch so selten bekommen.

Olga Pashchenko leitet das Ensemble vom Klavier aus, und diese Einheit spürt man in jeder Sekunde. Die Musiker sind hervorragend aufeinander eingespielt, sie antizipieren die Wendungen des anderen, werfen sich die Motive wie Bälle zu. Pashchenko selbst erweist sich einmal mehr als kluge Strategin der Dynamik – sie weiß genau, wann sie sich in den Gesamtklang einbetten muss und wann sie als brillante Virtuosin nach vorne tritt.

Wer Mozart bisher für eine Angelegenheit für gepuderte Perücken hielt, wird hier eines Besseren belehrt. Pashchenko und Il Gardellino bringen frischen Wind in die Diskografie. Diese Einspielung ist lebendig, kontrastreich und zutiefst menschlich. Sie ist ein Beweis dafür, dass die historische Aufführungspraxis nicht das Ende der Fantasie bedeutet, sondern ihr eigentlicher Anfang ist.

Dirk Schauß, 17. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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