Theater Lübeck, Großes Haus © Olaf Malzahn
Die Lieblingsmusik 2025 der klassik-begeistert-AutorInnen
Die Autorinnen und Autoren von klassik-begeistert.de besuchen mehr als 1000 Konzerte und Opern im Jahr. Europaweit! Als Klassik-Reporter sind sie ganz nah dran am Geschehen. Sie schreiben nicht über alte Kamellen, sondern bieten den Leserinnen und Lesern Stoffe aus den besten Opern- und Konzerthäusern der Welt. Was haben sie gehört, gespürt, gesehen, gefühlt, gerochen?
Ich danke allen Klassik-Reportern von klassik-begeistert für die Begeisterung, mit der sie ihrem Handwerk nachgehen. Nur durch Euer Engagement, Euer Wissen, Euer Gehör und vor allem durch Eure Schreibkunst ist klassik-begeistert.de zum größten deutschsprachigen Klassik-Blog in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgestiegen. Und das ohne Pause seit 2018.
Ich wünsche allen Autorinnen und Autoren sowie allen Leserinnen und Lesern ein geschmeidiges Gleiten ins hoffentlich friedvollere Jahr 2026.
Herzlich,
Andreas Schmidt, Herausgeber
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Heiße Liebe, kalte Liebe, eingebettet in eine faszinierende, facettenreiche Musik

George Bizets „Carmen“ (Lübeck, Regie: Philipp Himmelmann)): Frei von jedem Folkloregedöns und touristischem Kastagnettengeklapper beschränkt sich die Inszenierung auf den Femizid und ist damit aktueller denn je. Mit nur einem Gast eine phantastische, unter die Haut gehende Leistung des Lübecker Ensembles.
Richard Wagners „Die Walküre“ (Bayreuth, Regie: Valentin Schwarz): Der erste Akt ist ein Psychokrimi mit den drei Protagonisten. Hunding ist ein gefährlicher, ernstzunehmender Gegner. Große Stimmen in einer extrem spannungsreichen Dreierkonstellation – das hätte schon genügt. Aber der dritte Akt mit dem wohl einsamsten Feuerzauber aller Zeiten rührt zu Tränen. Phantastisch!
Frank Martins „Der Zaubertrank“ (Lübeck, Szenische Einrichtung Jennifer: Toelstede, musikalische Leitung: Nathan Bas): Nie gehört – warum? Heiße Liebe, kalte Liebe, eingebettet in eine faszinierende, facettenreiche Musik. Traumbilder voller Intimität und atmosphärischer Dichte, dargeboten von einem jungen Ensemble. Danke, Nathan Bas – bitte mehr von solchen Sternen!
Regina Ströbl, Lübeck
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Ich liebe die Prügelszene zum Tränenlachen

Richard Wagners “Tristan und Isolde” (Lübeck, Regie: Stephen Lawless): Eine neuartige, psychologisch tiefgehende Sichtweise der Beziehungen zwischen Isolde und Brangäne einerseits sowie Tristan und Kurwenal andererseits. Lena Kutzner ist eine Bayreuth-reife Isolde!
„Trau deinen Ohren“ mit Omer Meir Wellber (Pronstorf, SHMF-Konzert): Musik mit Augenmaske nur hörend wahrzunehmen, eröffnet einen noch tieferen Zugang und ein ungewohntes Raumerlebnis – präsentiert von einem wundervoll charmanten musikalischen Leiter.
Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Bayreuth, Regie: Matthias Davids): Die „Meistersinger“ mal wieder als echte Komödie, ohne die schwierigen Aspekte auszublenden. Eine Prügelszene zum Tränenlachen und ein Finale mit Überraschungen.
Andreas Ströbl, Lübeck
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Thomas Guggeis außerordentliches Debüt
mit den Berliner Philharmonikern ist leidenschaftlich

Der 32-jährige Dirigent Thomas Guggeis hatte sich für sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern ein verflucht kniffliges Programm ausgesucht.
Dem – bis auf den weltberühmten Beginn – nahezu ereignislosen „Also sprach Zarathustra“ folgten Henri Dutilleux’ bruchstückhaftes „Tout un monde lointain…“ sowie Ravels schwelgerisches Ballett „Daphnis et Chloé“.
Doch Guggeis und die an diesem Abend besonders spielfreudigen Philharmoniker brachten das vertrackte – und nicht immer süffige – Programm zum Schimmern. Packend und intensiv knetete der Bayer das halbstündige Zarathustra-Grummeln, führte voller Detailreichtum durch Dutilleux’ Klanglandschaft und schwelgte im romantischen Ravel-Ballett.
Tiefe Kennerschaft, handwerkliche Perfektion und purste Leidenschaft zeichneten diesen Abend aus – mehr kann man von einem Klassikkonzert wirklich nicht erwarten.
Arthur Bertelsmann, Berlin
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Ich höre Klänge eines Lebens, wie man sie nur höchst selten erfährt
Ein Kammerkonzert in Bremen mit dem Klenke-Quartett.

Auf dem Programm, eingerahmt von Hummels 1. Streichquartett und Beethovens groß dimensioniertem Streichquartett F-Dur op. 59/1, das 2019 entstandene Streichquartett Nr. 2 des 2021 verstorbenen George Alexander Albrecht. „Es ist genug“ lautet sein Titel, angelehnt an den gleichlautenden, von Bach vertonten Kirchenchoral, der zur Orientierung vorab vorgespielt wird. Das gesamte Werk dauert kaum mehr als zehn Minuten. Aber es sind Minuten, die man schwerlich jemals vergessen kann.
Das „Genug“ lässt zunächst Resignation, Depression und Lebensüberdruss vermuten. Doch was diese Musik vermittelt, ist völlig anders. Es ist Albrechts Retrospektive auf sein musikalisches Lebenswerk. Auf ein wahrhaft erfülltes Leben. Intime, existenzielle Gedanken sind es. Ganz ohne Worte. Und dennoch unglaublich inhaltsreich. Von tiefem Ernst, aber ungemein tröstlich. Mut machende Klänge, geprägt von paradiesischer Zukunftshoffnung. Und, laut Albrechts eigenem Hinweis, zugleich „leidenschaftlich, humorvoll“.
Die virtuose Ausführung der vier Vortragenden betont jeden einzelnen Affekt, ohne ins Pathetische abzugleiten. Die sanft vorgetragenen „neo-romantischen“ Harmonien des abschließenden „Choralgebets“ verstärken das Bild eines guten, eines erfüllten Lebens.
Das ist mehr als „nur“ ein Konzert. Exzeptionell ist diese Musik, die wie ein überirdisch warmes Leuchten das Novembergrau aufhellt und zutiefst berührt. Klänge eines Lebens, wie man sie wohl nur höchst selten erfährt. Die unter die Haut, besser noch: direkt ans Herz gehen. Wohl auch, weil man wünscht, selbst irgendwann mit gleicher Zuversicht abtreten zu können. Mit dem guten Gefühl, etwas Positives in dieser Welt bewirkt zu haben.
Dr. Gerd Klingeberg, Ritterhude bei Bremen
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Was für eine Entdeckung: „Die Vögel“ von Walter Braunfels!
Lyrisch-phantastisches Spiel in zwei Aufzügen
nach Aristophanes
Text und Musik von Walter Braunfels

Selten hat mich eine Oper beim erstmaligen Hören so fasziniert wie „Die Vögel“ von Walter Braunfels. Auch wenn die von mir besuchten Aufführungen am Oldenburgischen Staatstheater und am Staatstheater Braunschweig von der Regie nur bedingt überzeugten, begeisterte mich die musikalische Umsetzung dieses Werks besonders. Sowohl Hendrik Vestmann in Oldenburg als auch Srba Dinić in Braunschweig ließen die Musik atmen, entfalteten einen große Spannungsbogen, begleiteten die Sänger äußerst umsichtig und ließen das Stück zu einer wahren Entdeckung werden.
Die Solisten überzeugten überwiegend mit wunderbar idiomatischen Leistungen und größtem sängerischen und darstellerischen Einsatz für dieses viel zu selten gespielte Werk.
Braunfels zeigt mit seinem geheimnisvollen, genialen Stück, wohin totalitäre Regime führen, was passiert, wenn Machtgier und Allmachtsphantasien die Gesellschaft zerstören. Aktueller kann Oper gar nicht sein. Und die Mischung aus klangsinnlichem Märchen und überwältigendem aktuellem Musik-Drama macht dieses Werk für mich zum Musikerlebnis 2025.
Axel Wuttke, Bad Schwartau bei Lübeck
Teil III unserer Serie „Meine Lieblingsmusik“ lesen Sie am
Montag, 29. Dezember 2025, hier auf klassik-begeistert.de
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