Hamburgische Staatsoper, Außenansicht, Seite, Nacht © Niklas Marc Heinecke
Die Lieblingsmusik 2025 der klassik-begeistert-AutorInnen
Die Autorinnen und Autoren von klassik-begeistert.de besuchen mehr als 1000 Konzerte und Opern im Jahr. Europaweit! Als Klassik-Reporter sind sie ganz nah dran am Geschehen. Sie schreiben nicht über alte Kamellen, sondern bieten den Leserinnen und Lesern Stoffe aus den besten Opern- und Konzerthäusern der Welt. Was haben sie gehört, gespürt, gesehen, gefühlt, gerochen?
Ich danke allen Klassik-Reportern von klassik-begeistert für die Begeisterung, mit der sie ihrem Handwerk nachgehen. Nur durch Euer Engagement, Euer Wissen, Euer Gehör und vor allem durch Eure Schreibkunst ist klassik-begeistert.de zum größten deutschsprachigen Klassik-Blog in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgestiegen. Und das ohne Pause seit 2018.
Ich wünsche allen Autorinnen und Autoren sowie allen Leserinnen und Lesern ein geschmeidiges Gleiten ins hoffentlich friedvollere Jahr 2026.
Herzlich,
Andreas Schmidt, Herausgeber
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Hamburg ist noch nicht abgesoffen

Mir blieben 2025 vor allem drei großartige sängerische Leistungen in Erinnerung: Anja Kampe als Ariadne, Julia Lezhneva als Cherubino und Asmik Grigorian als Salome. Letztere identifizierte sich unter der fulminanten Leitung des neuen Generalmusikdirektors Omer Meir Wellber so außerordentlich mit dieser Partie, dass sie die nächste Vorstellung absagen musste.
Mit den Damen Olga Peretyatko, Katharina Konradi und der bereits erwähnten Julia Lezhneva brillant besetzt und bereits vor 10 Jahren von Stefan Herheim herausragend in Szene gesetzt, gefiel auch Mozarts Hochzeit des Figaro, ebenso eine grandiose Aufführung von Puccinis Fanciulla del West mit Anna Pirozzi, Gregory Kunde und Claudio Sgura unter der Leitung von Francesco Ivan Ciampa.
In München überzeugte mich das Bühnenbild (Rainer Sellmaier) und die Inszenierung (Tobias Kratzer) von Wagners Rheingold.
Beim Ballett zeigte Christopher Evans noch einmal eine reife Leistung in Neumeiers Tod in Venedig, Louis Musin und Azul Ardizzone beeindruckten mit jugendlicher Emphase als Romeo und Julia (Neumeier), der junge Caspar Sasse mit einer ausgefeilten Interpretation des Kostja in Neumeiers Die Möwe sowie Xue Lin und Charlotte Larzelere, die sich herzzerreißend der kleinen Meerjungfrau (Neumeier) annahmen.
Zu danken sind auch Lloyd Riggins und Nicolas Hartmann, die das Hamburger Ballett nach dem Debakel der Neumeiernachfolge schnell wieder in tiefes Fahrwasser lenkten.
Dr. Ralf Wegner, Hamburg
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Schuberts „Winterreise“ bleibt mein Herzensfavorit

Auch im ausklingenden Jahr 2025 waren es wieder Interpretationen von Franz Schuberts genialem Liederzyklus „Winterreise“, die mich am tiefsten berührt haben. Im topographischen Umfeld des Komponisten in Wien-Lichtenthal aufgewachsen, war meine Affinität zu dessen Musik praktisch vorbestimmt.
Die CD-Einspielung des Zyklus von Johannes Martin Kränzle, der zum Zeitpunkt der Aufnahme gegen eine lebensbedrohliche Krankheit kämpfte, verlieh seiner Interpretation eine zusätzliche Dimension und befriedigte besonders durch die klar artikulierte Behandlung des Textes. Nur Wochen später konnte ich im Berliner Pierre-Boulez-Saal den nur gut halb so alten Bariton Samuel Hasselhorn live erleben, mit einer Aufführung des Zyklus, die perfekt, jenseits aller Routine tief bewegte. Zwei so unterschiedliche, aber ebenbürtige Interpretationen kannten nur einen „Sieger“: Schuberts ikonische Komposition.
Peter Sommeregger, Berlin
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Hervor tritt ein Geist, der dem Leben mehr Bedeutung schenkt

Mein Highlight 2025 war ohne Zweifel: Die Winterreise beim ION Musikfest Nürnberg. Keine Darbietung im herkömmlichen Sinne, sondern Underground-Style. Schauspieler Charly Hübner gab den Reisenden wie einen Shakespeare-König, düster untermalt mit Nick-Cave-Songs und sentimental verdichtet mit Mahlers Adagietto aus der Fünften.
Das Ergebnis: erschütternd, noch erschütternder, als Wilhelm Müllers Text, vertont von Franz Schubert, ohnehin wirkt. Der Ort: eine Kirche. Die Darbietung auf einem Niveau wie Salzburgs „Jedermann“. Diese Würde, dieser Ausbruch aus dem Konventionellen, hat diese existenzielle Schwere potenziert.
Wenn man von Katharsis spricht, ist das generell zu dick aufgetragen. Bei dieser „Winterreise“ am Ort des Schreckens, wo in den Nürnberger Prozessen Vergeltung für die Nazi-Verbrechen gesucht wurde, trifft es zu: eine emotionale Konfrontation mit dem Tod, der empfundenen Mitschuld. Hervor tritt ein Geist, der dem Leben mehr Bedeutung schenkt, weil der Tod fixer Begleiter des Lebens ist.
Beim „Lindenbaum“ erscheint er als suizidaler Gedanke, im „Wirtshaus“ ist er wieder da, in F-Dur, als Erlöser sozusagen. „Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht.“ Spätestens hier muss es schmerzen, muss die Musik eine physische Reaktion auslösen, sonst läuft etwas falsch. In Nürnberg bin ich bereits zu Beginn der erdrückenden Last erlegen.
Jürgen Pathy, Wien
Von erfüllten Erwartungen und Überraschungen

Meine Opern-Highlights in diesem Jahr lassen sich für mich weitgehend an dem Haus ausmachen, das für mich mehr oder weniger wie erwartet zur Oper des Jahres geworden ist: die Berliner Staatsoper!
Dort durfte ich dank Christian Thielemann nebst einer fulminanten „Ring“-Wiederaufnahme zwei diffizile Brocken in ebenso spannenden wie nuancierten Einstudierungen erleben: Die schweigsame Frau von Richard Strauss und Bergs Wozzeck 100 Jahre nach der Uraufführung am selben Haus.
Sternstunden des Musiktheaters garantierte freilich auch Riccardo Mutis Opernakademie, in der er Mozarts „Don Giovanni“ akribisch mit dem Nachwuchs einstudierte und aufführte.
Aber es gab neben all diesem noch eine fulminante szenische Opernproduktion, mit der ich nicht gerechnet hatte: Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, in allen grellen, grotesken und feinsinnigen Facetten packend einstudiert von Riccardo Chailly. So gut habe ich diesen Dirigenten noch nie gehört.
Ähnlich war es im Bereich Konzert: Dass die Konzerte mit Christian Thielemann und seiner Staatskapelle, darunter etwa ein Abend mit Orchesterliedern von Richard Strauss für mich ebenso zum Besten zählen würde wie Riccardo Mutis Auftritte in Salzburg mit Bruckners f- Moll Messe wird wohl kaum jemanden erstaunen.
Daneben gab es aber auch hier unverhoffte Highlights, mit denen ich weniger rechnete: Ein sensationeller Abend der Berliner Philharmoniker unter Daniel Barenboim, der in seinem erkrankten Zustand die Unvollendete von Schubert so geheimnisvoll, ätherisch, leise vor allem und berührend dirigierte, wie ich sie sehr selten gehört habe.
Und nicht zuletzt habe ich in einem grandiosen Kammermusikkonzert wehmütig Abschied von der wunderbaren Klarinettistin Sabine Meyer genommen, deren Karriere ich seit dem Eklat bei den Berliner Philharmonikern, als Karajan sie gegen deren Willen durchsetzte, verfolgte. Zum Abschied gab es u.a. zutiefst bewegend Brahms’ Klarinettenquintett mit dem Armida Quartett.
Kirsten Liese, Berlin
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Das Lichte und Dunkle

Meine beiden Lieblingsaufführungen verkörpern zwei meiner Strategien, um in der Welt von 2025 psychisch zu bestehen. Die Drei Schwestern von Peter Eötvös sind geeignet, menschlichen Schmerz und Verlust zwingend zu vermitteln, der aus der menschlich ruinösen Taktik der Menschen erwächst, die aus persönlicher Gier den Weltenlauf so steuern, dass es mich trübsinnig macht. Die Inszenierung der Salzburger Festspiele drängt mich zum Dagegenstemmen.
Die zweite Strategie verkörpert im besten Sinn das ensemble oktopus. Ganz besonders an diesem Abend, der Tanz und uraufgeführte Musik zusammenführt: Mut. Enthusiasmus. Konzentration. Energie. Exzellenz.
Das ist Kunst, die mein Lebensgefühl, meinen Willen und Glauben stärkt. Ich entdecke Neues und denke und fühle neu, frisch und positiv.
Frank Heublein, München
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Wenn der Norden die Herzen des Südens erwärmt
Os Agostos, bei Santa Barbara de Nexe (Algarve, Portugal), 13. März 2025
Isnord Piano Duo

Auf dem ehemaligen Landgut Os Agostos im Hinterland der Algarve organisieren die Amigos de Música etwa einmal im Monat Solorezitale und kleinformatige Kammerkonzerte im ehemaligen Weinkeller. Nur wenn der Saal nicht von den etwa 100 Mitgliedern des Vereins selbst gefüllt wird, hat man eine Chance eines der tollen Konzerte zu erleben.
Daher ist es wohl schwieriger an Karten zu kommen als für die Bayreuther Festspiele. Mehrfach hatten wir es schon erfolglos versucht. Diesmal standen wir recht oben auf der Warteliste und hatten Glück.
Die Konzerte hier sind ein Erlebnis. Sehr herzlich und persönlich heißen uns Vorstandsmitglieder willkommen und führen uns ein. Mit delikaten Häppchen und Wein gestärkt dürfen wir uns auf einen schönen Musikabend freuen.
Heute wird er vom Isnord Piano Duo gestaltet. Jónína Erna Arnardottir aus Island und Morten Fagerli aus Norwegen haben Musik für Klavier zu vier Händen aus dem Norden mitgebracht. Edvard Grieg darf da natürlich nicht fehlen. Uns bis dahin unbekannte Komponisten wie Christian Sinding oder Morten Gaathaug, mit dem das Duo schon häufiger zusammengearbeitet hat, begeistern uns heute besonders. Hin und weg sind wir von der Bearbeitung drei isländischer Volkslieder.
Die herzliche Vorsitzende Helga Hampton selbst macht uns später mit den Musikern bekannt. Was für ein Glück! Jónína bestärkt uns, die isländischen Lieder auch selbst zu spielen und bemüht sich, damit wir einige Wochen später die Noten in den Händen halten können. Wenn wir nun abends gemeinsam am Klavier den „Sonnenuntergang“ spielen, klingt es natürlich bei weitem nicht so schön wie vom Isnord Piano Duo. Aber wir freuen uns über die Erinnerung an einen tollen Konzertabend und über den unendlichen Reichtum der Musik.
Petra und Dr. Guido Grass, Köln
Teil IV unserer Serie „Meine Lieblingsmusik“ lesen Sie am
Dienstag, 30. Dezember 2025, hier auf klassik-begeistert.de
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