Foto: Schlussapplaus für das ensemble oktopus © Frank Heublein
Zeitgenössische Musik inklusive zweier Uraufführungen unter Anwesenheit von vier Komponistinnen und Komponisten im Saal. Ich stimme dem anwesenden Komponisten Markus Hechtle zu: er konstatiert „unfassbar hohes Niveau“. Was für ein großartiger Abend!
Interdisziplinäre Signale 2 – Impression 2
ENJOTT SCHNEIDER (Deutschland)
»Obscuriatas. Traumbild« arrangiert für Tenor-Hackbrett und Elektronik (2016/20226)
VASSILIKI KRIMITZA (Griechenland)
»Frozen Sea« für Ensemble (2026, UA, Auftragskomposition der Christoph und Stephan Kaske Stiftung)
MISSY MAZZOLI (USA)
»Ecstatic Science« für Ensemble (2016)
MARKUS HECHTLE (Deutschland)
»Blinder Fleck« für Ensemble (2005)
JUDIT VARGA (Ungarn)
»The Centipede Dances« für Ensemble (2026, UA, Auftragskomposition der Christoph und Stephan Kaske Stiftung)
Tutti-Improvisation des ensemble oktopus mit dem griechischem Laute Spieler und Workshop-Gast Vasilis Kostas
ensemble oktopus
Leitung: Konstantia Gourzi
Reaktorhalle, München, 27. Januar 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend führt das ensemble oktopus, ein Ensemble der Hochschule für Musik und Theater in der Reaktorhalle in München das Programm „Interdisziplinäre Signale 2 – Impression 2“ auf. Zeitgenössische Musik auf höchstem Niveau unter Anwesenheit von vier Komponistinnen und Komponisten im Saal. Nur Missy Mazzoli ist nach dem gemeinsamen Proben mit den studentischen Musikerinnen und Musikern bereits zurück auf dem Weg in die USA.
Hätten Sie es gewusst? Ich nicht. Es gibt ein stimmbares Hackbrett für das professionelle Spiel, das oberflächlich etwas ähnlich einer Zither ist. Ein bisschen klingt das Instrument nach Harfe, auch ein bisschen japanisches Zupfinstrumentenklangbild höre ich. Mit kleinen Schlegeln oder zupfend spielt Xaver Eckert das Hackbrett. Der Komponist sagt, es sei zu laut in der Welt. Deshalb hat er ein leises Stück komponiert, der „Weg nach innen über die Stille“. Düsteres elektronisches Rumsen und Rauschen, ein drohender Subton. Darüber elegisch, zart das Hackbrett. Das Stück komponierte Enjott Schneider ursprünglich für Gitarre, für Hackbrett und Elektronik gelangt es heute zur Uraufführung.
Für die Komponistin Vassiliki Krimitza dient das Kafkawort „[…] ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ aus seiner Korrespondenz als Impuls und gibt dem an diesem Abend uraufgeführten Stück den Titel »Frozen Sea«. Krimitza empfindet die Arbeit mit den jungen Musikerinnen und Musikern als wertvoll, auch sie lerne aus dieser Zusammenarbeit. Dunkel drohend, Menschen in Seenot. Tosend, stürmisch. Ein schwankendes Boot. Es kentert, Menschen halten sich daran fest. Dann die Beruhigung. Heller Klang verheißt rettendes Ufer. Der aus- und verlöschende Trommelwirbel besiegelt das Schicksal der Gekenterten.
Ekstatisch ist für Missy Mazzoli in ihrem Stück »Ecstatic Science« zum einen die Emotion, zum anderen die Wissenschaft, in dem Fall die Mathematik. Beides legt sie in dieses Stück. Die Komponistin war ein paar Tage vor der heutigen Aufführung für die Erstaufführung ihrer Oper Breaking the Waves nach Karlsruhe gekommen. Sie hängte den musikalischen Austausch mit dem ensemble oktopus an ihre europäische Reise. Hüpfende Holztöne, widerstrebende Streicher. Im Verlauf finden die beiden Gruppen zusammen. Die Trompete legt sich entschlossen verträumt darüber. Die Streicher durchbrechen die Harmonie mit dem Holz.
Markus Hechtle sagt vor der Aufführung seines Stücks »Blinder Fleck« „Kunst entsteht nicht aus dem Impuls des Wissens, sondern dem Wollen und Nicht-Können.“ Daraus entsteht dann im Komponieren das „Wissen für diesen Moment“. Daher könne praktisch jedes seiner Stücke blinder Fleck heißen. Es ist die Art seines Komponierens. Die Zusammenarbeit mit dem ensemble oktopus macht ihn glücklich und er konstatiert „unfassbar hohes Niveau“. Ich stimme zu. Explosiver Ensembleklang, aus der die Klarinette eine helle Tonfolge spielt, die die Instrumente einzeln übernehmen. Stampfend attackiert das Ensemble. Die Klarinette beruhigt, gedankenvoll besonnen. Klar und prägnant durchstoßen Trommel und Trompete. Das Ende ist ein strahlendes Glockenspiel „Ding“.
Judit Varga komponierte die zweite Uraufführung des Abends »The Centipede Dances«. Im Deutschen übertreiben wir es mit den Füßen. In den meisten Sprachen hat er hundert, bei uns heißt er Tausendfüssler. Die Tone, die Klänge, die kribbeln, die krabbeln zisselnd in und durch mein Inneres. Ja! Genauso muss es sich anfühlen, wenn sich eine größere Anzahl Insektenfüsschen über meinen Körper bewegen. Tolle volumige Klangkombinationen von Harfe und Streichern, Harfe und Klavier, Tenorsaxophon und Horn.
Die Politik schafft es nicht, doch die Musik, die schon. Siebzehn Ensemblemitglieder aus zahlreichen Ländern spielen und erschaffen gemeinsam und Gemeinsames. ensemble okotopus Leiterin Konstantia Gourzi weist zu Recht immer wieder auf diesen wichtigen verbindenden Moment der Musik hin. Die griechische Laute Vasilis Kostas‘ hat die Form einer Laute, weniger Saiten als diese und das bauchige einer Oud. Mit ihr führt er das ensemble oktopus durch die Improvisation über Volkswaisen, unter anderem Hava Nagila. Am Ende dann eine Passage aus Elgars Cellokonzert. Alles wird rhythmisch angefasst und einge-tont, neben den Instrumentenklängen auch das Holz der Instrumente, oder auch die Notenständer. Mit dieser Fusion der vieler Einflüsse, aus dem „Raum und Respekt für den anderen“ entspringt, so beschreibt es Kostas vor Beginn, endet der Abend. Ich fühle mich wunderbar erfüllt.
Frank Heublein, 28. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at