Die Zeit feuchter Taschentücher ist vorbei: Wir werden nicht mehr um Sie weinen, Evita Perón

Evita, Musical von Andrew Lloyd Webber  Staatsoperette Dresden, 8. April 2026

Evita, Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice – Sybille Lambrich (Evita), Marcus Günzel (Perón), Vasily Arkhipov (Offizier) und Ensemble © Lutz Michen

Ein opulenter Hollywoodfilm erzählt Kinozuschauern weltweit die Geschichte der Eva Duarte: Ihren Weg aus der Provinz nach Buenos Aires und den schier unglaublichen Aufstieg zur First Lady Argentiniens. Evita, der Film mit Madonna von 1996, basiert auf dem Musical von Tim Rice und Andrew Lloyd Webber.

Evita
Musical von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Gesangstexte)

Inszenierung der Originalproduktion von Harold Prince
Uraufführung am 21. Juni 1978 am Prince Edward Theatre in London

Deutsche Übersetzung von Michael Kunze
Erstaufführung am 20. Januar 1981 im Theater an der Wien

Inszenierung an der Staatsoperette Dresden (Premiere am 8. November 2025)

von Simon Eichenberger (Regie und Choreografie)
und Peter Christian Feigel (Musikalische Leitung)

Bühne: Charles Quiggin
Kostüme: Aleš Valášek

Ballett, Chor, Kinderchor und Orchester der Staatsoperette

Staatsoperette Dresden, 8. April 2026

von Ralf Krüger

 

Uraufgeführt im Londoner Westend, gelangt das Werk über Wien und West-Berlin in den Achtzigern auch nach Dresden. Hier an der Staatsoperette ist Evita noch immer der Hit und in diesen Tagen in einer rasanten Neuinszenierung zu erleben.


Das Stück beginnt düster und es endet auch so. Auf einem schlichten Holzsarg posiert ein junges Mädchen. Ein pompöser Sarg wird zum Blickfang einer Trauer-Orgie. Das Leichentuch in der Rechtsmedizin zeichnet den Übergang von der real Lebenden zur Legende. Männer in Uniformen, Militärs, marschieren über die Bühne und sorgen für ein flaues Gefühl im Magen des Autors. Die Kriege unserer Zeit sind zu nah. Doch dies ist, oh Glück, ein Musical! Kein Heiteres und doch eines, das die Zuschauer in seinen Bann zieht.

Es erzählt die Geschichte einer Frau, die von ganz unten kam und ihre wenigen Chancen nutzte. Sie spielte mit den Männern, bis sie ihre Dienste nicht mehr benötigte. Sie war zäh und ausdauernd, erreichte höchste Kreise der Gesellschaft, sprach zu ihren Landsleuten übers Radio und lernte schließlich Juan Perón kennen. Sie verscheuchte seine Geliebte und war schließlich am Ziel. Durch ihre Hochzeit wurde sie die Gattin des argentinischen Präsidenten und noch im Hochzeitskleid sang sie ihre große Arie.

Evita, Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice–  Sybille Lambrich (Evita) © Lutz Michen

Wein nicht um mich, Argentinien!

Ein Lied voller Pathos und dick eingewickelt in Geschenkpapier. Eva Peróns Flehen: Ich bin doch eine von Euch, eine aus dem Volk … nimmt man ihr ab und sie hält (später) Wort.

Dieser Hit für die Ewigkeit, einer der ganz großen Ideen des Duos Tim Rice und Andrew Lloyd Webber, erreicht zu Beginn des 2. Aktes seinen Höhepunkt. Einen bombastischen Höhepunkt! Ich bin mir sicher, dass früher nach dem letzten Aufbäumen der Musik, nach dem finalen Stoßseufzer, die Tränen in die Taschentücher schossen. (Heute nicht mehr.) Die Melodie selbst schlängelt sich von Anbeginn durch die Partitur und sorgt für einen der wenigen heiteren Momente im Stück. Im 1. Akt erklingt sie, mit neuem Text versehen, in einer betont rhythmischen, dem deutschen Schlager nicht untypischen Coverversion. Da wippt auch mal das Knie.

Das Musical Evita funktioniert so gut, weil man der Protagonistin einen namenlosen Erzähler zur Seite stellt. Das Programmheft nennt ihn Che. Er sieht in seinen Klamotten aus wie ein Revoluzzer und erzählt von der ersten Minute an seine Version der Geschichte. Sie klingt glaubwürdig und vielleicht ist sie wahr?

Evita, Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice © Lutz Michen

Gero Wendorff als Che stiehlt Sybille Lambrich als Evita ein wenig die Show. Gesanglich hat sie natürlich die anspruchsvolleren Partien, er dagegen ist „nur“ der singende Erzähler. Und obwohl sie viel Selbstbewusstsein und später Strahlkraft in die Rolle einbringt, hat der Mann die stärkere Bühnenpräsenz.

Die „Beziehung“ der Staatsoperette Dresden zu Evita scheint eine Besondere zu sein. Die Pressemitteilung spricht von der „Rückkehr einer Legende“. Im Musicallexikon der Universität Freiburg ist dokumentiert, dass am 28. Mai 1987 hier die DDR-Erstaufführung stattfand.

Regie führte Walter Niklaus, ein Mann, der mir durch exzellente Hörspielproduktionen ein Begriff ist. Die Spielstätte der Staatsoperette befand sich damals noch etwas außerhalb des Zentrums, im Stadtteil Leuben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Theaterleute recht stolz darauf waren, ein populäres, internationales Musical aufführen zu können. „Das Publikum feierte die Produktion enthusiastisch“, liest man. Doch kann man so einen Coup heute nochmal wiederholen?

Simon Eichenberger hat mit den Möglichkeiten des modernen Musical-Theaters Evita grandios neu inszeniert. Mit großen Ensembles, einem sportlich-hinreißendem Ballett, dem Kinderchor … – aber von Anfang bis Ende erzählt in dunklen, düsteren Bildern. Nie scheint hier die Sonne.

Evita, Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice © Lutz Michen

Ich sage mal so: Man kann den Film mit Madonna, den viele noch in Erinnerung haben und der allein durch Ausstattung und Soundtrack großartig war, gern vergessen. Die Geschichte der Evita Perón gehört auf die Theaterbühne und in Dresden ist sie gut aufgehoben!

Damit die Zuschauerinnen und Zuschauer der Staatsoperette nicht gar so traurig nach Hause gehen, hat sich Peter Christian Feigel mit dem großartigen Orchester des Hauses für den Schluss noch ein Schmankerl ausgedacht. Nach dem Schluss-Applaus, der freundlich und langanhaltend daherkommt, geht der Dirigent nochmal zurück ans Pult.

Verraten wird nichts, nur soviel: Ganz großes Kino!

Ralf Krüger, 9. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

My Fair Lady, Musical von Frederick Loewe (Musik) Komische Oper Berlin im Schillertheater, 6. März 2026

Musical: Romeo & Julia – Liebe ist alles Theater des Westens, Berlin, 13. Juli 2025

ROCK ME AMADEUS – DAS FALCO MUSICAL Ronacher, Wien, 9. Mai 2025

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