Frauenklang 18: Ein schöpferischer Geist nutzt seine Chancen gegen alle Widerstände

Frauenklang 18: Mélanie Bonis, Komponistin  klassik-begeistert.de, 10. April 2026

Mélanie Bonis im Alter von 19 Jahren, Gemälde von Charles Corbineau
Wikimedia Commons, public domain

Auf ihrem Lebensweg traf Mélanie Bonis (1858 – 1937) auf die ganze Vielfalt von Widerständen, die sich einer komponierenden Frau ihrer Zeit entgegenstellten. Und trotzdem schuf sie ein umfangreiches Werk, dessen Wiederentdeckung heute viele Musikliebhaber begeistert.

von Dr. Lorenz Kerscher

Im Atelier de musique einer französischen Ferienanlage hörte ich vor etwa 15 Jahren ein sehr ansprechendes Klavierstück, das stilistisch zwischen César Frank und Claude Debussy stand. Vom Ausführenden erfuhr ich, dass es sich um ein Werk der Komponistin Mélanie Bonis handelte, und erhielt ein Faltblatt über ihren Lebensweg und ihre Bedeutung. Dieser von deren Urenkelin und Biographin Christine Géliot verfasste Text ist auch in deutscher Übersetzung zugänglich.

Nun muss ich zu meiner Schande gestehen, dass mir damals fast kein von Frauenhand geschaffenes Musikstück bekannt war. Bis in das beginnende 21. Jahrhundert hinein fehlten diese weitgehend in den Konzert- und Rundfunkprogrammen. Doch das 2005 gegründete Videoportal YouTube entwickelte sich rasch zu einer Fundgrube von Raritäten und so konnte ich dann auch feststellen, dass Mélanie Bonis bemerkenswerte Werke geschaffen hat.

Durch den Trick, sie unter dem vermeintlichen Männernamen Mel Bonis herauszugeben, fanden diese zu ihrer Zeit auch durchaus Verbreitung und Anerkennung. Ansonsten war ihre Biographie eine Abfolge aller erdenklichen Hindernisse, die sich einer komponierenden Frau im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Weg stellten.

Geboren wurde Mélanie Hélène Bonis 1858 in Paris als Tochter eines Handwerkers und einer Kurzwarenhändlerin. Kleinbürgerlich könnte man dieses Milieu nennen, in dem sie streng katholisch erzogen wurde. Ihr musikalisches Talent, mit dem sie versuchte, autodidaktisch das Klavierspiel zu erlernen, wurde zunächst kaum gefördert. Schließlich machte ein Freund der Familie keinen geringeren als César Franck auf die begabte junge Frau aufmerksam und dieser ebnete ihr den Weg an das Pariser Konservatorium. Man möchte vermuten, dass die Eltern vor allem in Erwartung besserer Heiratschancen in die musikalische Ausbildung ihrer Tochter einwilligten.

Doch als ihr vielseitig talentierter Mitstudent Amédée-Louis Hettich um ihre Hand anhielt, waren die Eltern ganz und gar nicht einverstanden. Sie nahmen ihre Tochter, die bei Ernest Guiraud studierte und schon Preise gewonnen hatte, ohne Abschluss vom Konservatorium und verheirateten sie 1883 mit dem 22 Jahre älteren verwitweten Industriellen Albert Domange. Als Katholikin akzeptierte sie es als ihre Pflicht, seinen fünf in die Ehe mitgebrachten Kindern sowie drei weiteren, die sie ihm in der Folgezeit gebar, eine gute Mutter zu sein. Immerhin waren die finanziellen Mittel vorhanden, mit denen sie ein gutes Klavier kaufen und für sich selbst weiterhin die Musik pflegen konnte.

Mélanie Bonis um 1900 (unbekannter Photograph) – Wikimedia Commons, public domain

Um 1890 trat Amédée Hettich wieder in ihr Leben. Sie begegneten sich bei Konzertbesuchen, er ermutigte sie, wieder zu komponieren und lieferte ihr Textvorlagen. 1891 nahm sie an einem Kompositionswettbewerb teil und gewann den ersten Preis. Sie hatte das Werk als M. Bonis eingereicht und war offensichtlich für einen Mann gehalten worden. Von da an intensivierte sie ihre Kompositionstätigkeit ebenso wie die Zusammenarbeit mit Hettich, die sich zu einer heimlichen Liebesbeziehung entwickelte.

Dieser entsprang ihre 1899 geborene Tochter Madeleine, die sie bei einem vorgetäuschten Kuraufenthalt in der Schweiz heimlich zur Welt brachte und dann als angebliche Freundin der verstorbenen Mutter bei einer ehemaligen Kammerfrau in Pflege gab. Sowohl sie als auch Hettich hielten als vermeintliche Patin und Onkel den Kontakt aufrecht. Nach dem Tod seiner Ehefrau erkannte Hettich die Vaterschaft an.

Als strenggläubige Katholikin fühlte Mélanie Bonis nun eine schwere Last auf ihrem Gewissen, zog sich mehr und mehr zurück, widmete sich weniger ihrer Familie, setzte aber ihre Kompositionstätigkeit fort und kümmerte sich auch um die Herausgabe ihrer Werke. Über das 2005 uraufgeführte Klavierquintett B-Dur soll Camille Saint-Saëns gesagt haben: „Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau so etwas schreiben kann. Sie kennt alle geschickten Tricks des Komponistenhandwerks.“ Wohlmeinend sollte diese Anmerkung wohl sein, auch wenn aus ihr ein erhebliches Maß an patriarchalischer Anmaßung sprach. Viel Beachtung fanden auch die im Laufe dieser wesentlichen Schaffensphase entstandenen Klavierkompositionen Femmes de légende, von denen sie drei auch orchestrierte.

MEL BONIS – Trois Femmes de légende – ORQUESTRA SINFÔNICA DE MINAS GERAIS – Ligia Amadio (conductor)

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs belastet sie sehr, zumal zwei ihrer Söhne und ein Schwiegersohn zum Wehrdienst eingezogen wurden. Sie meldete sich als Helferin und nahm Pflegekinder auf, darunter auch ihre uneheliche Tochter. Als sich nun eine Liebesbeziehung zwischen dieser und ihrem jüngsten Sohn anbahnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr unter dem Siegel des Verschwiegenheit die wahren Familienverhältnisse zu offenbaren.

1918, nach dem Tod ihres Mannes, zog sie mit der verheimlichten Tochter zusammen, die selbst leidenschaftliche Klavierspielerin und somit eine Seelenverwandte war. 1922 nahm sie ihre Kompositionstätigkeit wieder auf, doch bald verschlechterte sich ihre Gesundheit mehr und mehr. In den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens hatte sie nicht mehr die Energie, sich für die Verbreitung ihrer Werke einzusetzen. Nach einem Leben, das die Vorlage für einen Roman hätte sein können, starb sie 1937 in Kreise ihrer Familie und ihr Schaffen geriet für mehr als ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit.

Mélanie Bonis (1858–1937) – Quartett für Violine, Viola, Violoncello und Klavier N°1 B-Dur, op. 69

Bei der Wiederentdeckung des Werks von Mélanie Bonis spielte das Klavierquartett in B-Dur von 1905, für das Camille Saint-Saëns seinerzeit so lobende Worte gefunden hatte, eine wesentliche Rolle. Der Mediziner und Cellist Eberhard Mayer, der immer auf der Suche nach ungewöhnlichem Repertoire für sein Kammermusikensemble war, stieß, wie seine Frau berichtet, im Jahr 1984 bei der Lektüre eines Handbuchs für Klavierquartettspieler von 1937 auf eine Werkbesprechung, die mit dem Satz endete: „Niemals wird man dabei auf den Gedanken kommen, dass dieser Schlusssatz von einer Frau geschaffen worden ist.“

Seine Neugier war geweckt, und er konnte das unter dem geschlechtsneutralen Pseudonym Mel Bonis veröffentlichte Klavierquartett sowie zwei weitere Kammermusikwerke aus der Pariser Nationalbibliothek mit nach Hause nehmen. Die Ausführung wollte zunächst insbesondere wegen des anspruchsvollen Klavierparts nicht so recht gelingen. Erst der 1994 zum Ensemble hinzugekommene Pianist Friedewald Goebels löste diese Schwierigkeiten. So entwickelten diese Werke endlich den Zauber, der die Zuhörer von Beginn an in ihren Bann zog. Sie wurden nun in fast alle Konzertprogramme eingebaut und mit Begeisterung aufgenommen.

Einige Jahre Detektivarbeit waren nötig, bis die Inhaberin der Rechte an den Werken von Mel Bonis identifiziert war: ihre Enkelin Yvette Domange, in deren Keller sich weitere Schätze von unbekanntem Notenmaterial fanden. 1997 wurden den völlig verblüfften Nachkommen einige Kompositionen der fast vergessenen Ahnin vorgespielt. In der Folgezeit wurden die gefundenen Werke bei der Edition Kossack in Rheinfelden und dem auf komponierende Frauen spezialisierten Verlag Furore in Kassel veröffentlicht. Eberhard Mayer stellte die wiederentdeckte Komponistin in Rundfunksendungen und Fachpublikationen vor und seine Musikgruppe veranstaltete, inzwischen unter dem Namen Ensemble Mel Bonis, Porträtkonzerte in Nah und Fern.

Mel Bonis – Sonate pour flûte et piano

Auch auf die Klavierpädagogin Christine Géliot, Urenkelin von Mélanie Bonis, war der Funke der Begeisterung übergesprungen.

Sie gründete im Jahr 2000 die Association Mel Bonis und schrieb die Biographie Mel Bonis, femme et „compositeur“. So gibt es auch in Frankreich eine treibende Kraft für die Renaissance dieser ganz besonderen Tonschöpferin. Ihre Werke werden heute nicht nur in diversen europäischen Ländern, sondern u.a. auch in den USA, Brasilien und Japan aufgeführt, auf CD aufgenommen und in zahlreichen Videos auf YouTube zugänglich gemacht.

Die Ausdruckskraft ihrer weit ausgreifenden Melodiebögen auf einem harmonischen Fundament von spätromantischer Raffinesse ist endlich Allgemeingut geworden. Jedem Musikfreund möchte ich empfehlen, sich diesen Schatz zu erschließen!

Dr. Lorenz Kerscher, 10. April 2026, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Playlist mit bedeutenden Werken von Mélanie Bonis in YouTube

Mélanie Bonis in Wikipedia

Website der Association Mel Bonis (2000 von ihrer Urenkelin Christine Géliot gegründet)

Website des Ensemble Mel Bonis

Die Melodische: Mel Bonis. Podcast von Antonia Ronnewinkel (7:24 min, WDR 3)

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