New York gerät außer Rand und Band bei Yannicks Mahler Sinfonie Nr. 2 c-Moll

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll, Yannick Nézet-Séguin, Dirigent  Carnegie Hall, New York, 10. März 2026

The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin © Chris Lee

Erst gestern hatte Yannick Nézet-Séguin mit einem krönenden Tristan-Erfolg die Metropolitan Opera von den Socken gehauen, nun legte er mit der zweiten Symphonie des glühenden Wagner-Fans Gustav Mahler noch einen drauf. Das Publikum tobte sich vor Begeisterung auch in der Carnegie Hall ordentlich aus!

Gustav Mahler:  Sinfonie Nr. 2 c-Moll

The Philadelphia Orchestra
Philadelphia Symphonic Choir 

Yannick Nézet-Séguin, Dirigent

Joe Miller, Chorleitung
Joyce DiDonato, Mezzosopran
Ying Fang, Sopran

Carnegie Hall, New York, 10. März 2026

von Johannes Karl Fischer

Mahler 2 in der Carnegie Hall. Ein bisschen ist der in dieser Stadt doch sehr nah gelegene Geist des Komponisten unter dem fast schon stadionartigen Jubelrufen untergegangen. Ein Paar Blocks sind es von der Carnegie Hall bis zu Mahlers ehemaliger Wohnung, direkt gegenüber vom Dakota, späterer Wohnsitz von Leonard Bernstein und John Lennon. In Wien hätte man daraus wohl ein Museum gemacht, in New York hängt dort nicht mal eine Plakette. Schade. Bei der US-Premiere des heute gespielten Werks stand kein geringerer als der Komponist selbst am Pult. Man trat hier also sehr wortwörtlich in den Fußstapfen Mahlers.

Naja, mit Tradition hat man’s hier irgendwie nicht so. Umso mehr ließ sich das New Yorker Publikum des Jahres 2026 von dieser fulminanten, fast schon überwältigenden Musik begeistern. Der Schlussakkord war kaum verklungen, da schoss ein lautstarkes Bravo messerscharf aus dem ersten Rang und eröffnete das stehende Ovationsfeuerwerk. Als hätte gerade Team USA eine olympische Goldmedaille gewonnen!

Musikalisch gab es reichlich zu feiern, bei weitem nicht nur Mahlers Partitur. Wie bereits gestern den Tristan ließ Yannick (der in sämtlichen Programmheftbiographien stets nur mit Vornamen genannt wird) auch diese Musik völlig neu auferstehen. Mit sichtbarem Eifer stürzte er das Philadelphia Orchestra in den ersten Satz, feuerte gleich am Start die Kontrabässe eifrig an und ließ die Musiker in einem symphonischen Sog durch den Saal ziehen. Vom ersten Takt an ließ er die Totenfeier des Kopfsatzes lebendig durch den Saal marschieren und die Emotionen des Mahler-Klangs zwischen den Pulten aufkochen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Satz ein kurzer Griff zur Wasserflasche, ganz locker und zeitlos nimmt er heute mal Mahler.

The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin © Chris Lee

Von diesem kontrastreichen Klang zeigten sich auch die Musiker sicht- und hörbar begeistert. Die teils wortwörtlich als gesangsvoll notierten Geigenmelodien segelten liebevoll von den Saiten, auch das Blech schwebte mühelos zwischen streichelnden Pianos und einigen fast schon die Decke vom Saal fegenden Orchesterakkorden. Die Akustik hier ist wirklich nicht optimal, das zeigte sich bereits in den ersten Celloklängen, die trotz musikalisch ausdrucksvoll abgerundeten Melodien sich nicht wirklich mit dem restlichen Orchester mischen wollten. Macht nix, der Mahler klang wurde dadurch nicht weniger prächtig!

The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin © Chris Lee

Im Finale nahmen Dirigent und Musiker mit ihrer Mahler-Magie das Publikum nochmal richtig effektvoll mit. Nicht, dass man hier ein einziges Lautstärke-Feuerwerk des Mahler’schen Mammutorchesters zu Gehör bekam, im Gegenteil. Jeder Satz hatte seinen ganz eigenen Charakter, seine eigene Sprache. Die Noten waren alle mit Liebe und Feingefühl in die Luft gesetzt, mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam. Auch die hohe Kraft dieser Musik erklang stets in der richtigen Dosierung, die musikalische Seele stieg aus dem Saal in Mahlers himmlische Musikwelt auf.

Nicht ganz mit dem haushohen Niveau des Orchesters mithalten konnte leider die Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Zwar ließ sie die im Urlicht vertonte Menschennot ausdrucksvoll in den Saal strahlen, leider klangen ihre Tonwechsel teils ein wenig unsauber und alles einen Hauch zu übereifrig. Umso eindrucksvoller ließ Ying Fang ihre viel zu kurz komponierte Sopranpartie unter die musikalische Haut gehen, man spürte ihre ganze Liebe zu dieser Musik mit jedem Ton ihrer leuchtenden Stimme. Auch der Philadelphia Symphonic Choir erledigte seine Aufgabe glanzvoll und füllte den Raum mit einem majestätischen Chorklang.

The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin © Chris Lee

Nur der Applaus begeisterte noch mehr als der Mahlerklang selbst. Solch einen ekstatischen Applaus bekommt in Wien, wenn überhaupt, nur Christian Thielemann. Vielleicht sollte man hier wie dort mal mehr auf  Künstler wie Yannick setzen!

Johannes Karl Fischer, 11. März 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Tristan und Isolde, Lise Davidsen The Metropolitan Opera, New York, 9. März 2026

The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin, Dirigent, Rachmaninow Baden-Baden, Festspielhaus, 5. November 2023

Daniil Trifonov, The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin Baden-Baden, Festspielhaus, 4. November 2023

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