György Kurtág. By Lenke Szilágyi – CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45098951
In nicht weniger als 19 Veranstaltungen wird in Budapest der hundertste Geburtstag von György Kurtág gefeiert. Bei zweien konnte ich dabei sein: beim Quartettabend des aron quartetts und beim Orchesterkonzert mit dem Concerto Budapest unter der Leitung von András Keller.
György Kurtág: Six Moments Musicaux, op. 44
Franz Schubert: Streichquintett C-Dur, D 956
aron quartett
Ludwig Müller, 1. Violine
Barna Kobori, 2. Violine
Georg Hamann, Viola
Christophe Pantillon, Violoncello
Péter Szabó, Violoncello
Kleiner Saal des Dohnányi Ernő Music Center, Budapest, 19. Februar 2026
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György Kurtág: Doppelkonzert, Op. 27, No. 2
György Kurtág: Petite musique solennelle – En hommage à Pierre Boulez 90György Kurtág: Movement for viola and orchestra
Béla Bartók: Klavierkonzert No. 3, SZ 119, BB 127
Ludwig van Beethoven: 5. Satz (Cavatina) aus dem Streichquartett Nr. 13 in B-Dur
György Kurtág: Die Stechardin. Uraufführung des Monodramas in einem Akt, Libretto von Christoph Hein
Maria Husmann, Sopran
Pierre-Laurent Aimard, KlavierMáté Szűcs, Viola
László Fenyő, Violoncello
Concerto Budapest
András Keller, Dirigent
Kati Zoób, Kostüm
Csaba Káel, Regie
Béla Bartók Saal im Müpa, Budapest, 20. Februar 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Zum Auftakt des intimen Kammerkonzerts eröffneten die Gäste aus Wien mit György Kurtágs „Six Moments Musicaux“ op. 44 das Programm zu Ehren des Jubilars. Dieses Werk entstand vor rund zwanzig Jahren als Pflichtstück für einen Streichquartett-Wettbewerb (Bordeaux 2005) und besticht durch seine radikale Reduktion auf das Wesentliche.
Es fordert Spieler wie Zuhörer zu äußerster Konzentration heraus – eine Anforderung, die reich belohnt wird: In den sechs kurzen, aphoristischen Sätzen loten die vier Streicher auf faszinierende Weise die gesamte Bandbreite ihrer Klangmöglichkeiten aus. Erstaunlich, wie viel Ausdruck und emotionale Tiefe sich in diesen knappen Momenten entfaltet. Kurtágs Musik entspringt wahrhaft der Stille und kehrt in sie zurück. Das Ensemble, mit den Werken der Zweiten Wiener Schule wohl vertraut, gelangte zu einer kongenialen, höchst sensiblen Interpretation, die beim Publikum einhellige Begeisterung und Zustimmung hervorrief.

Beim Begriff „Moments Musicaux“ liegt der Gedanke an Schubert besonders nahe – und so schloss das leider allzu kurze Konzert folgerichtig mit dessen Streichquintett C-Dur D 956, einem der zentralen und unverzichtbaren Werke der gesamten Kammermusikliteratur. Der ungarische Cellist Péter Szabó erwies sich als ideale Ergänzung: Mit seinem warmen, tragfähigen Ton trug er maßgeblich zu dem dichten, klanglich vielschichtigen und fast orchestralen Gesamtbild bei, das dieses Quintett so einzigartig macht. Im perfekten Zusammenspiel der fünf exzellenten Musiker entfaltete sich eine kraftvolle, von großer dynamischer Spannweite geprägte Interpretation. Besonders die schmerzhaften harmonischen Reibungen mancher Passagen wurden bewusst und mit intensiver Ausdruckskraft herausgearbeitet, ohne je ins Übertriebene zu kippen. Der lebhafte Beifall des Publikums dankte den Interpreten für diesen eindringlichen Abend.
Die Höhepunkte des zweiten Abends im großen Saal des Müpa waren das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók und die Uraufführung des Monodramas “Die Stechardin” von György Kurtág. Den Beginn machten drei Werke Kurtágs aus verschieden Schaffensperioden. Zunächst erklang das Doppelkonzert op. 27 Nr. 2 (1989/90) für Klavier, Violoncello und zwei im Raum verteilte Kammerensembles – der zweite Teil seines Zyklus „…quasi una fantasia…“, eine bewusste Anspielung auf Beethovens gleichnamige Klaviersonate op. 27 Nr. 2 („Mondscheinsonate“).
Das Doppelkonzert ist sehr frei gestaltet, wobei beim ersten Hören vor allem der reizvolle Kontrast zwischen dem Klavier als Rhythmusinstrument und dem Cello als Melodieträger hervorsticht. Pierre-Laurent Aimardund László Fenyő waren der schwierigen Partitur mehr als gewachsen.
György Kurtág komponierte die “Petite musique solennelle – En hommage à Pierre Boulez 90” als festliche Huldigung zum 90. Geburtstag von Pierre Boulez im Jahr 2015, ein Auftrag des Lucerne Festival. Erstaunlich getragen und nachdenklich wirkt diese „kleine feierliche Musik“ – sie könnte ohne Weiteres als Trauermusik empfunden werden, so tief und meditativ ist ihr Charakter. Das “Movement for Viola and Orchestra” (1953–1954) ist der erste Satz eines unvollendet gebliebenen Bratschenkonzerts und eines der frühesten erhaltenen Werke Kurtágs. Stark von Bartók beeinflusst, haftet ihm zugleich noch ein spätromantisches Klangideal an: warme, ausdrucksvolle Melodik und eine Orchesterbehandlung, die den jungen Komponisten auf der Schwelle zwischen Tradition und Moderne zeigt. Máté Szűcs entlockte seiner Bratsche warme, schmeichelnde Töne.
Béla Bartóks Drittes Klavierkonzert BB 127 – kurz vor seinem Tod 1945 vollendet – strahlt Gelassenheit und eine versöhnliche Heiterkeit aus. Die aggressive Energie der früheren Konzerte ist hier stark gemildert; der zweite Satz, mit seiner hymnischen Ruhe und den zarten Naturklängen, lässt sich als stille Akzeptanz des Unausweichlichen lesen. Pierre-Laurent Aimard demonstrierte einmal mehr seine technische Brillanz ebenso wie sein tiefes Verständnis für Bartóks einzigartige musikalische Sprache: präzise Artikulation, farbenreiche Anschlagskultur und nicht erlahmende musikalische Spannung. András Keller begleitete sensibel mit dem Concerto Budapest.
Der zweite Teil des Konzerts wurde von der “Cavatina” aus Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 130 in B-Dur eingeleitet – ein Geburtstagsgeschenk an den Jubilar, der diesen Satz besonders schätzt und liebt. Vier Streicher des Concerto Budapest gestalteten das transzendente “Adagio molto espressivo” mit innigem, berührendem Ausdruck. Dann endlich die lang erwartete Uraufführung von György Kurtágs Monodrama „Die Stechardin” (2023–2025), mit dem Libretto von Christoph Hein. Das Werk erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen, still-zärtlichen Liebe: jene zwischen dem einfachen Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard und dem Göttinger Gelehrten, Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg. „Die Stechardin“, wie er seine junge Geliebte zu nennen pflegte, starb 1782 im Alter von nur 17 Jahren. Das Monodrama lässt Maria aus dem Jenseits sprechen – eine ergreifende Reflexion über Liebe, Krankheit, frühen Tod, Schmerz und die Sehnsucht nach Wiedervereinigung, während sie im Himmel auf ihren geliebten Professor wartet.

Kurtágs Vertonung ist von höchster Sensibilität geprägt. Sie passt sich mit bewundernswerter Einfühlung der Sprachmelodie und dem poetischen Duktus der Vorlage an, verdichtet die Emotionen in sparsamen, aber intensiven Klangräumen. In der ergreifenden Interpretation durch die Sopranistin Maria Husmann wird die rührende Gestalt der Stechardin zum Symbol einer Liebe, die Alters- und Klassenschranken mühelos überwindet. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Kurtág sich auch durch die eigene Erinnerung an seine vor Jahren verstorbene Frau Márta zu diesem Stoff hingezogen fühlte – ein autobiografischer Unterton, der das Werk durchzieht. Der Schluss des Monodramas macht dies höchst augenfällig: Wenn die projizierte Miniatur einer jungen Frau durch eine Fotografie von György und Márta Kurtág abgelöst wird, verdichtet sich die Botschaft von bleibender Liebe und Trost in bewegender Weise. Als der greise Komponist nach dem Ende im Rollstuhl auf die Bühne gerollt wurde, erhob sich das Publikum und brachte ihm sowie allen Mitwirkenden lang anhaltende, herzliche Ovationen dar – ein ergreifender Moment der Dankbarkeit und Verehrung.

Es steht zu hoffen, dass das Werk seinen Weg in die Konzert- und Opernhäuser in Europa findet. Gekoppelt mit Arnold Schönbergs Monodrama „Erwartung“ würde das Werk nicht nur einen starken musikalischen und textlichen Kontrast bilden, sondern auch eine zutiefst humanistische Weiterführung und Wendung ins Versöhnliche darstellen: Während bei Schönberg die namenlose Frau in Angst und Verzweiflung gefangen bleibt, verkündet bei Kurtág die Stechardin Hoffnung und Trost.
Dr. Rudi Frühwirth, 21. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at