Die Musik hat sich verändert, und Marek Janowski hat es mit wachem Ohr verfolgt. Im zweiten Teil des Gesprächs wendet sich der Blick auf die tiefgreifenden Veränderungen in der Orchesterlandschaft: den Verlust individueller Klangidentitäten durch Globalisierung, das Verschwinden nationaler Spieltraditionen, die Herausforderung, als Dirigent mit unterschiedlichen Klangkulturen umzugehen.
Janowski erzählt von seiner Arbeit mit französischen, amerikanischen und deutschen Orchestern, von der Kunst, die eigene Klangvorstellung durchzusetzen, ohne die Identität eines Klangkörpers zu missachten. Und er spricht über sein Abschiedsjahr 2026: ein Programm voller Bruckner-Sinfonien, späte Debüts und Wiederbegegnungen – von den New Yorker Philharmonikern bis zu den Berliner Philharmonikern, die er als „a league of its own“ bezeichnet.
klassik-begeistert: Wir sind in einer Zeit, wie Sie sagen, von ganz großen Umbrüchen und wenn wir jetzt nun mal auf die Musik schauen, das Thema Globalisierung hat ja auch in die Musik, wenn man das mal so sagen kann, nach meinem Höreindruck aus unzähligen Konzerten, dort auch drastisch Einzug gehalten. Die Orchester heute haben ja ihre klangliche Identifikation zum Großteil eingebüßt.
Und früher konnten Sie die Orchester noch viel leichter auseinanderhalten, also nicht nur durch das individuellere Instrumentarium, was die seiner Zeit noch hatten, sondern auch von der Art des Phrasierens, von der Art des Spielens. Ich finde, es gibt nur noch wenige Orchester mit ganz eigenem Klang, das hat sich leider internationalisiert.
Wie sind Sie damit umgegangen? Sie kennen ja beides noch, Sie kennen noch das sehr Individuelle, Klangliche im Orchester und wenn Sie dann Jahre später mit dem Orchester, was Sie aus früheren Jahren genau kannten, gemerkt haben, jetzt klingt anders.
Wie sind Sie mit so einer Veränderung umgegangen? Oder nimmt man das einfach so hin im Laufe seines Schaffens?
Marek Janowski: Nein, sagen wir mal in meinen letzten zehn oder 15 Jahren sicher nicht.
Ich habe immer ein relativ breites Repertoire gehabt und auch aus eigenem Interesse in den letzten zehn Jahren.
Bei einem Großteil des Repertoires, das man immer wieder dirigiert, man entwickelt da eine sehr eigene, präzise Vorstellung der klanglichen Durchhörbarkeit, der Offenlegung von Struktur und und und.
Und dann haben Sie ein amerikanisches Orchester mit amerikanischen Holzbläser, dann haben Sie ein französisches Orchester mit immer noch der französischen Holzbläser-Schule, die Blechbläser in Frankreich haben sich enorm entwickelt.
Ich höre das, wenn ich anfange zu proben, unabhängig von einer französischen Klangvorstellung oder von einer amerikanischen Klangvorstellung. Meine Klangvorstellung ist die, ich überlege genau, was musst du tun, damit jetzt in der Probe du deine Klangvorstellung realisieren kannst und damit bin ich umgegangen.
Ich meine früher über meine vielen Jahre im Paris, bei dem Orchestre Philharmonique, wo sehr viel französisches Repertoire war. Natürlich habe ich bei Werken wie „La Valse“ oder bei „La Mer“ oder bei der „Symphonie Fantastique“ in den Klang des Orchester rein gehört und wenn mich das in bestimmten Phrasierungen oder in der Dynamik überzeugt hat, habe ich es gelassen, ist doch klar.
Aber so habe ich mich mit dem Klang arrangiert und würde, so denke ich, große oder ziemliche Probleme haben, mit einem anständigen bis guten deutschen Orchester meine Klangvorstellungen von „La Mer“, die aus der intensiven Arbeit mit einem französischen Orchester resultieren, einiger Maßen zu realisieren.
Deswegen dirigiere ich so was lieber mit einem deutschen Orchester nicht.
klassik-begeistert: Das kann ich gut verstehen. Wenn wir auf dieses für Sie so ganz besondere Jahr schauen, ich habe Sie so verstanden, dass Ihr Abschied endgültig ist, da wird er nicht mehr dran gerüttelt.
Es könnte ja sein, ich konstruiere mal eine Situation: Dieses Jahr läuft physisch vor allen Dingen hervorragend, dass Sie dann im Dezember, es doch noch viele Anfragen gibt und Sie diese Entscheidung neu bewerten.
Marek Janowski: Jetzt mehr oder weniger wissen das alle und da kommt auch fast nichts mehr, was ich absolut in Ordnung finde.
Aber es könnte ja sein, also ich kann mir vorstellen, wenn Marek Janowski sagt, er hört auf, dann denken vielleicht viele, gut es ist vielleicht gesundheitlich bedingt oder was auch immer.
Und sind dann auch eher zurückhaltend.
klassik-begeistert: Aber wenn dieses Jahr so toll läuft und es ist vitalisierend für beide Seiten, für Sie zuallererst als auch für die Zuhörer, dann könnten doch Reaktionen kommen, wie: „Mensch, Herr Janowski, wollen Sie nicht doch noch mal hier nächstes Jahr dirigieren? Könnten wir nicht doch noch ein paar Konzerte machen?“
Marek Janowski: Am besten auch in relativ hohem Alter erträgt man die Arbeitsatmosphäre, wenn man über längere Zeit, also quasi pausenlos beschäftigt ist.
Wenn man zum Beispiel, wie im letzten Jahr, dann mal über den Juli August und September nix hat und dann im Oktober irgendwas und dann Ende Oktober, dann muss ich mental als auch physisch in Form sein. Na klar. Da wieder reinzukommen, das ist mit zunehmendem Alter schwieriger. Das ist einfach so.
Und wir sind mal ganz theoretisch. Ich höre da im Ende Dezember dann in Japan beim NHK Symphony Orchestra auf. Und da käme jetzt einen Anfrage im April 27. Das innere wieder Hochfahren des Energiepotentials und der musikalischen Vorstellung, wie mache ich jetzt dies oder jene Sinfonie, würde mir dann doch sehr schwer fallen.
Und ich glaube, wenn man das so auf die Waage legt, sollte man lieber doch sagen, dass es besser ist, wenn der ein oder andere Musiker sagt: „Schade, das der aufgehört hat“, als zu denken, „Gott sei Dank, dass der jetzt nicht mehr da ist.“
klassik-begeistert: Ja, wobei ich glaube, in Ihrem Fall, ohne zu schmeicheln, die Gefahr sehe ich bei Ihnen aktuell nicht. Für viele Menschen, die ich spreche, wenn wir uns über die Dirigenten zum Beispiel austauschen, da sind Sie ja alterslos, absolut alterslos.
Ich sage mal ganz simpel, Sie sind schon immer da, Sie dirigieren, ohne dass ein Leistungsdefizit erkennbar ist. Bei Kollegen Ihres Alters ist das oft anders.
Wenn ich an Lorin Maazels letzte Jahre denke, das hat man schon sehr deutlich gemerkt, dass seine Interpretationen ganz anders klingen. Schlicht gesagt: alles sehr viel langsamer, wie bei manchen anderen Kollegen eben auch.
Aber Sie sind nach wie vor da sehr konsistent, ich habe es ja vor zwei Jahren auch hier gehört bei dem Konzert mit der Dritten von Anton Bruckner. Dies war eine Lesart, wie ich Sie von Ihnen im Ohr hatte.
Eine andere Frage, die mich umtrieb, war, haben Sie sich für dieses, ich nenne es nochmal, Abschiedsjahr, was Besonderes vorgenommen in der Gestaltung einzelner Programme, wo Sie sagen: jetzt kannst du ja, wo du weißt, das ist sozusagen die letzte oder eine der letzten Gelegenheiten doch nochmal vielleicht mehr ins Risiko gehen oder noch was ganz anderes machen, oder sagen Sie, ich bleibe meiner Linie treu?
Marek Janowski: Wenn Sie normalerweise nur als Gastdirigent tätig sind, fragen Sie ja erst mal das Orchester Management, also so mach ich es immer, was ist bei Euch sehr lange nicht gewesen, damit ich von Null etwas im Programm aufbauen kann.
Und da ist meine Affinität zu Anton Bruckner, das wissen manche Orchester auch und da kommt erst mal die Frage in dieser Richtung, das ist in diesem Jahr in Paris mit dem Bastille Opern-Orchester, da gibt es die Vierte von Bruckner, dann geht es nach Budapest zum Budapest Festival Orchester mit Bruckners Fünfter.
Das ist ein großartiges Orchester, das ich für das beste Orchester des früheren Ostblocks halte. Weiter geht es mit der Siebten Bruckner in Warschau mit der Sinfonia Varsovia, dann noch mal in Hamburg beim NDR mit Bruckners Dritter und dann die Berliner Philharmoniker haben es vorgeschlagen, die Achte Bruckner, das ist schön.
Es hat mich sehr gefreut, dass ich im Dezember bei den Berliner Philharmonikern Bruckners Achte machen darf. Dieses Orchester ist für mich eine Liga of its own. Ich bin bei denen immer sehr, sehr gerne gewesen und ich glaube auch, dass die ganz gut mit mir zurechtkommen und ich hätte alles gemacht, was die gesagt hätten.
Und dann direkt danach 10 oder 12 Tagen in Tokyo die 9. Beethoven.
Keines der Programme ist meine Wahl gewesen, das war die Bitte, das so zu machen, dass das aber so ist, ist eine schöne Sache und da bin ich auch sehr dankbar dafür.
klassik-begeistert: In Dortmund dirigieren Sie auch die Siebte Bruckner.

Marek Janowski: Ja, das ist die nächste Woche, dort war ich als junger Mann vier Jahre Chef und dann muss das wohl irgendeiner in der Dramaturgie festgestellt haben. Ich habe in Dortmund angefangen in der Saison 1975/76, das ist jetzt 50 Jahre her und da komme ich noch mal hin und aus dieser Zeit ist kein Musiker mehr da.
Aber wir haben schon verabredet, ein paar ganz alte Kameraden, die schon 1000 Jahre dort „geparkt“ sind, aber die noch an Krücken oder mit dem Rollator unterwegs sind, wir treffen uns zum Kaffee trinken.
klassik-begeistert: Oh, das ist eine schöne Idee. 50 Jahre nach Dortmund.
Sind Sie das erste Mal auch im Konzerthaus in Dortmund in diesem Konzert?
Marek Janowski: Nein, ich war gleich zu Anfang dort. Das ist ein sehr schöner Saal. Ich bin dort mit dem Orchester aus Monte Carlo da gewesen, mit dem RSB Berlin war ich auch dort usw.
Aber noch nicht dem Orchester aus Dortmund.
klassik-begeistert: Sie hatten eben von den Berliner Philharmonikern gesprochen, es gab ja auch noch mit einem sehr berühmten Orchester ein spätes Debüt, letztes Jahr in New York mit den New Yorker Philharmonikern.
Wie war das?
Marek Janowski: Ich bin in den 1980er Jahren bis in die 90er hinein sehr oft an der MET gewesen.
Und da gab es immer schon mal auch die Überlegung, ob ich nicht einmal zu den New Yorker Philharmonikern gehen sollte. Nun meinte meine Agentur, das sei nichts für mich.
Nach meinen Aktivitäten an der MET war ich sehr regelmäßig bei bestimmten amerikanischen Orchestern: San Francisco, Chicago, Chicago ist große Klasse, muss ich sagen, Boston, das habe ich dann auch irgendwann wieder gelassen, Washington National Symphony.
Und dann war ich vor wenigen Jahren doch noch mal an die MET gegangen mit „Ariadne auf Naxos“.
Dann habe ich 2025 bei dem New York Philharmonic ein Konzert dirigiert und das hat auch allen, so glaube ich, große Freude gemacht.
In diesem Mai, bin ich noch mal da.
klassik-begeistert: Da dirigieren sie die Dritte Mendelssohn.
Marek Janowski: (lacht): Ja, Sie ja wissen alles!
klassik-begeistert: Ich bin vorbereitet. Den Mendelssohn haben Sie nicht so oft dirigiert oder im Vergleich zu Bruckner?
Marek Janowski: Nein, aber ich habe große Verehrung für die „Schottische“. Die „Italienische“ geht eher leicht von der Hand.
Die „Schottische“ hat eine ungeheure Tiefe und trotzdem diese spezielle Mendelssohn-Klangfarbe.
Ich habe genügend Proben und ich freue mich drauf. Ich habe es, glaube ich, mindestens 20 Jahre nicht mehr dirigiert.
klassik-begeistert: Oh ja, ein wunderbares Werk. Ich liebe es sehr.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dirk Schauß, 18. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den dritten und letzten Teil unseres Interviews mit Marek Janowski lesen Sie Donnerstag, 19. Februar 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.