Marek Janowski: Der Abschied – eine bewusste Entscheidung

Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil I  klassik-begeistert.de, 17. Februar 2026

Foto © Diana Hillesheim

Fast auf den Tag genau zwei Jahre später – im Januar 2026, wie schon im Januar 2024 – trafen sich Dirk Schauß und Marek Janowski, Dirigent und ehemaliger Musikgeneraldirektor,  wieder im Proberaum des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Die Atmosphäre war vertraut: die gleichen Wände, das gleiche Licht, dieselbe konzentrierte Arbeitsstimmung, die Janowski so schätzt.

Beim ersten Gespräch vor zwei Jahren hatte der Dirigent am Ende mit seinem typischen, trockenen Humor gesagt: „Herr Schauß, ich kenne Sie jetzt – und sollte ich noch einmal nach Frankfurt kommen, dann machen wir noch ein Interview. Aber länger!“

Und so geschah es am 14. Januar 2026, im Orchesterprobenraum der Oper Frankfurt anlässlich des fünften Museumskonzertes.

Marek Janowski spricht Klartext: Warum er 2026 den Taktstock niederlegen will

von Dirk Schauß

Diesmal war das Gespräch tatsächlich deutlich ausführlicher, persönlicher und in manchen Momenten auch nachdenklicher. Im Zentrum stand Marek Janowskis bewusste Entscheidung, Ende Dezember 2026 die Dirigentenlaufbahn endgültig zu beenden – ein Abschied, den er mit großer Klarheit, aber auch mit einer leisen Melancholie plant.
Er spricht offen über die ersten spürbaren Zeichen des Alters, über die Sorge, zu spät aufzuhören, über die dramatischen Veränderungen in der Orchesterlandschaft durch Globalisierung und den weitgehenden Verlust individueller Klangidentitäten. Ebenso leidenschaftlich und pointiert äußert er sich zu den Komponisten, die ihm zeitlebens am nächsten standen – allen voran Bruckner, Beethoven, Mendelssohn, Schumann und Puccini – und zu jenen, die ihm trotz ihrer enormen Popularität immer etwas distanziert geblieben sind, wie Mahler und Schostakowitsch.

Es ist ein sehr direktes, ehrliches und in vielem auch berührendes Gespräch – ein intimer Blick auf das nahende Ende einer langen, außergewöhnlichen Karriere und zugleich ein leidenschaftliches Bekenntnis zu dem, was für Janowski Musik bis zum letzten Takt bedeutet.

klassik-begeistert: Lieber Herr Janowski, ich falle gleich mit der Tür ins Haus, wenn ich darf. Als ich letztes Jahr bei der Pressekonferenz vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester war, da hieß es, Sie kommen wieder, was mich sehr freute. Und dann hieß es, und das konnte ich kaum glauben: Sie hören auf. Ist das richtig?

Marek Janowski: Das ist so. Mit den Erkenntnissen, wie man als Dirigent andere immer älter werdende Dirigenten beobachtet, habe ich mir das im Kalenderjahr ’24 überlegt – wissend, dass ich, was die Ohren angeht, wissend, was das Gehirn angeht, noch okay bin. Mir ist das Dirigieren nie körperlich schwergefallen. Trotzdem, so vor zwei Jahren, habe ich gemerkt, dass nach intensiven Proben ich doch ein bisschen müde bin. Das bin ich zum Beispiel auch jetzt. Also nicht so, dass ich nichts machen könnte. Ich könnte auch mit der Probe jetzt zwei Stunden weitermachen, aber ich empfinde eine gewisse körperliche Müdigkeit. Und dann habe ich mir da vor zwei Jahren so die Frage gestellt: Willst du in so eine altersprofessionelle Sphäre rein, wo alle, die mit dir musizieren, denken: „Mensch, wenn der Kerl da doch aufhören würde.“  Aber das sagt ja keiner. Ne? Ist doch immer dasselbe.

klassik-begeistert: So ist es.

Marek Janowski: Das möchte ich mir einfach ersparen. Ich hoffe, dass weiß man ja nie, dass ich in diesem Kalenderjahr noch einigermaßen gesund bleibe und habe dann also wirklich gesagt, Ende Dezember ’26 ist Schluss. Und vor einem Jahr oder vor eineinhalb Jahren, kamen natürlich auch Fragen: „2027 wollen Sie hier oder können Sie da etwas dirigieren?“ Das ist ein bisschen weniger geworden, das ist ganz klar. Und das sind nur immer die Orchester, wo ich immer schon mal war. Und da habe ich gesagt: „Also ganz eisern Schluss.“

Und es ist vor allen Dingen jetzt in diesem Kalenderjahr, also in der Sommersphäre, so Ende Mai über Juni, Juli weg, da ist dann mal nichts, das ist auch in Ordnung. Aber es ist ein sehr strammer und sehr intensiver Herbst, wo eins nach dem anderen immer noch mal kommt. Da ist Monte Carlo, Zürich, Chicago, NDR Hamburg, WDR Köln, Leipzig Gewandhaus, Berliner Philharmoniker. Und nach dem Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern reise ich noch einmal nach Tokio zum NHK Symphony Orchestra, die im Jahr ’26 ihr hundertjähriges Bestehen haben und dirigiere da am Ende des Jahres ’26, also im Dezember, sechsmal hintereinander die Neunte Beethoven. Und dann ist Schluss. Also so ist das geplant, vielleicht gibt es gesundheitliche Bremsen, dass ich früher aufhören muss, aber so denke ich mir das.

Foto © Diana Hillesheim

Dann kommen natürlich diese tollen Fragen, was machen Sie danach? Ja, das weiß ich noch nicht. Und ich mache mir darüber auch keine Gedanken. Auf keinen Fall würde ich irgendwo unterrichten. Das steht fest.

klassik-begeistert: Ich glaube, das ist vielleicht noch mal das größte Abenteuer, was dann auf Sie zukommt.

Marek Janowski: Stimmt, ja, wie man mit der Zeit umgeht, die man früher nicht hatte.

Ich weiß es noch nicht, muss man schauen. Und dazu kommt auch immer etwas, was mich in meinen früheren Chefjahren immer interessiert hat.

Speziell in den Berliner Jahren, wo man, wenn es kritisch wurde, mit den vielen Orchestern in Berlin und den Subventionen, mit Kontakten zu gewissen, wichtigen politischen Persönlichkeiten, die eine Affinität zu Musik hatten, wie man da manches verbal in Gespräch für die Musik erreichen konnte. Diese Persönlichkeiten in deutschen großen Städten, in deutschen Bundesländern und sowohl den Koalitionsregierungsparteien in Berlin gibt es nicht mehr.

Das Richtige ist, dass so viel neue, unerwartete, global übergreifende politische Probleme überall da sind, dass man vielleicht auch als Politiker, der eine oder andere, der ein gewisses Faible noch für musikalische Hochkultur hat, dass er keine Zeit mehr hat, sich um solche Dinge zu kümmern.

Und dann kommen natürlich auch bestimmte andere Dinge dazu, wenn man dann sieht in Amerika, ich will jetzt gar nicht von der Politik reden, dass in Washington das Kennedy Center, ich bin sehr oft beim National Symphony Orchestra gewesen, wo ein großer Konzertsaal drin ist, ein großes Opernhaus, ein Schauspiel, so ein Riesenkomplex, das so ein Saal, das so ein Gebäude jetzt Trump Kennedy Center heißt, ich finde das furchtbar, das können Sie genau so drucken, es ist furchtbar!

klassik-begeistert. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dirk Schauß, 17. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Den zweiten Teil unseres Interviews mit Marek Janowski lesen Sie Mittwoch, 18. Februar 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

WDR Sinfonieorchester, Marek Janowski, Dirigent, Frank Peter Zimmermann Kölner Philharmonie, 31. Oktober 2025

Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 5 in B-Dur, WDR Sinfonieorchester, Marek Janowski Kölner Philharmonie, 24. November 2023

CD-Rezension: Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera, Orchestre Philharmonique de Monte Carlo, Marek Janowski klassik-begeistert.de, 17. Juni 2023

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