Romana Amerling © Julia Wesely
Der Hit „Das Alte Lied“ wurde von Hildegard Knef, Marlene Dietrich und Richard Tauber aufgenommen und fand Eingang in den Kino-Klassiker „Der dritte Mann“. Die weiteren Chansons der Wienerin Hilde Loewe
(1895 – 1976) aka Henry Love sind weitgehend unbekannt. Das soll sich jetzt ändern. Die Sopranistin und Schatzsucherin Romana Amerling hat 31 Chansons von Hilde Loewe auf CD gebannt – und mir die spannende Geschichte der jüdischen Pianistin und Komponistin erzählt.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Romana Amerling, Teil 1
klassik-begeistert: Unter Opernliebhabern wird leidenschaftlich gestritten – „Prima la musica, dopo le parole“ [Anm. Jörn Schmidt: Erst die Musik und dann die Worte] … In welchem Lager stehen Sie? Als Opernsängerin sind Sie natürlich Team Parole, nehme ich an…
Romana Amerling: Da liegen Sie ziemlich falsch. Beides ist wichtig, hören Sie sich nur den Rosenkavalier von Richard Strauss an… Beim Belcanto dagegen hat das Wort vielleicht weniger Gewicht als bei Strauss und Hugo von Hofmannsthal.
klassik-begeistert: Bei Liedern für Singstimme und Klavier spricht man dagegen oft von Klavierbegleitung. Als ob das Klavier eine Nebenrolle hätte. Das ist doch unfair?
Romana Amerling: Semantisch haben Sie Recht, Begleitung klingt irgendwie nach zweiter Reihe. Tatsächlich hat jeder eine Hauptrolle – mal steht das Klavier im Vordergrund, dann die Stimme, und stets müssen sich beide ergänzen.
klassik-begeistert: Für Ihr neues Loewe-Album haben sie sich gleich eine ganze Salon-Band gegönnt, aus herausragenden Musikern von den Wiener Philharmonikern bis zur Jazzszene. Hätte ein Klavier nicht gereicht?
Romana Amerling: Zusammen mit meinem Mann, Daniel Ottensamer, bin ich tief in Hilde Loewes Welt eingetaucht. Und wir haben schnell gemerkt, dass die Lieder nach Schlagwerk verlangen. Um das Tänzerische zu betonen… Außerdem brauchte es einen Kontrabass, um eben die Basslinie zu verstärken…

klassik-begeistert: Dann ist da noch die Klarinette…
Romana Amerling: …die betont die Vielseitigkeit der Stimmungen, kann zum Beispiel auch Jazz. Mit dieser Besetzung sind wir übrigens nahe am Original geblieben, so wie damals.
klassik-begeistert: Ist man als Opernsängerin automatisch als Liedsängerin qualifiziert?
Romana Amerling: Ich komme aus der Welt der Oper, das hilft natürlich. Auch wenn ein Lied mir als Sängerin ein höheres Maß an Intimität abverlangt.
klassik-begeistert: Sind Lieder also eine kleine Miniatur-Oper? So hat Camilla Nylund mal die Strauss-Lieder bezeichnet.
Romana Amerling: So wie Nikolaus Harnoncourt mal gesagt hat, dass jedes Stück von Mozart eine Oper sei. Weil jedes Lied immer auch eine großartige, oftmals dramatische Erzählung ist… Nur dass beim Lied der Zugang zum Publikum direkter ist.

klassik-begeistert: Steht und fällt ein Kunstlied bzw. dessen Qualität mit dem Text?
Romana Amerling: Es ist immer in hohem Maße bedauerlich, wenn etwas schlecht ist – egal ob Text oder Noten. Bei Hilde Loewe ist übrigens beides Weltklasse, auch weil Sie eisern um hervorragende Texte gerungen hat.
klassik-begeistert: Wie kam sie da zum Ziel?
Romana Amerling: Hilde Loewe hat zuweilen selbst zur Feder gegriffen…und die richtigen Leute gefragt, würde ich sagen. So hat sie bereits in jungen Jahren Arthur Schnitzler und Rainer Maria Rilke angeschrieben und um „Dichterworte“ gebeten.

klassik-begeistert: Was ist der größte Unterschied zwischen Kunstlied und Wiener Chanson?
Romana Amerling: Beim Kunstlied ist das künstlerische Korsett enger, während das Chanson mehr persönlichen Ausdruck erlaubt. Was aber nicht heißen soll, dass das Chanson keinen Regeln unterliegt.
klassik-begeistert: Und die stärkste Gemeinsamkeit?
Romana Amerling: Das ist die direkte Verbindung zum Publikum. Die Wege sind direkt, es steht nicht zwischen Künstler und Publikum – kein Graben, kein Kostüm und auch kein Libretto.
klassik-begeistert: Wenn ich jetzt sage, das Wiener Chanson ist im Grund nur ein besserer Schlager… dann ziehe ich mir Ihren Zorn zu?
Romana Amerling: Sie können sich entspannen, Schlager hat für mich überhaupt keine negativen Konnotationen. Was ohne Umschweife ein großes Publikum begeistern kann, das ist doch wunderbar! Mögen Sie eigentlich Johannes Brahms und Antonín Dvořák?
klassik-begeistert: Klar…
Romana Amerling: Die hatten sicher auch kein Problem mit Schlagern, haben Volkslieder in ihre Sinfonien übernommen. Allein schon die Ungarischen Tänze, die sind der Straße abgelauscht. Es ist übrigens keineswegs trivial, einen Schlager zu komponieren. Mir ist das noch nicht gelungen.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 20. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Romana Amerling lesen Sie Samstag, 21. Februar 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.