Können sich Dirigenten und Intendanten Vorlieben erlauben?

 

Teil 3 des Klassik-begeistert Interviews mit Daniel Karasek und Gabriel Feltz

Im letzten Teil unseres Interviews sprechen Generalintendant Daniel Karasek und der neue Kieler Generalmusikdirektor Gabriel Feltz über Lieblingskomponisten. Und ob Kiel und Umland zu einer gesunden Work-Life-Balance beitragen.

Jörn Schmidt im Gespräch mit Daniel Karasek und Gabriel Feltz

klassik-begeistert: Sie stehen auch für eine beachtliche Historie von CD-Einspielungen, bereits 2005 haben Sie die Alpensinfonie mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg Gera eingespielt. Diese CD ist immer noch lieferbar, was überaus bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, wie schnell CDs neuerdings aus dem Katalog gestrichen werden. Welche Bedeutung haben CDs/ SACDs heute?

Gabriel Feltz: Mittlerweile kenne ich sehr viele Leute, die überhaupt keine CD-Spieler mehr haben. Natürlich hat sich da enorm viel geändert, trotzdem haben Aufnahmen in meinem Leben zunächst noch eine sehr große Rolle gespielt und ich bin sehr stolz darauf. Marek Janowski, der nun wirklich als sehr hoch kompetenter, professioneller und auch als strenger Kollege in meiner Zunft gilt, sagte einmal vor vielen Jahren, es gebe nur zwei Orchestererzieher: Haydn und das Mikrofon. Ich habe das immer als etwas Wahres empfunden. Eine Aufnahme kann ein Orchester sehr beflügeln, sehr herausfordern und wirklich an die absolute Obergrenze seiner Qualität führen. Ich denke auch in Zukunft sollte es Aufnahmen von Orchestern geben, gleich welcher Couleur. 

klassik-begeistert: Sie haben desgleichen einen beeindruckenden Mahler-Zyklus auf CD gebannt. Wird es in Kiel einen Bruckner-Zyklus geben, im Konzertsaal wie auf CD?

Gabriel Feltz: Nun, der Mahler-Zyklus, auf den ich ohne Zweifel sehr stolz bin, hat mich 15 Jahre Arbeit gekostet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich sehr schnell noch einmal einem solchen Mammutprojekt stelle, zumal – wie ich in der vorigen Frage bereits ausgeführt habe – die Bedeutung von CDs und von Aufnahmen stetig abnimmt. Was eventuell in Kiel aufgenommen wird, steht zurzeit noch nicht fest. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass es in meiner Zeit auch eine CD-Produktion oder eine wie auch immer geartete Aufnahme mit den Kieler Philharmoniker geben würde. Mich würde es freuen.

klassik-begeistert: Macht es Sinn, über ein hauseigenes CD-Label nachzudenken?

Daniel Karasek: Das ist ein hochkompliziertes und -empfindliches Gebiet, das nur der Generalmusikdirektor gemeinsam mit dem Orchester entscheiden kann.

klassik-begeistert: Das Kölner Gürzenich-Orchester hatte vor knapp 20 Jahren die großartige Idee, jedes Konzert mitzuschneiden und den Mitschnitt unmittelbar nach dem Konzert unbearbeitet auf CD zu brennen. Die Konzertbesucher konnten ihr Konzert dann sozusagen als Souvenir nach Hause tragen. Und wir Journalisten hätten daheim noch mal nachhören können, bevor ein Verriss zu Papier gebracht wird… Haben Sie eine Idee, warum hat sich Konzert-to-go nicht durchgesetzt?

Daniel Karasek: Bei der inflationären Verfügbarkeit von Tonaufnahmen sollte man die Kirche im Dorf lassen und das Live-Konzert als das Maß aller Dinge bzw. das Muss aller Dinge ansehen.

klassik-begeistert: Im Austausch mit anderen Konzertbesuchern ist mir aufgefallen: Wer Mahler mag, dem gefällt Bruckner nicht. Und wen Bruckner ergreift, dem liegt Mahler nicht. Als Bruckner-Fan kann ich das in dieser Schärfe nicht nachvollziehen, gibt es für die beschriebene Hörgewohnheit Gründe?

Gabriel Feltz: Sie sprechen ein sehr interessantes Phänomen an. Das hängt sicher mit der Musikhistorie zusammen und dem Streit im 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum zwischen den sogenannten Neudeutschen also, die ja letztendlich als Protagonisten Franz Liszt und Richard Wagner hatten und die eher konservative Schule, die in ihrer Führungsposition Johannes Brahms installierte (wobei Johannes Brahms nicht unbedingt glücklich über diese Rolle war). Wir haben bei Mahler und Bruckner Gemeinsamkeiten, aber viel, viel mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Ich finde, beide sind so unterschiedliche Welten, haben so unterschiedliche stilistische Mittel, gehen das Phänomen Symphonie auch ganz anders an, dass für mich der Abstand, je älter ich werde, zwischen Bruckner und Mahler immer größer wird. Aber deshalb muss ich nicht beurteilen. Ich bin begeistert, ich bin voller Respekt und voller Bewunderung und immer noch voller Staunen, was beide aufgeschrieben haben, was beide hörbar gemacht haben in ihren Kompositionen, so dass ich diese Trennschärfe nicht nachvollziehen kann. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

klassik-begeistert: Was für Konzertbesucher gilt, trifft sicher nicht auf die Künstler zu – oder könnte ein Dirigent sich derlei Vorlieben erlauben?

Gabriel Feltz: Es gibt viele Dirigenten, die haben sich für mehr oder weniger einen von beiden entschieden. Nehmen wir zum Beispiel Herbert Blomstedt, der ganz eindeutig bei Bruckner ist, oder eben auch Nikolaus Harnoncourt. Ich wollte auch den Dirigenten Christian Thielemann mal nennen, der sehr viel mehr Bruckner als Mahler dirigiert. Aber es gibt auch andere Kollegen, auch in der Vergangenheit, die sich weitaus extensiver Mahler als Bruckner genähert haben. Hier gilt mal der ganz berühmte Name Leonard Bernstein, vielleicht als Erster, der überhaupt sich an Bruckners Neunte mit den Wiener Philharmonikern erst gewagt hatte, als der Kollege Karajan schon verstorben war. Also es ist interessant, wie es dort Zuordnung gibt. Generell zum Wirken eines Dirigenten möchte ich anmerken, dass der Dirigent eine Art Brennglas ist für die Komposition, die interpretiert wird. Das heißt, er soll im besten Sinne die Qualität des geschriebenen Werkes hörbar machen. Und da haben Sie recht. Er sollte sich da keinerlei Vorlieben erlauben, wenn er von dem Stück überzeugt ist und glaubt, dass er dem Stück einen guten Dienst erweisen kann, indem er es aufführt, dann sollte es keinerlei Beschränkungen geben. Nur, wenn der Dirigent zweifelt, ob er der richtige Interpret für die entsprechend vorliegende Komposition ist, dann kann er vielleicht sagen, ich sollte das besser nicht dirigieren.

klassik-begeistert: Und als Intendant?

Daniel Karasek: Ich finde, dass ein Intendant Vorlieben haben kann, aber dass sich diese nicht auf die Spielpläne auswirken sollten. Denn Spielpläne sind ein gemeinsames Werk vieler Künstler und Mitarbeiter und da wäre es vermessen, wenn die Vorlieben des Intendanten dominieren würden.

klassik-begeistert: Bei so viel deutscher Romantik, welche Rolle spielt Mozart in Ihrem Leben? Kiel hat diese wundervollen Mozart-Konzerte in der Nikolaikirche. Dort das Requiem oder eine Messe von Mozart unter Ihrer Leitung, wäre das vorstellbar? Oder gar Rossini, seine Petite Messe solennelle?

Gabriel Feltz: Auch wenn mein Schwerpunkt im romantischen, spätromantischen und im Repertoire vom Anfang des 20. Jahrhunderts liegt, dirigiere ich regelmäßig Mozart, Beethoven und Haydn. Ich kann mir sehr gut vorstellen, im Rahmen der Mozartkonzerte das entsprechende Repertoire aufzuführen.

klassik-begeistert: Abschließend nochmal eine Frage zur Work-Life-Balance. Die Holsteinische Schweiz, der größte Naturpark Schleswig-Holsteins, liegt vor der Haustür. Die Landeshauptstadt selbst hat die Kieler Förde. Dort zu leben und zu arbeiten, ist das nicht wie Urlaub?

Gabriel Feltz: Ja, da haben Sie recht. In Kiel gibt es sicher deutlich mehr Lebensqualität als in vielen anderen Städten Deutschlands. Die hervorragende Luft, die Nähe zum Meer und zur Natur zu genießen, war auch ein ausschlaggebender Grund, sich für diese Stelle hier zu entscheiden.

Daniel Karasek: Im Sommer schon, aber die meisten kennen den Winter hier nicht (lacht). In der Zeit ist es ganz schön, wenn man am Theater arbeiten kann.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 24. Juli 2024, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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