Ein berührendes Andersen-Märchen beeindruckt mit  a-cappella gesungener Passion

„Passio – eine menschliche Leidenserzählung“ Solistenchor Bremen  Klosterkirche St. Marien in Lilienthal, 27. Februar 2026

Foto: Solistenchor (c) Julia Baier

„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

„Passio“ – Eine menschliche Leidenserzählung

Programm:
David Lang “The Little Match Girl Passion” für Chor und Perkussion

sowie Liedkompositionen von Max Reger, Thomas Tallis, Rudolf Mauersbergeer, Cyrillus Kreek, James MacMillan, Gregorio Allegri, Sven-David Sanström

Johannes Liedbergius  Dirigent
Solistenchor Bremen

Klosterkirche St. Marien in Lilienthal, 27.Februar 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Es müssen nicht immer die großen Konzertsäle und renommierte Orchester sein: Musikalische Preziosen findet sich nicht selten auch in unspektakulärem Umfeld. Und dazu darf man getrost den Auftritt des 2023 gegründeten Solistenchores Bremen in der schmucken kleinen Klosterkirche St. Marien im nahe Bremen gelegenen Lilienthal zählen.

Das ausschließlich aus professionellen Akteuren bestehende, 2023 gegründete Ensemble unter der künstlerischen Leitung des schwedischen Dirigenten Johannes Liedbergius setzt schwerpunktmäßig vor allem auf anspruchsvolle zeitgenössische A-cappella-Vokalmusik.

„Passio – eine menschliche Leidenserzählung“ ist ihr abendfüllendes Programm betitelt. Diese grundlegend menschliche Thematik findet sich quasi in verdichteter Form in Max Regers eingangs vorgetragener Vertonung des Gedichts „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit…“ (Matthias Claudius). Unter dem umsichtigen Dirigat von Liedbergius überzeugen die im Halbkreis unter der Kanzel positionierten 12 Sängerinnen und Sänger von Beginn an mit exzellenter Stimmkultur. Die Mischung der Einzelstimmen ist ausgewogen, Intonation und Artikulation geraten tadellos. Weit mehr noch berührt indes die ausnehmend einfühlsame, sehr genau am Text orientierte Darbietung, deren intensive Stimmung von den Zuhörern unmittelbar aufgenommen wird.

Nacherlebbare emotionale Dichte

Rudolf Mauersbergers Lied „Wie liegt die Stadt so wüst“ (der Text ist den biblischen Klageliedern Jeremiae entnommen) betont Düsternis und Vergänglichkeit in einem erschreckend aktuellen Maß. Die einzelnen Stimmen greifen in nuancierter Dynamik sauber fließend ineinander, der expressive A-cappella-Gesang macht Zerstörung, Hoffnungslosigkeit und Trauer hochgradig nacherlebbar.

„Mu Jumal!“, ein Stück aus „Taaveti laulud“ (Sieben Psalmen Davids) des estnischen Komponisten Cyrillus Kreek, zitiert den 22. Psalm mit dem verzweifelten Ruf des Gekreuzigten „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“. Die emotionale Dichte des Geschehens, wird durch den äußerst gefühlvoll dargebotenen Gesang eindringlich vermittelt. Gleiches geschieht auch beim „Tenebrae“ (Finsternis) von James MacMillan: Schmerzensschreie, Angst und Resignation bringen die feinsinnig gestaltenden Ausführenden gleichermaßen intensiv zum Ausdruck; letztendliche Schicksalsergebenheit äußert sich in einem überaus zarten Moriendo.

Foto: Solistenchor (c) Julia Baier

Ein Märchen als Passion

Im Mittelpunkt der zweiten Konzerthälfte steht die 2008 mit dem Pulitzer-Preis für Musik bedachte Passion für Chor und Perkussion „The Little Match Girl Passion“ des amerikanischen Komponisten David Lang. Es ist eine Vertonung des bekannten Andersen-Märchens vom Mädchen mit den Schwefelhölzern. Lang hat sich zudem von Bachs Matthäus-Passion inspirieren lassen. Das vereinzelt von dezenter Perkussion begleitete musikalische Material ist schlicht, einzelne Worte oder kurze, inhaltsschwere Satzelemente des englischen Textes werden nicht selten in eindringlicher Weise vielfach wiederholt (zum besseren Verständnis wird abschnittsweise auch das originale Märchen vorgelesen). Aber gerade diese Beschränkung auf das Wesentliche lässt die so unendlich traurige Geschichte, diese Leiden eines kleinen verlorenen Mädchens bildhaft werden. Und ist zugleich Ausdruck menschlichen Leidens schlechthin.

Die teils dissonanten Klänge und Harmonien mögen mitunter fremd anmuten, doch die ungemein dichte Stimmung kommt an; das auf gewiss ungewöhnliche Weise mit der Passion Christi verbundene Märchen fasziniert und berührt; seine Inhaltsschwere überträgt sich in ihrer universalen, tiefen Bedeutung, wird zur unmittelbar erlebten Passion.
Wie eine Klammer umschließt Regers bereits eingangs vorgetragener Geistlicher Gesang das ergreifende Konzert, diesmal mit Betonung des tröstlichen letzten Textteils „Es ist nur einer ewig und an allen Enden – und wir in seinen Händen.“

Für einige Zeit herrscht völlige Stille im Kirchenraum. Dann, als wäre es ein befreiendes Aufwachen, bedanken sich die begeisterten Zuhörer mit langem Beifall für diese wahrhaft bemerkenswerte chorische Leistung. Zwei optimistischer gestimmte Zugaben folgen: ein Abendsegen des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara und ein inniges Abendgebet des schwedischen Tonsetzers Sven-David Landström.

Dr. Gerd Klingeberg, 28. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Karl Jenkins, The Armed Man: A Mass for Peace  Herz-Jesu-Kirche München, 21. November 2025

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