Ich verbinde Musik mit Pflanzen in Masako Ohtas My Music Garden

Piano: Masako Ohta   Schwere Reiter, München, 24. Januar 2026

Masako Ohta © Miroslaw Sadecki-Trampler

Das Wunderbare am Abend ist, dass das Publikum jedes Mal die Stille nach dem verhallenden letzten Ton eines Stücks in den Saal in den eigenen Körper hineinsinken lässt, solange die Pianistin die Spannung an den Tasten aufrechterhält. Das produziert eine feinsinnige Atmosphäre. Den großen Respekt für jeden der Töne, den ich an diesem Abend höre.

In Dialogue… My Music Garden

Toshio Hosokawa (*1955): Melodia II (1979)
John Cage (1912 – 1992): In a Landscape (1948)
Johannes Brahms (1833 – 1897): Intermezzo A-Dur, Op. 118 No. 2 (1893)
Claude Debussy (1862 – 1918): Clair de Lune (1890)
Mamoru Fujieda (*1955): Patterns of Plants: »Tea Patterns«: Pattern B »Yabe« (2017)
Franz Schubert (1797 – 1828): Impromptu Ges-Dur, Op. 90 No. 3 (1827)
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -1791): Fantasie D-Moll KV 397 (1782/85)
Fumio Yasuda (*1953): Rain Choral (2004)
Frédéric Chopin (1810 – 1849): Nocturne, Op. 55 No.1 in F Minor (1843)
Toshio Hosokawa (*1955): Souvenir from Japan: Sakura (2007)
Bernd Alois Zimmermann (1918 – 1970): Extemporale: Präludium (1943)

Johan Sebastian Bach: Präludium und Fuge in C-Dur, BWV 846 (1722, Zugabe)

Piano: Masako Ohta

 Schwere Reiter, München, 24. Januar 2026

von Frank Heublein

Vierzehn Tagen vor diesem Abend waren die Winter-Haiku dran. Japanische Lyrik, zu denen Masako Ohta Musikstücke aussucht, vielmehr in sich eine Beziehung zwischen Lyrik und Musik entwickelt. An diesem Abend rückt Masako Ohta ihr neues Album My Music Garden in den Mittelpunkt. Im ausverkauften Saal im Schwere Reiter setzt sie jedoch ein ihr eigenes Detail hinzu: In Dialogue… My Music Garden heißt, dass sie bei manchen Stücken eine Improvisation integriert. Einige Stücke des Albums sind mit Haiku verbunden. Wenn, dann liest Masako Ohta diese zweisprachig vor Beginn des Stücks.

Die Verbindung von japanischen und europäischen Einflüssen und Musik, dazu Ohtas vielschichtiges Wirken, das von japanischem und europäischem Barock bis zu zeitgenössischer Klassik, Jazz und Improvisation ein sehr breit gefächertes Spektrum aufweist. All das präsentiert mir die Pianistin an diesem Abend.

Masako Ohta, My Music Garden © Winter & Winter GmbH

Das Wunderbare am Abend ist, dass das Publikum jedes Mal die Stille nach dem verhallenden letzten Ton eines Stücks in den Saal in den eigenen Körper hineinsinken lässt, solange die Pianistin die Spannung an den Tasten aufrechterhält. Das produziert eine feinsinnige Atmosphäre. Den großen Respekt für jeden der Töne, den ich an diesem Abend höre. Ich vermute, jedes Mal spürt Masako Ohta in sich selbst hinein, ob sie für eine Improvisation bereit ist.

Masako Ohta © Miroslaw Sadecki-Trampler

Ich probiere aus, die Musik als Teil eines Gartens zu hören. Möglicherweise liegt mir das so nahe, da ich vor kurzen den inspirierenden Film Silent Friend im Kino gesehen habe. Darin spielt ein Ginkobaum eine große Rolle. Minutenlang stumm, majestätisch und mir zugewandt im Bild. Das erste Stück ist nicht auf der aktuellen Platte, sondern auf My Japanese Heart veröffentlicht.  Für mich ist es die klanglich mutige Gärtnerin Masako Ohta, die liebevoll zärtlich die zerbrechlichen Pflänzchen durchs Gatter betrachtet. Sie schließt mit den Tönen Hosokawas Melodia II ihr Gartentor auf.

Zuerst zeigt sie mir mit John Cages In a landscape einen kleinen Bach, den ihr Garten durchfließt. Oder sind es Gräser im Wind? Die darauffolgende Improvisation fusioniert Cage mit dem Klangbild, dass ich davor von Hosokawa im Ohr habe. Der Bach wird leicht gestaut, sucht sich seinen Umweg. Es folgt die winterliche Vorstellung eines blühenden Blütenstocks im Sonnenlicht – Brahms Intermezzo. Hier assoziiere ich mit der Improvisation die ersten Triebe, die der Blütenstock im nahenden Frühling sprießen lässt. In der Improvisation vor Debussys Clair de Lune höre ich das Saatkorn, dass sprießen will. In Debussys Stück geht es auf, spiegelt der Spross sich im Mondschein. Bei Mamoru Fujiedas Pattern B »Yabe« sehe ich einen Schatten spendenden Baum vor mir. Schuberts Impromptu Ges-Dur ist ein Lieblingsstück von mir, als rauschende Bambuswaldblätter höre ich es auf eine neue mich anrührende Weise.

Masako Ohta © Miroslaw Sadecki-Trampler

Nach der Pause beginnt Ohta den zweiten Teil mit Mozarts Fantasie d-Moll. Eine Pflanze streckt sich, windet sich stets dem Licht entgegen. Die anschließende Improvisation höre ich als weiteres streckendes Winden. Wurde die Pflanze gedreht? Das Licht kommt aus einer ganz anderen Richtung. In Fumio Yasudas Rain Choral saugen sich Wurzeln voll Nährstoffe, die sie nach oben weitergeben. In Frédéric Chopin Nocturne in f-Moll schlingen sich zwei Pflanzstränge umeinander. In Toshio Hosokawas Souvenir from Japan: Sakura verleiht Ohta durch das Angreifen der Saite dem angespielten Ton einen japanischen Instrumentenklang. Das unsichtbare Wachsen eines Baumes. Bernd Alois Zimmermanns Präludium verbinde ich mit einem ersten Gedanken an den Herbst. Noch ist es Sommer, das Verblühen deutet auf die kommende Jahreszeit. In der Zugabe spielt Masako Ohta ein Bach Präludium. Ein Bachlauf, die sprudelnde feuchte Lebensader in Ohtas weitläufigem musikalischem Garten.

Ein großartiger Rundgang. Masako Ohta zeigt mir an diesem Abend ihren üppigen Garten. Sie vermittelt mir ihren emotionalen Zugang zur Musik als inniges Angebot.

Frank Heublein, 26. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Hier können Sie die CD My Music Garden von Masako Ohta direkt beim Label kaufen: https://www.winterandwinter.com/index.php?id=2147#c96

Haiku-a-la-vier Winter 2026 Masako Ohta Anthroposophischen Gesellschaft, München, 10. Januar 2026

Nozomi – Masako Ohta, Piano, Matthias Lindermayr, Trompete Schwere Reiter, München, 13. Februar 2025

Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki Dirigent, Bach-Kantaten Kölner Philharmonie, 1. November 2022

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