Fotos: Wiener Philharmoniker (c) scheffold-media
Gemeinsam mit Karina Canellakis und ihrer hauseigenen Solistin Albena Danailova brachten die die Wiener Philharmoniker ihren verzaubernden Klang ins Festspielhaus auf der verschneiten Alpenwiese im malerischen Tiroler Erl. Insbesondere Beethovens zweite Sinfonie wurde zu einem der berührendsten Momente der jüngeren Konzertgeschichte.
Wiener Philharmoniker
Albena Danailova, Violine
Karina Canellakis, Dirigat
Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Ludwig van Beethoven
Tiroler Festspiele Erl, 25. Januar 2026
von Johannes Karl Fischer
Erst zum zehnten Mal überhaupt in ihrer mittlerweile 180-jährigen Geschichte würden die Wiener Philharmoniker heuer im Bundesland Tirol konzertieren, verkündete Geschäftsführer Hans Peter Haselsteiner stolz bei seiner Einführungsrede. Nun ja, es gibt anderseits auch so einige Ecken der Welt, da würde man sich überhaupt mal ein einziges Konzert dieses einzigartigen Orchesters wünschen…und kann ganz nebenbei auch nicht mit dem Railjet Express einfach mal schnell in deren Sommerresidenz nach Salzburg fahren. Tiroler Luxusprobleme. A Bisserl’ Lokalpatriotismus darf auch sein.
Philharmonikerzauber im malerisch verschneiten Erl
Trotz oder vielleicht gerade wegen des leicht abgelegenen Ortes mitten auf einer weiß beschneiten grünen Wiese im malerischen Tiroler Erl wurde dieses Konzert zu einem der magischsten Momente der jüngeren Klassikgeschichte. Stichwort weiß beschneit: Die Natur hätte wohl kaum ein passenderes Präludium zu Beethoven bieten können als mit ein paar sanft von Himmel fallenden Schneeflocken. Eine kleine Reise in die Uraufführungsära dieser Sinfonien, damals war der Weg in den Konzertsaal noch wesentlich öfter schneebedeckt als zu Zeiten des Klimawandels.

Canellakis zündet den Beethoventurbo
Und die Musik war nicht weniger spektakulär als die Atmosphäre. Insbesondere Beethovens zweite Sinfonie beleuchteten die Musiker hier in gänzlich neuem Schein. Eigentlich ein recht unspektakuläres Werk, doch zauberte Dirigentin Karina Canellakis aus dieser Partitur einen mitreißenden Beethoven-Rausch. Rasch in der Tat stürzte sie das Orchester schon in die Einleitung, ehe die zugigen Melodien dieses Werk flott durch den Saal tanzten. Frau Canellakis zündete in diesen altbekannten, in Konzertprogrammen auf und ab gespielten Melodien eine völlig neue Energie, ließ die vielen sanften Töne dieses Werk dennoch stets charmant und wienerisch elegant den Abend schmücken.
Dieses feurige Dirigat setzten die Musiker mit makelloser Präzision um. Insbesondere Soloklarinettist Matthias Schorn kostete mit dem glanzvollen Klang seines Instruments jeden Ton aufs Feinste aus, während auch die Streicher ihren gewohnt zauberhaften Klang auf der musikalischen Zunge zergehen ließen. Konzertmeisterin Albena Danailova zog die langen melodischen Bögen souverän über die Bühne und ließ ihre Liebe zu dieser Musik sicht- und spürbar in die musikalischen Herzen des Publikums strahlen.

Mendelssohn mit großem Ton
Frau Danailova trat vor der Pause auch als Solistin des Mendelssohn Violinkonzerts auf. Auch hier holte sie mit großem Ton wunderbar die berührenden musikalischen Emotionen aus den Melodien. Leider hatte sie an der einen oder anderen Stelle hörbare Intonationsprobleme, bei ihrem derzeitigen Pensum – erst am Mittwoch hatte sie in Hamburg gleich mehrere mindestens genauso fordernde Konzertmeistersoli von Richard Strauss spektakulär gespielt – sei es ihr allerdings verziehen.

Als Eröffnungswerk hatte man noch Mendelssohns Sommernachtstraumouvertüre gespielt. Auch hier spürte man die astrein klingenden Flötenakkorde in die musikalische Seele eindringen und die fetzigen Streicherläufe eine namenlose Freude im Saal verbreiten. Leider ist auch dieses Haus anscheinend nicht immun gegen die immer zahlreicher klingelnden Handys: In diesem gerade mal 12-minütigen Werk versuchten gleich an mehreren Stellen ein paar elektronische Geräte im Publikum offenbar einen nicht von Mendelssohn vorgeschriebenen Kontrapunkt zu spielen. Das stört!
Erl steigt an die Klassikspitze
Alles in allem: Nach diesem Beethoven-Zauber verließ man das Erler Festspielhaus völlig verzaubert in die märchenhafte Tiroler Winternacht. Mit diesem musikalischen Paukenschlag erhebt Intendant Jonas Kaufmann – der, ganz nebenbei, in der Pause im Foyer rumlief – sein Festspielhaus auf der grünen Wiese mal wieder an die Spitze der Klassikwelt.
Johannes Karl Fischer, 25. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Liederabend Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch Wiener Konzerthaus, 12. Januar 2026
Wiener Philharmoniker, Daniel Harding, Dirigent Elbphilharmonie, Hamburg, 20. Januar 2026