Das Ballett Cracovia Danza tanzt den ukrainischen Hopak

Das Ballett Cracovia Danza tanzt den ukrainischen Hopak

Foto: Romana-Agnel-fot.Innee-Singh-New-Delhi (c)

Kann man gleichzeitig kämpfen und tanzen? Wenn ja, denn beim Hopak. Dieser und andere ukrainische Tänze gehören zu dem Repertoire des professionellen Hofballetts Cracovia Danza aus Krakau. Seine Gründerin und künstlerische Leiterin sowie Tänzerin, Choreographin, Tanzpädagogin und Kunsthistorikerin Romana Agnel ist unseren Lesern schon bekannt. Sie erzählt von den vergangenen und bevorstehenden Tanzprojekten des Ensembles, die sich auf die polnisch-ukrainische Kultur beziehen.

von Jolanta Łada-Zielke

klassik-begeistert: Seit wann hat das Hofballett Cracovia Danza ukrainische Volkstänze im Repertoire?

Romana Agnel: Schon seit langem. 2002 machten wir das Projekt „Ballet des nations“ (Ballett der Nationen). Diese Aufführung präsentierte die Tanzkultur des 18. Jahrhunderts in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Damals zeigten wir zum ersten Mal eine choreografische Form des Kosakentanzes aus dieser Zeit. Ich lernte ukrainische und huzulische Tänze bereits während meines Studiums in Paris kennen, darunter den Hopak. Diese gehören zu den sogenannten charakteristischen Tänzen, auf die ich mich spezialisiere. Das Thema lag mir immer am Herzen, weshalb ich mit Leichtigkeit und Freude eine solche Choreographie gestaltet habe. Für den Kosakentanz habe ich mir ein spezielles Kostüm fertigen lassen.

 klassik-begeistert: Das „Ballet des nations“ war aber nicht das einzige derartige Projekt?

Romana Agnel: Später lud uns die Nationalphilharmonie in Warschau ein, an einem Bildungsprogramm teilzunehmen, das den charakteristischen Tänzen Mitteleuropas gewidmet ist, während dessen wir ukrainische Tänze zu live gespielter Akkordeonmusik präsentierten. Wir organisierten auch einen Tanztag, kombiniert mit einer Aufführung von den für unsere Region charakteristischen Tänzen. Wir führten ukrainische, hauptsächlich den Hopak und huzulische Tänze auf. Dann fingen wir eine Zusammenarbeit mit dem „Teatr Piosenki” (Liedertheater) an, mit dem wir die „Mathematische Oper“ vorbereitet haben, die ukrainische Themen berührt.

In der Ukraine lebten und arbeiteten große Mathematiker wie Stefan Banach, der Krakau und Lwiw verbindet. In dieser Aufführung präsentierten wir eine ganze Reihe ukrainischer Tänze. Die Uraufführung fand in Breslau statt.  Wir  spielten sie ebenfalls an der Jagiellonen-Universität Krakau während einer wissenschaftlichen Konferenz über Mathematik. Das dritte Projekt war das Theaterstück „Kozaki“ (Kosaken) unter der Regie von Leszek Rembowski, dem Spezialisten für charakteristische Tänze. Der Musikwissenschaftler Maciej Prohaska rekonstruierte dafür eine Ballettkomposition vom Ende des 18. Jahrhunderts, die das Warschauer Ballett in seinem Repertoire hatte. In der Partitur entdeckten wir viele interessante Varianten von  Kosakentanz, Hopak und mehrerer ungarischer Tänze. Die Vorstellung hatte ihre Premiere im Jahr 2021, vorausgegangen waren lange Vorbereitungen in Bezug auf Choreografie und Kostüme, weil wir all diese Tänze im Stil des 18. Jahrhunderts treu zeigen wollten.

(c) Tomasz Korczyński

 klassik-begeistert: War der Kosakentanz populär in Europa?

Romana Agnel: Dies bestätigt unsere Entdeckung, die wir in unser Repertoire aufgenommen haben. Es ist ein Salontanz la cosaccafür drei Personen, der in einem Traktat des französischen Tanzmeisters Saint Leon von 1830 in Paris zu finden ist. Im 19. Jahrhundert gehörte der Kosakentanz zu den polnischen Nationaltänzen und war in Salons und Gutshöfen bekannt. Viele Komponisten schrieben Stücke im Rhythmus von diesem Tanz. Diesen tanzte man obligatorisch auf Bällen. Vielleicht sah es im 18. Jahrhundert nicht so gewagt aus wie heute, wenn es von den ukrainischen Ensembles aufgeführt wird, aber es war eine Herausforderung für Damen und Herren. Der Kosakentanz erfordert eine enorme körperliche Fitness, ist lebhaft, hat ein zweifähiges Metrum und enthält akrobatische Elemente. Er beginnt mit einem langsamen, lyrischen Fragment und gewinnt dann an Schwung.

 klassik-begeistert: Im Südostpolen kennt fast jeder den Kosakentanz. Wie unterscheidet sich der Hopak von ihm?

Romana Agnel: Wie der Name sagt, ist er mit „hopaty“ verwandt, was auf Ukrainisch „springen” bedeutet. Er stammt aus Sitsch – dem Sitz der Saporoscher Kosaken. Es wurde der Kampfkunst nachempfunden, die auch Hopak genannt wird. Er enthält Elemente verschiedener Kampfarten, zum Beispiel von einem Nahkampf oder mit Säbeln, erfordert also auch die körperliche Fitness. Aus dem Hopak entwickelte sich der Kosakentanz, der als weniger anstrengend gilt, an dem sogar Frauen oder Paare teilnehmen. Der Hopak und der Kosakentanz sind die Grundlagen der ukrainischen Suite.

(c) Tomasz Korczyński

klassik-begeistert: Frauen durften die Saporoscher Sitsch nicht betreten, also tanzten sie sicherlich nicht den Hopak. Dürfen sie das heute tun?

Romana Agnel: Das Prinzip der ukrainischen Tänze ist, dass Frauen und Männer sie getrennt aufführen. Frauen geben an, indem sie sich drehen oder mit kleinen Schritten laufen. Die Röcke der ukrainischen Tracht sind eng und ermöglichen keine ausladenden Bewegungen. Männer springen hoch, führen sogar akrobatische Figuren wie das Drehen oder Spinnen in der Luft vor. Aber es kommt vor, dass Männer und Frauen paarweise tanzen und ähnliche Figuren, wie bei Krakauern Tänzen, zum Beispiel die Hołubce (Absatz gegen Absatz in der Luft schlagen).

Der Hopak aufgeführt von einem Paar aus dem Ballett Cracovia Danza:

Der Hopak ist ein Kampftanz, und heute verteidigen die Ukrainer ihre Heimat. Es ist sehr zeitgemäß, diesen Tanz auf der Bühne aufzuführen.

Romana Agnel: In Polen gastiert jetzt das Pavlo Virsky Ukrainian National Folk Dance Ensemble, das ihre Tournee bereits vor dem Krieg begann. In der gegenwärtigen Situation präsentiert die Gruppe ukrainische Tänze mit noch mehr Enthusiasmus, Überzeugung und Hingabe als sonst, besonders die Tanzarten, die sich auf Tapferkeit beziehen. Im Moment können sie nicht in ihre Heimat zurückkehren, ebenso wenig wie das Kiewer Opernensemble, die in Paris weilt. In der Ukraine gibt es, genauso wie in Polen, viele Volkstanzgruppen. In Kiew befindet sich ein Nationales Tanzzentrum, das Tanzkunst auf sehr hohem Niveau präsentiert. Die ukrainische Regierung unterstützt finanziell alle Aktivitäten zur Pflege des kulturellen Volkserbes dieses Landes. Jetzt haben die Tanzgruppen ihre Aktivitäten eingestellt und die Tänzer, sogar einige Tänzerinnen  greifen zu den Waffen. Kürzlich hat uns die Nachricht über den tragischen Tod des ersten Solisten des Kiewer Opernballetts Artem Datsishin erschüttert, der sich in den ersten Kriegstagen sich dem Kampf angeschlossen hat und gefallen ist.

(c) Tomasz Korczyński

klassik-begeistert: Wie hilft der Ballett Cracovia Danza den Flüchtlingen aus der Ukraine?

Romana Agnel: Wir spenden für die Ukraine das Einkommen von unserem Tanzspektakel „Das Schachspiel“, die wir am 29. März im Varieté-Theater in Krakau aufgeführt haben. Wir haben ukrainische Kinder zu der Vorstellung eingeladen, und das Programm ins Ukrainische übersetzt. Es gab auch Freikarten für Ukrainer in Krakau und für die Familien, die sie unterbringen. Wir denken auch darüber nach, getrennte Tanzstunden für ukrainische Kinder und ihre Mütter zu organisieren, die sich ein wenig von der Realität des Flüchtlingsdaseins lösen möchten. In unserem neuen Sitz haben wir zwei Ballettsäle zur Verfügung. Im April nehmen wir an der vom Nationalen Institut für Musik und Tanz in Polen veranstalten Kampagne „Tańczymy“ (Wir tanzen) teil, indem wir die Tanzkurse für ukrainische Kinder organisieren. Bei dem Happening „Das Ballett in der Stadt“ werden wir den Kosakentanz in den Straßen von Krakau mehrmals tanzen. Dies wird unser Geschenk für die ukrainischen Nachbarn sein, besonders für dortige Tänzer. Der Internationale Tag des Tanzes ist ein Fest, das alle verbindet. Dieses Jahr fällt es den Ukrainern schwierig, das mitzumachen.

 

klassik-begeistert: Bietet Ihr euren ukrainischen Kolleginnen und Kollegen auch eine berufliche Unterstützung an?

Romana Agnel: Die Künstler aus der Ukraine melden sich ständig bei uns, also werden wir sie in unsere Projekte einbeziehen, von denen wir die meisten kurzfristig organisieren. Wir sind bereit, ukrainische Kolleginnen und Kollegen für unseren Ballett- und klassischen Tanzunterricht aufzunehmen. Wenn eine Choreografin oder ein Choreografen Lust hat, mit uns zusammenzuarbeiten, sind wir offen. Wir haben ukrainische Kostüme von früheren Aufführungen. Unsere Adresse befindet sich in der für die  Ballettkünstlern und Tänzern erstellten  Datenbank. Im diesjährigen Festival der Hoftänze in Krakau präsentieren wir Ausschnitte aus der Vorstellung „Kozaki“, um den Einfluss der ukrainischen Kultur und Kunst auf die polnische Ballett- und Tanztradition auch im 18. Jahrhundert aufzuzeigen. Es ist sehr wichtig, weil das die ständige Präsenz der Ukraine durch den Tanz auf der kulturellen Landkarte Europas nachweist.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jolanta Łada-Zielke, 31. März 2022, für
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