Silvia Azzoni und Alexandre Riabko beim Interview am 18. Februar 2025 (Foto: RW)
Wir haben mit den von John Neumeier initiierten Reisen weltweit sehr vielen Leuten zeigen können, was wir hier in Hamburg auf die Bühne stellen. Ich fand es wichtig, nur mit unseren Körpern, mit dem Tanz, Gefühle anderen Menschen zu vermitteln, die sie sonst nicht verstanden hätten.
klassik-begeistert im Gespräch mit Silvia Azzoni und Alexandre Riabko, den Weltstars auf der Ballettbühne, Teil III
von Dr. Ralf Wegner
Warum ist die Stange beim Ballett so wichtig?
klassik-begeistert: Wie haben Sie es geschafft, ihr physisch-technisches Leistungsvermögen noch deutlich über das 40. Lebensjahr hinaus zu erhalten, zum Beispiel als Des Grieux in der Kameliendame im letzten Jahr oder vor kurzem als Drosselmeier im Nussknacker oder als Aschenbachs Konzepte?
Alexandre: Ich kann natürlich von Glück sprechen, dass mein Körper das alles mitgemacht hat. Das hat bis zu einem gewissen Punkt aber auch mit Disziplin zu tun, die ich bei meinen Lehrern in Kiew und auch in Hamburg beigebracht bekommen habe. Es geht darum, verantwortungsvoll mit dem eigenen Körper umzugehen. Das heißt, jeden Morgen an der Stange zu stehen, und zwar nicht um hinterher zu springen oder Pirouetten zu drehen, sondern nur, um den Körper behutsam auf den Tag vorzubereiten. Der Kopf muss dabei mitarbeiten, er muss kontrollieren, was und wie du es machst. Während der Coronazeit hatten wir zudem Zeit, um uns mit dem Problem der körperlichen Regeneration auseinanderzusetzen, zum Beispiel mit Yoga, Pilates oder anderen Formen. Das hat viel dazu beigetragen, dass ich meinen Körper weiterhin technisch belasten kann.
klassik-begeistert: Ich habe mich immer gefragt, was mit Aschenbachs Konzepten in Neumeiers Tod in Venedig wohl gemeint sein könnte. Da Sie diesen Part premiert und immer wieder getanzt haben, könnte Ihnen evtl. eine Erklärung leicht fallen?
Alexandre: Ich erinnere mich noch genau an die Kreationszeit. Silvia und ich waren mit Lloyd Riggins im Ballettsaal und John hat mit uns stundenlang geprobt. Er sah uns als Kreationen, die ihm durch den Kopf gingen. Anfangs dauerte dieser Teil nicht wie jetzt 15 Minuten, sondern eine halbe Stunde. Die Konzepte sind Aschenbachs Einfälle, die er im Schlaf oder sonst als eine Art Vision hat.
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Der Benois de la Danse
klassik-begeistert: Für Sie wurde 2016 extra eine neue Kategorie des Benois de la Danse eingeführt: Exzellenz beim Partnern. Können Sie uns etwas Näheres dazu sagen?
Alexandre: Wir sind damals viele Male in Moskau gewesen und ich kenne auch die Organisation gut. Dort treffen sich viele für die Kunst und vor allem für das Ballett begeisterte Leute. Meine Frau und ich haben dort viel zusammen getanzt. Für mich war der Preis weniger wichtig als der besondere Austausch mit neuen und vielfältigen Choreographien, die man dort sehen konnte. Das war für uns sehr spannend, was zum Beispiel in Australien oder in Paris Neues passiert. Das gibt es jetzt leider nicht mehr bzw. nur noch in einem kleinen abgeschlossenen Kreis.
klassik-begeistert: Sie werden ja Ende März mit dem Hamburger Ballett noch nach Peking reisen und dort im Sommernachtstraum als Zettel/Pyramus auftreten. Was bedeuten für Sie diese Reisen mit dem Hamburg Ballett?
Alexandre: Ich empfinde es immer noch als eine sehr besondere Sache, die John mit den Reisen initiiert hat. Wir haben damit weltweit sehr vielen Leuten zeigen können, was wir hier in Hamburg auf die Bühne stellen. Ich habe diese Reisen immer als ein sehr großes Privileg für uns Balletttänzer empfunden. Ich fand es wichtig, nur mit unseren Körpern, mit dem Tanz, Gefühle anderen Menschen zu vermitteln, die sie sonst nicht verstanden hätten. Überall in der Welt erlebten wir starke Reaktionen auf unsere Arbeit. Zur Coronazeit hatte ich gedacht, dass wir nie wieder nach China fliegen würden. Das hat sich zum Glück nicht bestätigt.
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Besetzungsfragen
klassik-begeistert: Können Sie uns etwas Grundsätzliches über die Rollenbesetzungen beim Ballett sagen? Wer nimmt die vor? Haben die Tänzerinnen und Tänzer auch einen Einfluss darauf? Ist es jetzt unter der neuen Intendanz anders als vorher bei John Neumeier? Auch hinsichtlich der Besetzung der Neumeierballette?
Alexandre: Es ist die Aufgabe des Ballettdirektors, mittels der Besetzungen die Companie zu gestalten. Der Direktor will natürlich auch, dass alle seine Tänzer gesehen werden, und alle Tänzerinnen und Tänzer wollen zudem so viel wie möglich tanzen. Das war bei John so und ist auch jetzt so bei Demis Volpi. Es ist zwar klar, dass der eine oder andere denkt, er hätte gern dieses oder jenes getanzt. Ich empfand es aber unter John oder jetzt unter Demis als gerecht. Man kann auch an sich arbeiten, wenn man nicht als erste, zweite oder dritte Besetzung auf dem Plan steht. Das wird gesehen und irgendwann wird man für die gewünschte Rolle ausgewählt.
klassik-begeistert: Sie sind ja auch häufig in anderen Ensembles als Gast aufgetreten. Welches sind die Unterschiede zum Hamburg Ballett, oder gibt es gar keine?
Alexandre: Ich hatte das Glück mit dem australischen und dem kanadischen Ballett zu tanzen, und wir studierten mit anderem Companien auch Stücke von John Neumeier ein. Es gibt zwar Unterschiede, aber im Grundsatz arbeiten alle Companien gleich. Alle Tänzerinnen und Tänzer waren immer sehr neugierig und engagiert, sie zeigten vor allem Interesse daran, dass für John jeder Schritt eine Bedeutung hat.
klassik-begeistert: Gibt es etwas, was sie jüngeren Tänzern für ihren Lebensweg raten würden?
Alexandre: Jeder muss die Dinge, die er vorhat, mit Begeisterung machen. Selbst wenn es Stunden dauert und am Ende des Tages stockdunkel ist. Ein Tänzerleben kann sehr kurz sein, da muss jede Minute Spaß machen. Man muss mit dem ganzen Herzen dabei sein.
klassik-begeistert: Haben Sie noch Kontakt mit anderen Tänzerinnen und Tänzern, die ausgeschieden sind oder nicht mehr tanzen?
Alexandre: Ja natürlich, wir sind, wie man sagt, eine große kleine Familie. Es sind ehemalige Tänzer, die Freunde geblieben sind und jetzt in England oder Italien arbeiten.
Sprachverständigung und Leben in Hamburg
klassik-begeistert: Sie kommen aus der Ukraine, ihre Frau aus Italien, wie haben sie beide sich anfangs sprachlich verständigt und wie ist es jetzt?
Alexandre: Als ich aus der Ukraine kam, sprach ich kaum Fremdsprachen, am Anfang hat mir ein Freund geholfen, der russisch sprach. Es hat wohl ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich einigermaßen verständigen konnte. In der Companie sprechen wir meistens englisch, weil diese sehr international aufgestellt ist. Silvia und ich haben uns am Anfang deshalb auch auf Englisch unterhalten. In der Ballettschule hatten wir aber auch schon Deutschunterricht. Durch unsere Tochter, die hier zur Schule geht, sprechen wir natürlich auch zu Hause eher deutsch.
klassik-begeistert: Gibt es Pläne für die Zeit nach dem Ballett?
Alexandre: Wir planen natürlich auch für die Zukunft. Was daraus wird, wird man sehen. Wir schätzen uns glücklich, dass unsere Körper so lange mitmachen. Wir bleiben neugierig und freuen uns auf neue Projekte, auch auf das von Demis. In dieser Spielzeit kamen schon viele neue Choreographen und wir werden sehen, was uns die nächsten Jahre bringen.
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klassik-begeistert: Liebe Silvia, Sie haben in einem Fragebogen mal geantwortet, dass Sie, wenn sie keine Tänzerin wären, gerne den Arztberuf ergriffen hätten. Warum?
Silvia: Ja. Ich war als kleines Mädchen sehr interessiert an Körpern, an Tieren. Ich interessierte mich dafür, wie der Körper im Inneren gebaut ist. Ich war manchmal als Assistentin bei einem Tierarzt, ich hatte keine Angst vor Blut, Instrumenten oder vor dem Schneiden. Daraus wurde dann allerdings nichts, ich fand es aber wirklich spannend.
klassik-begeistert: Was gefällt Ihnen an Hamburg, was weniger?
Silvia: Das Wetter, weniger (lacht). Als Italienerin vermisst man die Sonne und die Wärme. Aber ich finde Hamburg hat sich wirklich verändert. Als ich Anfang der 1990er Jahre kam, hatte ich das Gefühl von einer ganz kleinen Stadt, die sehr verschlossen war. Als Ausländerin war es schwer, sich einzufinden. Das hat sich geändert. Hamburg ist mittlerweile eine Metropole geworden, sehr international, sehr kulturbewusst. Und ich muss sagen, seit unsere Tochter geboren ist, und wir Kontakt fanden über den Kindergarten und die Schule zum außertänzerischen Bereich, hat es unsere Augen weiter geöffnet. Ich fühle mich wirklich zu Hause in Hamburg.
klassik-begeistert: Liebe Silvia Azzoni und lieber Alexandre Riabko, wir bedanken uns für dieses sehr informative Gespräch und wünschen Ihnen und ihrer Familie für die Zukunft die Erfüllung all Ihrer Pläne und vor allem weiterhin Gesundheit und Freude am Neuen. Wie schön, dass wir Sie auf der Hamburger Ballettbühne weiterhin sehen und erleben dürfen.
Dr. Ralf Wegner, 28. Februar 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at