Ich werde spektakulär unterhalten von Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten"

Nikolai Rimski-Korsakow Die Nacht vor Weihnachten  Nationaltheater, München, 29. November 2025 PREMIERE

Foto: Tanzel Akzeybek als Teufel © Geoffroy Schied

Ich sehe an diesem Abend einen Prototyp der unterhaltsamen Oper. Das gesamte künstlerische Team zieht für diese Produktion an diesem Abend ihre Register gekonnt. Es im besten Sinne eine wunderbar facettenreiche und spektakuläre Show – inklusive maximal prächtigem Happy End.

Die Nacht vor Weihnachten
Ein wahres Weihnachtslied. Oper in vier Akten (1895)

Komponist Nikolai Rimski-Korsakow
Libretto vom Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol.


Musikalische Leitung Vladimir Jurowski
Inszenierung Barrie Kosky

Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor

Nationaltheater, München, 29. November 2025 PREMIERE

von Frank Heublein

An diesem Abend steht im Nationaltheater die erste Premiere der Spielzeit im großen Opernhaus Münchens auf dem Spielplan. Die Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow. Der Komponist hätte sich früher an den Stoff gewagt, hätte diesen nicht Pjotr Tschaikowski 1874 vertont. So nahm sich Rimski-Korsakow dieser Geschichte von Nikolai Gogol nach dessen Ableben an.

Was macht Rimski-Korsakow daraus? Sehr gute und an diesem Abend äußerst vielfältige Unterhaltung. Im ersten Teil suche ich noch nach einem Handlungs- und Wirkungsbogen, besser: nach tieferem Sinn. Dieses mein Denken stört, ach! meinen Genuss. Deshalb gebe ich mich im zweiten Teil einfach hin und genieße üppige Szenen voll eindrucksvoller Momente inklusive Happy End.

Damit dieser Abend gelingt, müssen die vielen „Rädchen“ Chor, Akrobatik, Ballett, Orchester, Solisten, Inszenierung geschmeidig ineinandergreifen. Sonst würde es schnell langweilig. Besonders im ersten Teil sind die Szenen lang. Vladimir Jurowski verstetigt Rimski-Korsakows Musik mit dem Bayerischen Staatsorchester zu einem Fluss mit immer ausreichend Tempo. Im ersten Teil nach Handlung suchend, habe ich den Eindruck, zu viel schöne Musik für zu wenig Handlung. Stimmt. Ist für Rimski-Korsakows Ansatz jedoch unzutreffend. Oper, so interpretiere ich, ist in diesem Fall für den Komponisten opulente Bühnenunterhaltung. Wenngleich zuweilen der Witz, etwa in der Szene mit den Kohlesäcken reichlich gedehnt wird. Doch der voranstrebende musikalische Fluss lässt keine Langeweile aufkommen.

Schlussszene 2. Akt © Geoffroy Schied

Der Bayerische Staatsopernchor gibt dem heutigen Abend schillernde musikalische Farbigkeit und Agilität. Besonders die Schlussszenen vor der Pause und am Ende macht der Chor die Stimmung, das Ereignis prächtig. Zu meinen Lieblingsszenen der Produktion gehört die Schlussszene des ersten Akts „Das Koljada-Lied der Mädchen“. Sehr gute Intonation des Chors und perfekt im Einklang mit Oksana alias Elena Tsallagova.

Neben der Stimmbegleitung darf das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski alleine in einigen orchestralen Einschüben ihren geschmeidigen Klang präsentieren. So setzt es mir das Bild des Teufelsritts Wakulas von meinem Ohr in meine Vorstellung. Das ist eine der wenigen Aspekte, die diese Oper von einem technisch noch teureren Musical unterscheidet: da wäre dieser Ritt total fancy gezeigt worden. Ich mag mein Gedankenspektakel sehr, das die Musik in ihr mir auslöst.

Elena Tsallagova und Sergey Skorokhodov © Geoffroy Schied

Im Zentrum der Oper stehen Oksana, gesungen von Sopran Elena Tsallagova und Tenor Sergey Skorokhodov der den Wakula gibt. Hier passt als Einschub die dürre Rahmenhandlung: Er möchte sie zur Frau. Sie hält ihn hin. Er ist weg. Sie macht sich Sorgen, erkennt ihre Liebe. Er kommt. Heirat. Elena Tsallagova hat eine ausdauernd kräftige Stimme. Meistert ihre langen Arien bravourös. Muss sich manches Mal über den gesamten Chor setzen. Stabil, klar, präzise. Sehr gut. Sergey Skorokhodov singt makellos und unangestrengt. Er hat Heldentenoreinsätze, in denen er entschlossen strahlt.

Nicht nur der Chor ist groß, auch das solistische Personal zahlreich. Tenor Tansel Akzeybek ist ein wunderbarer Teufel: spitzbübisch in Spiel und Gesang. Manche Partien haben genau eine Szene, etwa die Zarin oder Pazjuk, in der müssen, an diesem Abend dürfen sie zeigen, was sie draufhaben. Maximal viel. Ich höre eine einheitlich sehr hohe Qualität in allen solistischen Stimmen. Nirgends Anstrengung, überall Stimmen im vollen Saft und voller Pracht.

Ballett und Akrobatik haben sehr unterhaltsame Auftritte. Insbesondere im zweiten Teil des Abends gestalten die zwei kleinen Compagnien ganze Szenen fulminant. Atemberaubend. Toll.

Opernballett der bayerischen Staatsoper © Geoffroy Schied
Ensemble mit Akrobaten © Geoffroy Schied

Barrie Kosky und sein Team lösen ihre inszenatorischen Aufgaben ebenfalls exzellent. Ganz praktisch gibt es das organisatorische Problem der vielen Menschen auf der Bühne und damit zahlreiche Auf- und Abgänge. Wenn die dauern würden, wäre der Fluss, der Rhythmus des Abends gestört. Die Lösung gelingt perfekt. Ironische Kontraste werden den Mächtigen mittels ihrer Kostüme gegeben. Tschub, der Diakon, der Dorfvorsteher haben allesamt narrenhafte Kleidung an. Und genauso handeln sie. Prächtig geht es zu bei der Zarin, aber auch im Dorf. Die Massen-Chorszenen sind eindrucksvoll, und wenn noch einer draufgesetzt werden muss, dann wird das in dieser Produktion mit all seinen wunderbaren Ausführenden auf, vor und hinter der Bühne „einfach“ gemacht – bis hin zur maximal prächtigen geradezu Musical-isch schillernden Schlussszene.

Ich sehe an diesem Abend einen Prototyp der unterhaltsamen Oper. Die Handlung ist nachrangig, die einzelnen Szenen sollen in sich wirken und tun das in mir, besser noch im zweiten Teil. Rimski-Korsakow arrangiert einen wirkmächtigen Musikflow. Kombiniert gekonnt die Folklore der Koljada mit märchenhaft mythischen Figuren. Dabei hat das Stück ausreichend wenig mit Weihnachten zu tun, so dass es zu jeder Jahreszeit ein Genuss ist. Das gesamte künstlerische Team zieht für diese Produktion an diesem Abend ihre Register gekonnt.

Es im besten Sinne eine wunderbar facettenreiche, spektakuläre und sehr unterhaltsame Show!

Frank Heublein, 30. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung

Musikalische Leitung Vladimir Jurowski
Inszenierung Barrie Kosky
Bühne und Licht Klaus Grünberg
Kostüme Klaus Bruns
Choreographie Otto Pichler
Chor Christoph Heil
Dramaturgie Saskia Kruse

Die Zarin Violeta Urmana
Der Dorfvorsteher Sergei Leiferkus
Tschub Dmitry Ulyanov
Oksana Elena Tsallagova
Solocha Ekaterina Semenchuk
Wakula Sergey Skorokhodov
Panas Milan Siljanov
Diakon Ossip Nikiforowitsch Vsevolod Grivnov
Pazjuk Matti Turunen
Der Teufel Tansel Akzeybek
Eine Frau mit veilchenblauer Nase Alexandra Durseneva
Eine Frau mit gewöhnlicher Nase Laura Aikin

Opernballett der bayerischen Staatsoper
Fanny Deponti, Élia Araujo Medeiros, Anayss Ranalli, Prince Mihai, Rouven Pabst, Matt Emig

Akrobatik
Lisa Härtl, Ella Hummel, Daniela Maier, Luzie Lou Marschke, Alex Breiter, Serhat Perhat

Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor

Der Nussknacker, Choreografie John Neumeier Nationaltheater München, 4. November 2025

Blu-ray-Rezension: Nikolay Rimsky-Korsakov, The Golden Cockerel klassik-begeistert.de

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