Wien feiert Maria Nazarova als neue Staatsopern-Sensation!

Francis Poulenc Dialogues des Carmélites  Wiener Staatsoper, 29. November 2025

Foto: Maria Nazarova © Liliya Namisnyk

Mit einer sensationellen Aufführung von Francis Poulencs Dialogues des Carmélites bringt die Wiener Staatsoper diese nicht sehr oft gespielte Oper auf die Bühne. Maria Nazarova gelang eine umjubelte Sensationsleistung, Robin Ticciati und das Orchester holten die in der Regie abwesende Revolutionsstimmung musikalisch nach.  

Dialogues des Carmélites
Musik und Libretto von Francis Poulenc

Text nach dem Drama von Georges Bernanos Bearbeitet mit der Genehmigung von Emmet Lavery nach einer Erzählung von Gertrude von Le Fort und einem Drehbuch von Pfarrer Bruckberger und Philippe Agostini

Wiener Staatsoper, 29. November 2025

von Johannes Karl Fischer

Ich traue meinen Augen nicht. Francis Poulenc, Dialogues des Carmélites, ausverkauft. Sowas kriegt auch nur die Wiener Staatsoper hin! Endlich bekommt diese musikalisch geniale und viel zu selten gespielte Oper mal eine verdiente Auslastung.

Nazarova singt sich zur neuen Wiener Opernsensation

Gründe zum Feiern hatte das leider nicht ganz so applauslustige Publikum viele, beginnend mit der neuen Staatsopern-Sensation Maria Nazarova. Lebenslustig stürzte sich die Koloratursopranistin in die Rolle der Schwester Constance und ließ ihre Melodien freudestrahlend von der Bühne segeln. Wie aus den Engen des Karmelitenklosters befreit strahlte ihre Stimme über die Bühne und erwärmte die musikalischen Herzen des Publikums mit der leuchten Gesangssonne ihrer Stimme!

Dieser Sensationsleistung stand Olga Kulchynskas berührende Darbietung der Blanche de la Force um nichts nach. Ein wenig seliger strömten ihre Melodien über den Graben, doch hörte man auch in ihrer charakterlich zurückhaltenden Partie stets die innere Zerrissenheit in diesen gefängnisartigen Zuständen des Klosters. Oberflächlich hörte man hier eine gehorsame, befehlsfolgende Karmelitinnenschwester, darunter drangen aus ihrer Stimme die tiefen Emotionen dieser Figur fesselnd in die Ohren des Publikums.

Poulenc endlich auf Staatsopernniveau

Mit kraftvoller Mezzostimme brillierte auch Sylvie Brunet-Grupposo in der Partie der glaubenstreuen Madame de Croissy. Zu einem weiteren Highlight der Vorstellung wurde Maria Motolyginas Schlussmonolog als Madame Lidoine, welcher das in den musikalischen Himmel aufsteigende Salve Regine mit selig schwebender Stimme wunderbar einleitete. Julie Boulianne sang eine stimmlich souveräne Mère Marie, leider fiel sie als einzige Solistin des Abends in Sachen Textverständlichkeit nicht immer positiv auf. Naja, ein kleiner Schönheitsfehler nebenbei.

Bogdan Volkov sang einen sehr guten, wenn auch sehr braven Chevalier, übrigens der einzige nennenswerte Tenor dieses Werks – hört man auch nicht alle Tage. Seine makellose Textverständlichkeit und klaren Melodien überzeugten auf ganzer Linie, auch wenn ein wenig mehr stimmlicher Mut der Partie nicht geschadet hätte. Umso schlagkräftiger sang Michael Kraus den Marquis de la Force, sein bärenstarker Bariton beherrschte die tiefen musikalischen Lagen der Oper und versuchte seine Tochter vor ihrem Schicksal zu bewahren.

Die nahezu unzähligen Nebenrollen dieses Werks waren den Ansprüchen des Hauses entsprechend sehr stark besetzt. Selbst Simonas Strazdas brillanter Bass, der hier die Melodien des zweiten Kommissars klar und kraftvoll in Stimme setzte, hätte an fast allen anderen Häusern dieser Welt wohl einwandfrei den Fidelio-Rocco singen können. Ein Jammer, dass der Zeit geschuldet nicht einmal alle Karmelitinnen einen eigentlich höchst verdienten Einzelapplaus bekamen.

Fuchsbergers Regie traut sich nicht an das Werk

Magdalena Fuchsbergers im Vergleich zur Wallmann-Tosca oder Zeffirelli-Bohème noch recht neue Regie – Premiere war 2023 – startete mit einer facettenreichen Darstellung des Klosters recht überzeugend in den ersten Akt. Im zweiten Teil zeigte sie sich ähnlich mutlos wie die zuletzt 2022 in Hamburg gespielte Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff. Trotz einer bewegenden Personenregie war von der in der Musik sehr (!) deutlich zu hörenden und in diesem Werk zentralen Französischen Revolution kaum etwas auf der Bühne zu sehen. Ein paar brave Fahnenschwenker im Hintergrund, ansonsten beherrschte eine selige, christliche Ruhestimmung die Bühne. Anscheinend traut sich keiner zu dem politischen Geschehen und der Kirchenkritik dieses Werks Stellung einzunehmen…

Revolutionsstimmung im Graben

Die auf der Bühne fehlende Revolutionsstimmung kompensierten Robin Ticciati und das in Topform spielende Orchester der Wiener Staatsoper bestens aus dem Graben. Eifrig und präzise stürzten sich die Musiker bereits in den ersten, stark im Ohr nachklingenden Akkord und sorgten so für die zweite Sensation des Abends! Mit seinem auch sichtbar sehr differenzierten Dirigat holte Herr Ticciati alle Facetten aus Poulencs anspruchsvoller Partitur und ließ die Musik furchtlos nach vorne stürmen.

Mit dieser musikalisch packenden Aufführung schenkt die Wiener Staatsoper ihre einzigartige künstlerische Exzellenz auch Poulenc und seinem Meisterwerk. Eine bessere Aufführung dieser deutlich unterspielten Oper wird man derzeit kaum erleben können!

Johannes Karl Fischer, 30. November 2025 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Francis Poulenc, Dialogues des Carmélites Wiener Staatsoper, 28. Januar 2024 / 4. Februar 2024

Francis Poulenc, Dialogues des Carmélites Staatstheater Braunschweig, 15. November 2024

Symphonischer Chor Hamburg, Neue Philharmonie Hamburg, Werke von Lili Boulanger, Frank Martin, Francis Poulenc und Felix Mendelssohn Bartholdy klassik-begeistert.de, 21. April 2024

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