Eine Diva ist geboren, und sie heißt Lady Asmik G.

Asmik Grigorian, Sopran, Hyung-ki Joo, Klavier und Gesang  Wiener Staatsoper, 2. Dezember 2025

A Diva is Born Grigorian © Ashley Taylor

Der Soloabend mit Asmik Grigorian und Hyung-ki Joo zeigte humorvoll und parodistisch angehaucht den steinigen Werdegang einer Diva. Grigorian begeisterte mit ihrer charismatischen Bühnenpräsenz und einer erstaunlichen sängerischen und darstellerischen Vielseitigkeit. Joo war ein brillanter Partner am Klavier und ein witziger Conferencier. Das Publikum im restlos ausverkauften Haus dankte mit lautstarkem Beifall.

A Diva is Born.

Konzipiert, kreiert und ausgeführt von:

Asmik Grigorian, Sopran
Hyung-ki Joo, Klavier und Gesang

Wiener Staatsoper, 2. Dezember 2025


von Dr. Rudi Frühwirth

Der Abend begann ernst, mit einem bezaubernden kurzen Klavierstück aus Hyung-ki Joos Album Childhood. Ein armenisches Volkslied klang traurig und einsam vom Balkon, vokalisiert ohne Text. Ein Klavierstück von Alexander Arutiunian und ein zweites armenisches Volkslied leiteten über zur Nummer 5 (Aria) aus den Bachianas Brasileiras von Heitor Villa-Lobos.

Grigorian ging langsam den Mittelgang Richtung Bühne, während sie die vorgeschriebenen Vokalisen sang. Weitere Vokalisen folgten: Souvenir de Constantinople von Reynaldo Hahn und Ravels Habanera. In diesen Stücken ist die menschliche Stimme ein Instrument, und zwar ein großartiges Instrument, wenn sie aus der Kehle von Asmik Grigorian kommt: rein, kontrolliert, mit einem zauberhaft klaren Piano in der Höhe und einer ausdrucksvollen mittleren und tiefen Lage.

Nach einem kurzen Intermezzo am Klavier befand der Pianist, es sei nun an der Zeit, endlich Worte zu singen – das ist in der Oper schließlich unbedingt erforderlich. Grigorian antwortete mit Bernsteins Piccola Serenata, die tatsächlich einen Text hat, der aber leider aus sinnlosen Silben besteht. Der nächste Schritt war Poulencs Lied Honoloulou in Hawaiianischer Sprache. Joo war noch immer nicht zufrieden, und begann mit Memories von Charles Ives. Der Text zu Beginn “We’re sitting in the opera house; We’re waiting for the curtain to arise” muss in halsbrecherischem Tempo gesungen werden; hier hatte Grigorian hörbare Schwierigkeiten, ob wirklich oder vorgetäuscht, kann ich nicht sagen.

A Diva is Born Grigorian © Ashley Taylor

Joo leitete daher über zu Puccini, um die Sängerin auf den Weg zur Operndiva zu leiten. Für O mio babbino caro aus Gianni Schicchi ist Grigorians Stimme wohl etwas zu dramatisch. Das merkte auch der Pianist und begann daher Un bel dì, vedremo aus Madama Butterfly.

Obwohl absolut hinreißend gesungen, war Joo wieder unzufrieden und meinte, für eine so hässliche Stimme wäre Or tutti sorgete aus Verdis Macbeth gerade richtig. Also sang Grigorian brav die Arie, ohne Joo wirklich zufrieden zu stellen. Der letzte Versuch, aus der Sängerin eine Operndiva zu machen, war die Habanera aus Bizets Carmen. Angestachelt von Joo, zog Grigorian alle komischen Register ihres schauspielerischen Talents und löste mit übertriebenem Schwingen der Hüften und Raffen des Rockes wahre Lachstürme aus.

A Diva is Born Grigorian © Ashley Taylor

Joo sah ein, dass sein Vorhaben aussichtslos war und versuchte sein Glück mit West Side Story und I feel pretty. Das Lied gefiel dem Publikum außerordentlich, aber Joo war noch immer nicht glücklich und verlangte Moon Over Bourbon Street, die tiefgründige Ballade von Sting.

Grigorian stimmte im Opernstil an, worauf Joo entsetzt abwinkte und ein Mikrophon verlangte. Grigorian verschwand hinter einem Wandschirm und erschien wieder in einer kessen Lederkluft. Sie nahm das Mikrophon und begann mit der Ballade nicht nur äußerlich, sondern auch stimmlich völlig verwandelt: in tiefer Bruststimme mit verblüffend echter poppig-jazziger Artikulation, stilistisch perfekt begleitet von Joo.

A Diva is Born Grigorian © Ashley Taylor

Endlich war sie geboren, die Popera Diva Lady Asmik G! Grigorian setzte sich zum Klavier, begann mit dem allseits bekannten C-Dur Präludium von Bach, sang aber freilich nicht das Ave Maria, sondern leitete geschickt über in einen Song von Lady Gaga, Always remember us this way aus dem Film A Star Is Born, passend zur Geburt einer Diva aus dem Geiste der Musik. Nach zwei weiteren, hinreißend vorgetragenen Songs aus dem Film kehrte die Diva wieder in ihr angestammtes Gebiet, die Oper, zurück.

Rasch wurde ein langer Rock über die gewagten Shorts und Stiefel gezogen, und schon stand Norma auf der Bühne und stimmte Casta Diva aus Bellinis Oper an. Grigorian wurde für ihre berührende Interpretation mit heftigem Applaus belohnt, der dringend nach Zugaben verlangte.

Zuerst war Joo an der Reihe. Er spielte ein virtuoses Klavierstück, das ich nicht kannte, aber sehr an Bartók erinnerte.

Dann kam Grigorian auf die Bühne in einem Kleid mit einer viele Meter langen Schleppe, wie sie einer Diva eben gebührt. Der Schleppträger war niemand geringerer als Herr Direktor Bogdan Roščić persönlich.

A Diva is Born Grigorian © Ashley Taylor

Grigorians Zugabe war das köstliche Lied des britischen Komikerduos Flanders and Swann, A Word on My Ear (I’m Tone Deaf). Um so perfekt so falsch zu singen, muss man schon sehr musikalisch sein! Der Abend, der so ernst begonnen hatte, endete mit großem Gelächter und begeistertem Applaus.

Dr. Rudi Frühwirth, 3. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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