Waves and Circles Blake Works I, Violetta Keller © Nicholas Mackay
Die Verschmelzung von Tanz und Musik, in der ich ganz im Moment bin, die geschieht an diesem Abend in mir lediglich punktuell.
WAVES AND CIRCLES
Blake Works I (2016)
Choreographie William Forsythe
Musik James Blake
Megahertz (2025, UA)
Choreographie Emma Portner
Musik Paddy McAloon / Prefab Sprout
Boléro (1961)
Choreografie Maurice Béjart
Musik Maurice Ravel
Musikalische Leitung Patrick Lange
Bayerisches Staatsorchester
Nationaltheater, München, 21. Dezember 2025 PREMIERE
von Frank Heublein
An diesem Abend bringt das Bayerische Staatsballett seine erste Premiere der Spielzeit auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters.

Im Basketball nennt man es Spacing: die Verteilung der ausführenden Personen im Feld, so dass mit Pässen und Laufwegen eine Person frei zum Wurf kommt.
Forsythe setzt seine Ensembleszenen genau so in den Bühnenraum. Perfekt positioniert, nicht nur für die ausgeführte Figur, sondern auch für die kommende. Zu sieben Songs von James Blake choreographierte William Forsythe 2016 für die Pariser Oper diese dreißig Minuten genannt Blake Works I. In I need a forest fire, Waves know shores und Two men down kommt dieses Spacing überwältigend gut zur Geltung.
Welche Symmetrie, welche Eleganz, welche Lockerheit, welcher Fluss, in dem die Figuren ineinander übergehen. Großartig. Den intimsten Moment des gesamten Abends erlebe ich in The colour in anything. Ein anrührender pas des deux, hier verschmilzt Musik und Tanz zu einem magischen Moment. Insgesamt lässt Forsythe ziemlich „klassisch“ tanzen, die Damen tragen Spitzenschuhe. Popmusik so getanzt, daraus entsteht Spannung. Die Abfolge der Songs ermöglicht bunte Vielfalt, die sich in unterschiedlichen Formaten: von der großen Gruppe hin zum Duett ausdrückt.
In den besten Momenten überträgt sich der Gesang die Melodie unmittelbar auf die Körper der Tänzerinnen und Tänzer hin zu mir. In den schwächeren sehe ich perfekt dargebotenen Tanz, der nicht zu meinem Herz vorzudringen vermag.

Die Uraufführung des Abends heißt Megahertz. Choreographin Emma Portner setzt als bestimmenden organisierenden Faktor das Licht ein. Die Bühne und die Szenen werden durch Licht – Spots, kantige Lichtlinien, nebeliges Strahlen aus der Hinterbühne organisiert. Ich bin ein Liebhaber dieser Lichtkonstrukte, eine tolle ausdrucksstarke Idee. Im Laufe des Stücks werden viele unterschiedliche Effekte eingesetzt. Eine konzeptuelle Linie vermittelt sich mir dabei nicht.
Die Musik hat keinerlei strukturierendes Element, sie fließt gleichmäßig mit praktisch keiner dynamischen Änderung vor sich hin. Der Flash Emma Portners beim ersten Hören der Musik, so das Programmbuch, überträgt sich mir nicht. Zu einer Einheit fügt sich diese Choreographie in mir nicht zusammen. Doch gibt es intensive! schöne! wunderbare! Momente. Überragend getanzte komplexe Figuren auf engster Fläche – im Kontrast zu dem zur Verfügung stehenden großen Bühnenraum. Das Tänzersolo in der musikalischen Stille am Ende der Choreografie.


Boléro oder Osiel Gouneo tanzt ein etwa fünfzehn minütiges Solo auf einem großen roten Tisch. Das Bayerische Staatsorchester spielt unter der Leitung von Patrick Lange einen ordentlichen Boléro. Das meist gespielte Klassikstück der Welt entfacht in dieser statischen Choreographie keine Magie in mir. Die solistische Leistung ist herausfordernd, Osiel Gouneo tanzt exzellent und beweist damit auch fast übermenschliche Ausdauer.
Ein sehr gut getanzter Abend, der in mir doch keine Begeisterung auslöst. Dazu ist Forsythe Spacing stellenweise „zu perfekt“. Ich gerate so an die Oberfläche, verlasse den Flow. In Megahertz verbindet sich in mir die Musik zu wenig mit dem Tanz. Den hier sehr statischen Boléro habe ich am Haus im Juni 2023 frecher, agiler und spritziger gesehen. Die Verschmelzung von Tanz und Musik, in der ich ganz im Moment bin, die geschieht an diesem Abend in mir lediglich punktuell.
Frank Heublein, 22. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
ensemble oktopus/Ballett-Akademie Reaktorhalle, München, 25. Mai 2025
Dance Festival: This resting, patience Schwere Reiter, München, 25. Mai 2025