Beethoven 9: So hört sich eine wunderbare „Freude schöner Götterfunken“ an

Ludwig van Beethoven, 9. Sinfonie  Wiener Konzerthaus, 30. / 31. Dezember 2025 / 1. Januar 2026

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, Foto: Lukas Beck

Wiener Konzerthaus, 30. / 31. Dezember 2025 / 1. Januar 2026

Ludwig van Beethoven, 9. Sinfonie

Von Kathrin Schuhmann

Kann es einen passenderen musikalischen Schlusspunkt für ein Jahr geben als Ludwig van Beethovens Neunte? Am Silvesterabend des 31. Dezember 2025 versammelte sich ein erwartungsvolles Publikum im Großen Saal des Wiener Konzerthaus, um das alte Jahr mit jenem Werk zu verabschieden, das wie kaum ein anderes zwischen humanistischem Idealismus und musikalischer Radikalität oszilliert.

Heutzutage ist kaum mehr nachzuvollziehen, welcher gattungsästhetische Skandal von dieser Symphonie bei ihrer Uraufführung 1824 ausging: Eine Symphonie, die sich im Finalsatz des gesungenen Wortes bedient – und das auch noch in solch monumentalem Ausmaß? Was damals Befremden auslöste, ist heute zum Inbegriff musikalischer Feierlichkeit geworden.

Der Russo-Finne Dima Slobodeniouk führte die Wiener Symphoniker maßvoll durch das Jahrhundertwerk. Er legte sein Augenmerk weniger auf vordergründige Effekte als auf eine strukturelle Klarheit. Besonders erfrischend war, dass er immer wieder die Holzbläser über den Streicherteppichen klanglich hervortreten ließ, was dem oft gespielten Werk eine im besten Sinne merkwürdige Transparenz und frische Farbigkeit verlieh.

Das Orchester zeigte sich in Bestform. Besonders im zweiten Satz überzeugten Präzision und rhythmische Geschlossenheit, während der langsame dritte Satz durch einen ruhigen musikalischen Atem und sorgfältig aufgebaute Spannungsbögen bestach. Der eruptive Beginn des Finales wirkte dadurch umso zwingender – nicht als bloßer Effekt, sondern gleichsam logische Konsequenz der vorangegangenen musikalischen Entwicklung.

Im Solistenquartett zeigte sich ein differenziertes Bild. Die Sopranistin Christiane Karg sang delikat, zurückhaltend und schlang sich anmutig durch ihre Koloraturen. Ihr Gesang fügte sich harmonisch in das vokale Ensemble ein, ohne je aufdringlich zu wirken. Beth Taylor verlieh der Altpartie mit würdevoller Ruhe und tragfähigem Klang Fundament und Tiefe. Der Tenor Julian Prégardien wirkte stellenweise angestrengt, insbesondere in den exponierten Höhen. Alexander Grassauers Bassbariton war von einem ausgeprägten Vibrato geprägt, das es nicht immer leicht machte, der melodischen Linie zu folgen.

Umso geschlossener und eindrucksvoller präsentierte sich der Chor. Die Wiener Singakademie sang – wie schon in den vergangenen Jahren zu diesem Anlass – auswendig und mit beeindruckender Präsenz. Mit klanglicher Wucht, Präzision und spürbarer Inbrunst trugen die Sängerinnen und Sänger Schillers Vision von Freude und Brüderlichkeit in den Saal.

Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. So entließ Beethovens Neunte die Zuhörerschaft – erfüllt, bewegt und vielleicht ein wenig hoffnungsvoller – in das neue Jahr.

Kathrin Schuhmann, 3. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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