Das Doppel-Ballett Romantic Evolution/s zieht trotz des sperrigen Namens zunehmend Publikum ins Haus

La Sylphide/Äther  Hamburgische Staatsoper, 9, Januar 2026

Ensemble 2. Akt La Sylphide (Foto: RW)

Wie Silvia Azzoni der triebhaften, den dunklen Mächten verbundenen Madge tänzerisch Kraft verleiht, zeugt von großer darstellerischer Kunst. Allein der Wandel im mimischen Ausdruck von der triumphierenden bösen Hexe hin zur in ihr reifenden Erkenntnis, dass sie dereinst dafür wird bezahlen müssen, erweist sich als unter die Haut gehender Schlusspunkt in Bournonvilles La Sylphide.

La Sylphide, Ballett von August Bournonville
Äther, Ballett von Aleix Martínez

Musik von Herman Severin Løvenskjold; Peteris Vasks, Arvo Pärt, Arnau Obiols

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Leitung   Henrik Vagn Christensen

Hamburgische Staatsoper, 9. Januar 2026

von Dr. Ralf Wegner

Es ist ein langer Abend mit drei Akten und zwei Pausen; das Stück Äther von Aleix Martínez, der diesmal die Hauptpartie von Jack Bruce wegen dessen Erkrankung übernommen hatte, war mit 50 Minuten der längste. Die formalen Qualitäten was Soli, Pas de deux und Ensembleformationen betrifft, stimmen immer noch, aber inhaltlich erschloss sich mir das Stück immer weniger. Unverändert bewundernswert ist es, Ida Stempelmann beim Derwisch-Drehen zuzuschauen oder am Ende Florian Pohl und Hayley Page beim Schluss-Pas de deux. Dazu sang Katja Pieweck wunderschön My Heart’s in the Highlands.

Wenn es denn Katja Pieweck war oder doch die auf dem abendlichen Besetzungszettel genannte Ida Aldrian mit Pieweck-Perücke. Warum wurde der Wechsel, wie früher üblich, nicht im Schaukasten für jedermann lesbar angezeigt? Bei den Tänzerpartien passiert solches auch mitunter; zum Beispiel trat in der letzten Saison Lloyd Riggins für Damiano Pettenella in Romeo und Julia auf, ohne dass der Wechsel angezeigt wurde. Das ist Missachtung des Publikums, ebenso die mittlerweile auffällig kurzen Zeiten zwischen Aufführung und Bekanntgabe der jeweiligen Abendbesetzung.

So lässt sich dem Internetauftritt des Hamburger Balletts jetzt vier Tage vor Beginn der Tod in Venedig-Serie immer noch nicht entnehmen, wer die Hauptpartien tanzen wird. Dabei wird verkannt, dass manche Entscheidung für einen Besuch der Vorstellung von der jeweiligen Abendbesetzung abhängt. Und nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer sehen sich das Ballett mehrfach mit unterschiedlichen Besetzungen an. Da muss man schon sehr ballettaffin sein, um sich sämtliche möglichen Tage bis zuletzt frei zu halten.

La Sylphide: Hayley Page (Anna, James Mutter), Silvia Azzoni (Madge, eine Hexe), Olivia Betteridge (La Sylphide), Louis Musin (James), Francesca Harvey (Effie, James Verlobte) (Foto: RW)

Beim dritten Sehen vermochte Bournonvilles La Sylphide mehr zu fesseln als bei den anderen gesehenen Vorstellungen. Das lag auch an der Besetzung, vor allem aber an dem tieferen Einblick in den tänzerischen Stil und die Leistungen der Protagonisten.

Vor allem ist Silvia Azzonis Leistung als Hexe Madge zu würdigen. Wie sie dieser triebhaften, den dunklen Mächten verbundenen Frau tänzerisch, man kann es nicht anders beschreiben, mit den Händen, den Füßen und ihrer Mimik Kraft verleiht, zeugt von großem darstellerischen Vermögen. Allein der Wandel im mimischen Ausdruck von der triumphierenden bösen Hexe zur in ihr reifenden Erkenntnis, dass sie dereinst dafür wird bezahlen müssen, erweist sich als unter die Haut gehender Schlusspunkt in diesem Stück. Wir saßen allerdings auch in der Nähe in der ersten Loge und konnten so die Details besser wahrnehmen als weit von hinten im Parkett.

Louis Musin zeigte wieder einen sprungstarken James. Der ihm sehr ähnlich aussehende Francesco Cortese tat es ihm als sein Rivale Gurn um die Gunst von Effie nach. Olivia Betteridge war eine bezaubernde Sylphide, deren schlimmes Schicksal, Tod durch den von James überreichten, von der Hexe heimlich vergifteten Schal, James am Ende das Herz brach. Und eine quicklebendige Francesca Harvey bestach als Braut Effie auf der Bühne mit einer überzeugenden Darstellung, wenngleich sie kaum etwas zu tanzen hatte. Daneben beeindruckten die schottischen Volkstänze im ersten und die mehr ätherisch auftretenden Sylphiden im zweiten Akt.

Äther: Emiliano Torres, Ana Torrequebrada, Valeriy Sokolov (Solo-Violine), Florian Pohl, Hayley Page, Katja Pieweck, Ida Stempelmann, Aleix Martínez und Xue Lin (Foto: RW)

Obwohl das Haus trotz nahezu ausverkaufter Vorstellung wegen der angekündigten und dann doch nicht eingetretenen „Schneestürme“ und der eingeräumten Möglichkeit der Kartenrückgabe nur etwa gut zur Hälfte besetzt war, tat das dem Beifall des begeisterten Publikums keinen Abbruch. Und das galt nicht nur für Bournonville, sondern sogar noch mehr für das von Aleix Martínez choreographierte Stück Äther.

Dr. Ralf Wegner, 10. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

La Sylphide, Ballett von August Bournonville Hamburgische Staatsoper, 12. Dezember 2025

ROMANTIC EVOLUTION/S Ballettabend/August Bournonville und Aleix Martínez Hamburgische Staatsoper, 7. Dezember 2025

La Sylphide, Ballett in zwei Akten Bayerisches Staatsballett, Nationaltheater, 3. Dezember 2024

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