Laeiszhalle © Thies Rätzke
Anschlagsprobleme am Klavier, eine witterungsbedingt verschobene Generalprobe, egal. Gemeinsam mit einem sensationellen Debüt der Pianistin Alexandra Dovgan heiterten die Hamburger Symphoniker das Publikum an diesem verschneiten Freitag musikalisch auf. Passender zu Beethoven hätte die Stimmung nicht sein können!
Symphoniker Hamburg
Pierre Bleuse, Dirigent
Alexandra Dovgan, Klavier
Werke von Ludwig van Beethoven, Manuel de Falla und Maurice Ravel
Laeiszhalle Hamburg, 9. Januar 2026
von Johannes Karl Fischer
Ein bisschen Wintereinbruch, Schnee bedeckt die Straßen, und schon liest man in jeder zweiten Tageszeitung im Norden: „Schneechaos“. Bei der schweizerischen Bundesbahn würde man das wohl Satire nennen. In Hamburg leider nichts Neues. Erstaunlich tapfer schlug sich das Klassikpublikum in die Laeiszhalle, beim ausverkauften Haspa Neujahrskonzert blieben nur noch sehr vereinzelt Plätze frei. Kein Wunder, passender zu Beethoven hätte die Stimmung nicht sein können. Anekdoten über stundenlange Uraufführungen im winterig vereisten Wien gibt’s genug. Damals halt ohne Heizung. Manchmal hat man das Gefühl, das gehört schon fast zu dieser Musik.
Und noch etwas erinnerte an diesem Abend an die Zeit Beethovens. Wie ich in der Pause erfuhr, hatte das Klavier spontan Anschlagsprobleme, womit all meine Verwunderung über den einen oder anderen fehlenden Ton komplett erklärt war. Diese extrem fordernde Situation meisterte die gerade einmal 18-jährige Pianistin Alexandra Dovgan mit Bravour. Ehrlich gesagt, hätte ich in der Beethoven-Phase meiner Kindheit das 5. Klavierkonzert nicht tagtäglich mehrmals angehört, mir wär’s nicht aufgefallen.
Unbeeindruckt den Umständen brachte Frau Dovgan dieses monumentale Werk in all seinem Glanz zum Klingen. Viele Akkorde, vor allem im zweiten Satz, gingen zauberhaft und fast schon synästhetisch unter die Haut. Mit jeder Note spürte man ihre ganze Liebe zu dieser Musik, mühelos ließ sie die Läufe aus den Saiten gleiten. Wie ein gewaltiger, doch sanfter Klangteppich rollten die Arpeggi über die Bühne, klangvoll strahlte auch der dritte Satz. Man hatte das Gefühl, eine namenlose Freude würde in der musikalischen Seele aufblühen.

Das waren vierzig Minuten reinster Beethoven-Zauber.
Auch die Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Pierre Bleuse lieferten dieser herausragenden solistischen Leistung eine mindestens solide Begleitung. Die zahlreichen Bläsersoli vereinigten sich in zauberhafter Harmonie mit Frau Dovgan. So ganz flüssig wollte sich der Streicherklang an der einen oder anderen Stelle trotzdem nicht mischen. Vielleicht auch den Umständen geschuldet. Witterungsbedingt musste die für Vormittag geplante Anspielprobe auf den Nachmittag verschoben werden, so Intendant Daniel Kühnel bei seiner Einführungsansprache.
Mit einer lockeren, fetzigen Darbietung von Manuel de Fallas erster „El sombrero de tres picos“-Suite startete das Orchester dann in die zweite Hälfte des Abends. Die Musiker hatten sichtlichen Spaß an diesen heiteren, tänzerischen Klängen und ernteten dafür viel stimmigen Applaus. Mit Ravels „Une barque sur l’océan“ – eine Eigenbearbeitung des Komponisten aus seinem Klavierzyklus „Miroirs“ – brachten die Musiker einen majestätischen Orchesterklang in all seinem bunten Farben in die Luft, man spürte die Wucht einer enormen Hochseewelle durch den Saal schwappen. In der Ruhe liegt die Kraft.

Und nun das Beste zuletzt: Ravels Boléro, ein absoluter Schlager-Hit zum Schluss. Ich weiß nicht, wie viele unzählige Aufnahmen und Aufführungen dieses Werks ich schon gehört habe. Jedenfalls kaum eine so elegante, durch die Ränge schreitende Interpretation wie heute. Diese Melodie dürften die meisten wohl auswendig singen können, trotzdem berührte jedes der wunderbar gespielten Soli die musikalische Seele gänzlich aufs Neue. Und schwupps, da fegte Herr Bleuses beschwingtes Dirigat auch schon den feurigen Schluss durch den Saal und schickte die Zuhörer gut gelaunt in den Hamburger Winterabend. Wie, schon vorbei?
Allen Umständen zum Trotz – Winterwetter, Klavierprobleme – wurde auch dieses Haspa Neujahrskonzert zu einem vollen Erfolg. Diese Musik ist eine durch keinen Wettergott der Welt aufzuhaltende namenlose Freude. Zurecht wurden Solistin und Orchester vom Publikum lautstark gefeiert!
Johannes Karl Fischer, 10. Januar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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