MoWo2026 Zauberflöte © Werner Kmetitsch
Viva Mozart. Alles im Zeichen des Salzburger Sohns, Wunderkinds und Komponisten. Bei der Mozartwoche gelingt Rolando Villazón eine außergewöhnliche Deutung der „Zauberflöte“. Abgesehen von Feinheiten überzeugen die Sänger durch die Bank. Das Mozarteumorchester Salzburg unter der musikalischen Leitung von Roberto González-Monjas füllt die Partitur mit Feuer, Tiefgang und glänzenden Einzelstimmen.
Wolfgang Amadeus Mozart & Emanuel Schikaneder
Die Zauberflöte (Premiere)
Mozartwoche, Haus für Mozart, 23. Januar 2026
von Jürgen Pathy
Nach der Vorstellung bleiben einige verdutzte Gesichter. Dass Mozarts Leichnam zum Ende per Seil in die Höhe schwebt, verursacht Unruhe im Saal. Als er kurz danach quietschfidel plötzlich Salti schlägt, heißt es nur: „Das ist eben Villazón“. Der gebürtige Mexikaner hatte Mozart bis dahin eine berührende Hommage gewidmet. Alles in seiner Inszenierung dreht sich um den berühmtesten Sohn Salzburgs, dessen Familie ursprünglich aus Bayern zugezogen sei.
Die Gäste aus dem Nachbarland hinter mir sind dann auch einmal schmähstad – ruhig also. Nachdem sie zuvor einen Spruch nach dem anderen losgelassen hatten. „Die drei Damen san a bissl schlüpfrig.“ Diese sind, wie auch der Rest der Gesellschaft, in einem Zimmer unterwegs. Bett, Standuhr, Kasten und ein Flügel. Das war’s.
Mozarts Sterbezimmer als Bühne
Villazón verlegt seine Inszenierung konsequent in Mozarts Sterbezimmer. Dessen letzte Nacht ist angebrochen. Gequält oder erlöst von Halluzinationen, je nachdem, wie man es sieht, meint Mozart, einer Zauberflötenvorstellung beizuwohnen. Das ist historisch alles belegt; Villazón und sein Regieteam (Dramaturgie: Ulrich Leisinger) berufen sich auf Fakten, wenn sie die Geschichte bis zum Ende in diesem Delirium spielen lassen.

Dass der Typ mit dem grünen Umhang Mozart selbst ist, ist nicht jedem sofort klar. Nur wer das Programmheft gelesen hat oder gut bewandert ist in der Materie, erkennt das unmittelbar. „Nachdem er sich ans Piano setzt, um das Lacrimosa anzuspielen, war es klar.“ Mit dem Lacrimosa aus Mozarts Requiem schließt auch Villazóns Inszenierung. Die Standuhr friert ein, zu Mozarts Todeszeitpunkt: 5. Dezember 1791, kurz vor 01:00 Uhr. Bis dahin ein Fest für Mozart – stimmlich wie inszenatorisch. Die letzten fünf Minuten muss man erst verdauen. Zu viel Villazón, zu viel Kitsch, beinahe Parodie.
Vokale Qualität von A-Z
Die Besetzung ist der Hammer. Franz-Josef Selig lässt als Sarastro viel stimmliche Würde aufkommen. Beinahe fühlt man sich an große Stimmen aus der Vergangenheit erinnert, die mit satter Tiefe und Wohlklang ebenso jedes Wort deutlich deklamiert hatten.
Der Tamino von Magnus Dietrich ist mit dramatischer Kraft angereichert, ohne die feinen lyrischen Phrasierungen und Piani zu vernachlässigen. Genauso soll der Prinz klingen. Seit Benjamin Bernheim habe ich keinen besseren Tamino gehört.

Dessen Weib, Pamina, ist mit Emily Pogorelc ebenfalls von substantieller lyrischer Präsenz. Eine klare Stimme, die kräftig ansetzt, bei der Pamina-Arie aber mehr Zurückhaltung bieten könnte. Immerhin steht bei „Ach, ich fühl’s“ alles auf der Kippe. Pamina spielt mit Suizidgedanken – das Kasperltheater kippt hier in Richtung opera seria. Nicht bei Villazón. Muss es auch nicht.
Die Zauberflöte bietet viel Freiraum bei der Deutung. Nicht, weil sie keine Qualität hätte. Ganz im Gegenteil: Weil es eine der „besten Opern“ ist. Eine Oper, die vieles benötigt. Etwa auch einen Papageno, der darstellerisch top ist, aber auch stimmlich liefert – so wie Theodore Platt. Eine Königin der Nacht, die nicht nur die Höhen mühelos bewältigt, sondern auch in der Mittellage tragfähig ist und weiche Piani zaubert – Kathryn Lewek erfüllt alles. Die Oper verzeiht aber auch vieles, weil man sich an allen Ecken irgendwo anhalten kann: Fugen, Chor, Arien, Ensembles, Dramatik, Lyrik, Lustspiel – sein ganzes Können hat Mozart musikalisch einfließen lassen. Und gemeinsam mit Librettist Schikaneder reichlich Interpretationsmöglichkeiten eröffnet – vom Kleinkind bis zum Intellektuellen, alle kann man bedienen.

Südländisches Feuer im Graben
Musikalisch bleiben Dirigent Roberto González-Monjas und das Mozarteumorchester Salzburg auf klassischer Linie, aber mit enormem Feuer. „Noch nie habe ich die Ouvertüre derart energisch gehört“, kann ich einem Gast nur zustimmen. Einzelstimmen lässt González-Monjas ebenfalls auffällig erklingen: die Oboe bei „O zittre nicht“ oder die langsamen Akzentuierungen der Streicher bei Taminos „Bildnisarie“.
In Summe ein großes Fest, das auch das Wichtigste von Mozart gekonnt in die Auslage stellt: die Musik. Zum Ende fast nur Zustimmung beim Publikum – bis auf ein einziges Buh, das sich unter die Euphorie mischt.
Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 24. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Mozartwoche Salzburg Haus für Mozart & Großer Saal, Mozarteum, 26. Januar 2025